Der erste Designer war Gott, glauben die Kreationisten. Der letzte war Osama Bin Laden, meinte Matteo Thun kürzlich bei einer Podiumdiskussion (natürlich nur deshalb, weil Bin Laden die ganze Welt veränderte). Alle anderen Designer, die sich auf der Skala irgendwo dazwischen bewegen, dürften kommende Woche vor allem ein Begriffspaar im Kopf haben: Möbel und Mailand. Die Industrie und die Designer brauchten keinen allmächtigen Schöpfer, um sich ihr eigenes Universum zu schaffen, und der jährliche „Salone del Mobile“ ist ihre Weltaustellung. Eine ganze Stadt lässt sich von Design und Möbeln fluten, und von den Menschen, die sie gestalten, produzieren, verkaufen oder auch nur darüber berichten wollen.
Aus den Mailänder Messehallen ist der Wahnsinn längst in die ganze Stadt gewuchert, in jede Galerie, in jeden Winkel alter Fabrikshallen fällt er ein. Doch es ist die besondere Art von Wahnsinn, dem man so gerne verfällt. Entziehen können sich auch die Österreicher der Schwerkraft des Designplaneten nicht, um den eine Woche lang Gedanken und Begehrlichkeiten willfährig kreisen. Während der österreichische Designer Philipp Bruni schon seit Wochen vier Kilometer Stahldraht biegt und formt, füllt Thomas Feichtner in Wien seinen Kofferraum für den jährlichen Mailand-Trip, auch mit zehn kleinen Konzept-Möbel-Miniaturen, die er bei der Ausstellung „Design Vision Austria“ unter dem Projektnamen „One to Five“ zeigen wird.
Diesmal nimmt Feichtner auch seine Studenten von der Kunsthochschule Kiel mit nach Mailand. „Sie machen Couchsurfing“, erzählt er. Schließlich verlangen plötzlich auch die schäbigsten Hostels mehr als 100 Euro für die dünnste Matratze im größten Schlafsaal. Doch Designer durchleben noch ganz andere Dinge: „Alle Stufen des Designers, in wenigen Tagen“, erklärt Feichtner. Anfangs dominiert noch die Euphorie, die großen Ambitionen, dann kommt der Kulturschock, die leichte Depression, produziert vom Overflow an Design und Dingen, der nicht und nicht versiegen will. „Am Ende geht man aber dann doch wieder mit der Ambition nach Hause, etwas Neues zu machen.“ In Mailand taucht Feichtner in die Massen ein, als Designer weicht er ihnen – zumindest gedanklich – gerne großräumig aus. „Mein formaler und ästhetischer Ansatz muss nicht unbedingt einem großen Publikum genügen“, meint er. „Mir selbst muss das Produkt genügen, wenn es einem anderen genügt, dann umso besser.“ Feichtner sucht die künstlerisch-experimentellen Zugänge. „Auch ich musste zurück zu meinem Bauchgefühl finden, das ich nach dem Studium schon verloren hatte.“ Für viele traditionelle Handwerksbetriebe hat er schon Produkte verwirklicht, etwa für Lobmeyr, Neue Wiener Werkstätte, Wiener Silber Manufaktur oder auch Augarten Porzellan, wie zuletzt die neue „Porcelain Vase“, die er unter anderem in Mailand präsentiert.
Heimat der Trends. Selbst in Mailand kann die gigantische PR- und Marketingmaschinerie der Möbelhersteller nicht alle experimentellen Ansätze überspülen. „Es gibt auch dort Anknüpfungspunkte abseits der Massen“, meint Feichtner. Das Handwerk rücke wieder in den Vordergrund, ein neues Bewusstsein, wodurch kleine Serien oder gar Einzelstücke, die ausscheren aus den adrett für die Masse gebürsteten Entwürfen, neue Möglichkeiten finden. „Das Objekt selbst bekommt wieder eine neue Wertigkeit. Das ist eine internationale Tendenz, die ich wahrnehme“, meint Feichtner. Das habe auch damit zu tun, „dass sich Design immer mehr der Mechanismen der Kunst bedient“. Wie Galerien, Auktionen oder der Kunstsammelboom, „die ins Design überschlagen“. In jedem Fall käme, so Feichtner, eine gute Epoche für gute Ideen auf die Designer zu. Denn: „Egal, ob Designstar oder Designstudent, alle haben heute dank Internet dieselbe Möglichkeit, ihre Entwürfe zu publizieren.“
Künstler und das experimentelle Design haben sich in Mailand in der „Zona Tortona“ verortet, außerhalb des Zentrums, weitab vom klassischen Messegeschehen und -getümmel. Nicht weniger Menschen versammeln sich dort zwar, aber vielleicht mehr Ideen pro Quadratmeter, in dem Viertel, das statt früher die Fabriksarbeiter heute die Trends beheimatet. Und dazu den Prozess, den Stadtsoziologen „Gentrifizierung“ nennen. Der Kommerz folgt der Kreativkultur wie die Tauben den Touristen vorm Mailänder Dom. Manche Möbelhersteller wie Cappellini positionieren und präsentieren sich schon bewusst im Trend-Design-District, nicht in den Messehallen. Ausstellungen, Events, Installationen, Galerien vermengen sich zu einem unüberschaubaren Jahrmarkt des Designs, Eitelkeiten inklusive. Doch kreative Designstudios ziehen schon weiter, die „Zona Lambrate“ ist gerade dabei, sich als Ausweichquartier für das Ausgefallene, Überraschende und das Neue zu etablieren.
Die Österreicher haben sich hingegen in der „Zona Tortona“ noch ein Plätzchen reserviert, in der „Galvanotecnica Bugatti“, einer ehemaligen Fabrik. Designer und Möbelhersteller inszenieren dort ihre „Design Vision Austria“, eine Ausstellung, die von der „Außenwirtschaft Österreich“ (AWO) der Wirtschaftskammer veranstaltet wird. Rainer Mutsch zeigt etwa sein modulares Outdoor-Möbel-System „Dune“, das Tiroler Designer-Trio „Pudelskern“ seine Kommode „Mrs. Robinson“. Auch der bekannte Enzi-Nachfolger „Enzo“ aus dem Wiener Museumsquartier ist auf Mailand-Exkursion. Thomas Feichtner bringt „Vienna Teapot“ und die „Fruit Bowl“ für die Wiener Silber Manufaktur mit. Und natürlich sein aktuelles Projekt „One to Five“: Zehn Rohfassungen von Ideen, die Feichtner gleichsam direkt aus seinem Skizzenbuch in kleine Kunststoff-Miniaturen im Maßstab 1:5 gegossen hat, Modelle, die nicht mehr wollen, als Möglichkeiten anzudeuten, fast wie Design-Hypothesen, die auf Verifizierung warten, durch einen Hersteller womöglich. Alles ist offen. Feichtner als Designer, der seine Ideen ausstellt, nicht der Designer, der die Ideen zu den Ausstellern trägt, wie es manche Studenten, meist vergebens, tun. „Hersteller sind wie Galerien“, meint Feichtner. „Es gibt welche, die kaufen sich gemachte Künstler. Und andere, die Künstler machen.“
Österreicher in Mailand. Philipp Bruni hat von den österreichischen Designern in die „Zona Tortona“ den kürzesten Weg. Viele Monate im Jahr arbeitet er in Mailand, die letzten Wochen hat er vor allem damit verbracht, gemeinsam mit fünf Helfern Stahldraht zu verbiegen, zu verdrehen und zu verformen. Bruni gestaltet die Ausstellung „Design Vision Austria“.
Seine Arbeit als Kurator versteht er irgendwie auch als Rahmenbauer, ähnlich wie ein Bild im geeigneten Rahmen plötzlich noch viel prächtiger wirken darf. Auf 500 Quadratmetern mischen sich die verschiedensten Produkte, Objekte, Identitäten, funktionale Ansätze, ästhetische Zugänge – nicht ganz einfach war es da, einen kohärenten roten Faden rundherum zu spinnen, wie Bruni sagt.
Sein Faden zieht sich deshalb als Stahldraht in die dritte Dimension und vier Kilometer lang durch die Ausstellung. „Er soll die Besucher quasi bei der Hand nehmen und durch die Ausstellung führen“, sagt Bruni. An verschiedenen Positionen formt sich der Draht zu Schriftzügen, die sich dem Betrachter jedoch nicht sofort erschließen. „Nur wenn sie den Code bekommen, also im richtigen Blickwinkel stehen“, so Bruni. Dann manifestieren sich die „Statements“, in denen sich die jeweilige Objekt-Vision widerspiegelt. „Im Grunde ist es ein simples Spiel mit der Überraschung und der Neugier der Besucher“. Pragmatisches Gestaltungsziel war für Bruni, in der Flut von Ausstellungen und Veranstaltungen nicht unterzugehen. Dafür brauche es eine „außergewöhnliche, überraschende“ Gestaltung, die nicht schreit, sondern sich mit einer klaren Linie zurückhält.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.04.2011)
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