Produktdesign: Klang mit Bauchgefühl

22.01.2011 | 17:47 |  von Karin Schuh (Die Presse)

Bei Instrumenten steht naturgemäß der Klang im Vordergrund. Das hält Produktdesigner aber nicht davon ab, diesen mittels einer Neuinterpretation des Designs zu verändern.

Drucken Versenden AAA
Schriftgröße
Kommentieren

Der Bauch war ausschlaggebend für die Form. „Vor allem Jazzmusiker haben ja meistens einen Bauch. Ich wollte eine Gitarre machen, die ein bisschen um den Körper wächst und sich anpasst“, sagt Adam Wehsely-Swiczinsky. Und da der Produktdesigner selbst, wenn überhaupt, nur einen kleinen Bauch hat, ist die Wölbung auf der Rückseite seiner Gitarre auch eher unauffällig. Ansonsten ist die blaue „Mada caimes“ doch eher auffällig. Das Material wirkt irgendwie anders, vor allem der graue Prototyp erinnert an einen vom Wasser geformten Stein.

Tatsächlich besteht das Instrument, das in Zusammenarbeit mit dem Gitarrenbaumeister Andreas Neubauer entstanden ist, aus dem in Österreich hergestellten Material Hempstone. Dabei handelt es sich um ein Hanf-Zellulose-Material, das „gut formbar ist und gut klingt“. Das Design des Musikinstruments hat wenig mit jenem der gängigen Modelle gemein. „Ich wollte die Gitarre stark vereinfachen und, dass sie aus einer Form besteht – und nicht zugeschnitten ist“, sagt der Designer in seinem Atelier, während eine dicke rote Katze auf seiner Schulter sitzt.

Ski, Prothesen und Gitarren. Wehsely-Swiczinsky verdient sich seine Brötchen nicht vorrangig mit Instrumenten. Gemeinsam mit seinem „aws designteam“ bietet er Produktdesign im Sport- und Medizinbereich an – also Skibindungen, Snowboardboots oder Prothesen. Zur Gitarre hat Wehsely-Swiczinsky – selbst Musiker – aber eine besondere Beziehung. „Ich bin über die Musik zum Instrumentenbau, dann zur Tischlerei und schließlich zum Produktdesign gekommen.“ Seine erste Gitarre baute er bereits 1990. In den Jahren 2000 und 2007 gab es dann gemeinsam mit dem Gitarrenbauer Neubauer die erste halbakustische Serienproduktion, es folgte ein halbakustischer E-Bass. Die Prototypen sind übrigens alle für Linkshänder gemacht, da der Designer selbst einer ist.

Wenn es nach Wehsely-Swiczinsky ginge, wäre das Gitarrendesign auch bei anderen Herstellern vielfältiger. „Es gibt einfach Stereotype, wie eine Gitarre ausschauen muss. Auch in der modernen Musik gibt es optische Standards. Vielleicht hat das auch mit musikalischen Vorbildern zu tun. Beim Grunge zum Beispiel hat man sich stark an den Gitarren der 1960er-Jahre orientiert.“ Auch die zackigen Hardrock-Gitarren steckt der Designer in die Stereotype-Schublade. „Man schließt von der Optik des Instruments auf den Klang.“ Genau damit wollte Wehsely-Swiczinsky Schluss machen.

Das Feedback auf die Mada-Gitarren ist durchaus positiv, auch international. Allerdings können manche mit der Neuinterpretation des beliebten Instruments wenig anfangen: „Für manche ist es ein totaler Alien.“ Leben könnte Wehsely-Swiczinsky vom Instrumentendesign nicht. Gitarren mit außergewöhnlichem Aussehen bleiben also die Ausnahme. Denn große Hersteller neigen eher zu einheitlichen, massentauglichen Formen, kleine Instrumentenbauer gehen hingegen gerne auf Kundenwünsche ein. Diese sind aber meist dann doch eher klassisch.

Die Optik zählt. Das kann auch der Gitarrenbauer Daniel Zucali bestätigen. Er arbeitet seit 20 Jahren mit dem Saiteninstrument und hat seit 2008 eine eigene Werkstatt. „Gitarristen sagen immer: Hauptsache es klingt gut. Das stimmt zwar, aber die Optik ist genauso wichtig.“ Zucali, der im niederösterreichischen Strengberg produziert, veranschaulicht das gerne mit einem Beispiel aus der Autoindustrie. „Ein Freund arbeitet bei einer großen Autofirma. Er hat mir erzählt, dass allein an der Herstellung des Schaltknüppels sechs Firmen arbeiten. Man denkt vielleicht, das sei übertrieben, aber man hat den Schaltknüppel ja andauernd in der Hand. Wenn der nicht gut in der Hand liegt, kauft man das Auto nicht.“ Zucali ist überzeugt, dass sich Design und Verarbeitung unterbewusst in den Entscheidungsprozess des potenziellen Kunden einschleichen. Er selbst ist allerdings wenig experimentierfreudig – was die Form betrifft. Er arbeitet mit Holz – dem klanglich besten Material – und setzt auf reduziertes Design.


Klangexperimente. Eine Neuinterpretation eines besonders klassischen Instruments – der Violine – wagte hingegen die Produktdesignerin Gerda Hopfgartner. Sie selbst spielt zwar hobbymäßig Gitarre und Schlagzeug, aber nicht Violine. Vielleicht hat sie es gerade deshalb gewagt, die klassische Form zu verlassen. Das Projekt entstand im Rahmen ihres Produktdesignstudiums an der Angewandten. „Natürlich war es eine große Provokation, dieses Instrument zu überdenken und in Frage zu stellen“, sagt Hopfgartner, die gerade ihr Produktionsbüro „Gavari“ ausbaut. Sie hat mit ihrem Modell einer akustischen Geige versucht, die barocken Stilelemente in die heutige Zeit zu übersetzen, inklusive Beibehaltung klanglicher Parameter.

Derzeit arbeitet der Geigenbauer Martin Rainer an der Realisierung des Prototyps. „Es war nicht leicht, dafür jemanden zu finden“, sagt die Designerin. In den nächsten Woche soll der Prototyp fertig sein. Rainer und Hopfgartner sind besonders auf den Klang der Violine gespannt, besteht doch der Korpus aus Karbon. Lediglich die Decke des Instruments besteht aus Fichtenholz. „Ich kann wirklich noch nicht sagen, wie das klingen wird. Meine Vermutung ist, dass der Klang fokussierter, enger, ja vielleicht strenger ist“, so der Geigenbauer Rainer. Sollte der Klang der schwarzen, reduzierten Violine „überwältigend“ sein, will sich Hopfgartner an die nächste Herausforderung machen: ein Cello.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.01.2011)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

AnmeldenAnmelden