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Architektur: Mehr Bubikopf braucht die Stadt

30.04.2011 | 18:18 |  von Anna Neubauer (Die Presse)

Urbanes Grau auf dauerhaftes Grün umfärben: Jede Mauer kann ein Garten sein: Zwei junge Architektinnen haben nicht nur große Ambitionen, sondern auch gleich die passende Begrünungstechnik dazu.

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Gartenbesitzer sind längst umgezogen: vom Parkettboden auf den Wiesenteppich. Von der Couch auf die Sonnenliege. Städter könnten da durchaus neidisch werden, die einzigen Gärten, die sie nutzen, sind oft die Schanigärten. Dem Grün fehlt im urbanen Raum schlichtweg der Platz. Doch auch vertikal, die Mauern und Wände hoch, dürfen die Grünflächen wachsen und wuchern, wenn man sie lässt. Und die entsprechende Technik dazu hat. Zwei junge Architektinnen haben sie jedenfalls, noch dazu selbst entwickelt, oder sind gerade dabei, es zu tun, um längerfristig urbanes Grau auf dauerhaftes Grün umzufärben.

Anna-Vera Deinhammer vom Büro Zweikanal e.U. haben es graue Betonwüsten angetan. Denn jede öde Wand, jede triste Fassade beflügelt die Fantasie der Architektin: „Am liebsten würde ich alles mit Grün aufpeppen“, sagt sie. Beginnen würde sie vielleicht, wenn man sie ließe, gleich mit der Außenwand des Schulturnsaals in der Blindengasse in Wien, einem Kunstprojekt von Julie Hayward. Der Spruch „Don't try to be an apple, if you're a banana“ könnte noch ein grünes Kleid gut vertragen, meint sie, und wie sie das schneidern könnte, weiß sie recht genau. Seit drei Jahren zerbricht sie sich gemeinsam mit ihrem Freund Philipp Wirth darüber den Kopf. Die „livinMat“ kam beim Denk- und Entwurfsprozess heraus, eine von Deinhammer entwickelte und patentierte Matte, die die Begrünung vertikaler und gekrümmter Flächen ermöglicht, ein Projekt, das von departure gefördert wurde. „Man kann sie etwa auch um Säulen wickeln, auf Wartehäuschen befestigen, lästige Rohre damit verpacken oder alte Fassaden verkleiden“, erklärt Deinhammer. In der Matte ist alles integriert, was die Pflanze braucht: sprich ein Bewässerungssystem, ein Nährsubstrat und auch zwei Membrane – damit das Rundherum nicht nass wird. Das bedeutet: Nach ein paar Wochen wachsen Gräser und Blumen, Kräuter oder Salathäupl – ganz nach Belieben – aus der „livinMat“ heraus. Und das hat neben den visuellen Effekten für das Stadtbild auch bekannte positive Auswirkungen auf das Stadtklima, aber auch auf die Bauwerke, die als Träger der Matte fungieren. „Insbesondere bei den Zinshäusern, wo es gerne mal durchpfeift, wirkt die Begrünung wärmedämmend. Die Bauten haben ja enorm viel Masse und speichern Kälte wie Wärme sehr lang. Ein Luftpuffer aus Pflanzen kann das gut ausgleichen und ein gleichmäßigeres Klima schaffen“, so Deinhammer.


Grünlabor. Aber nicht nur Outdoor, auch innen funktioniert ihre Erfindung. „Die livinMat ist gut fürs Klima, aber auch fürs Gemüt. Wir haben alle eine in den Genen verankerte Liebe zu den Pflanzen“, meint Deinhammer. Und diese darf sich in der Küche etwa in Form einer Kräutermauer manifestieren, damit man synchron zum Kochen den frischen Basilikum zupfen kann. Auch eine Anfrage für einen Bühnenvorhang hat Deinhammer schon bekommen. An der Umsetzung experimentiert sie noch, in ihrem Atelier, wo sie sich an ihren Prototypen austobt, einer Wand mit Katzengras, Bubikopf und mexikanischem Basilikum. „Es ist einfach großartig“, schwärmt sie. Und meint den Spaß an der Arbeit, die psychischen Effekte des Grüns, aber auch seine physischen: Das Katzengras filtert Schadstoffe, dämpft Geräusche und sorgt für gutes Raumklima. „Und wenn dann mal eine Party steigt, absorbiert sie sogar den Zigarettenrauch. Am nächsten Tag riecht es so, als wär' nichts gewesen“, so Deinhammer.


Grüne Wand aus Tirol. Im selben grünen, urbanen Feld, allerdings mit anderem Fokus, forscht und entwickelt die Tiroler Architektin Valentine Troi. Sie ist Gründerin der Firma Supertex, die aus einem eigens entwickelten Material, einem Flechtfaserschlauch, leichtgewichtige Gitter und Netzstrukturen herstellen. Zwischen dem Gitter werden Textiltaschen angebracht, in diese die Pflanzen gesetzt. Die Wasserzufuhr erfolgt über die Schlauchstruktur, die aus dem Material besteht, das sich Troi als „splineTEX“ schützen ließ.

Das Spannende dabei ist, dass das verwendete Material anfangs weich und damit völlig verformbar ist. Laut Troi hat es etwas in dieser Art noch nie gegeben. Nicht zuletzt deshalb hat sie auf Messen von Kunden bereits mehrmals den Vergleich mit Thonet-Sesseln zu hören bekommen. Denn genau so wie damals Holz zum ersten Mal biegsam gemacht worden ist, ist dies nun mit dem von Troi entwickelten Kunststoffmaterial möglich. Und so verwundert es nicht, wenn auch bereits die Automobilindustrie anklopft. Denn mit Supertex kann man neue, verrückte Formen bauen.

„Wenn man als Architekt ein Insekt oder ein Blatt genau anschaut, wird man ja völlig fertig, was die Natur zustande bringt“, meint Troi. Mit der Technologie von Supertex könne man sich der organischen Baukunst der Natur annähern. Setzt man die Gitter vor der Hausfassade ein, kann man Nischen und Balkone dank des leichtgewichtigen Materials aus dem Haus wuchern lassen. Oder auch pavillonartige, begehbare und vor allem bepflanzte Skulpturen sind plötzlich vorstellbar, vor allem auch im öffentlichen Stadtraum. Troi ist überzeugt, dass ihre Idee und Entwicklung die Stadt begrünen und behübschen können. Aber auch im Sommer etwas herunterkühlen. Durch die in der Struktur integrierten Düsen sprüht feiner, feuchter Nebel, das mögen die Pflanzen. Und auch die Menschen, die in ihrer Nähe sind, so reguliert sich die Temperatur im Bereich der „Green Wall“. „Das Bewässerungssystem ist wohltuend für uns Menschen. Es wird ja auch in Kuhställen verwendet, damit das Klima besser wird“, lacht Troi. Und was für Kühe gut ist, kann für Städter an heißen Tagen nicht so verkehrt sein.

LivinMat
Anna-Vera Deinhammer entwickelte mit Patrick Wirth (und mit departure-Förderung) bepflanzbare Matten, die sich um Konstruktionen wickeln und auch auf vertikalen Flächen ausbreiten können. www.zweikanal.at

SuperTEX Green Wall
Die Tiroler Architektin Valentine Troi gründete „Supertex“. Ein Unternehmen, das das frei biegsame Material „splineTEX“ entwickelte, mit dem sich auch „Green Walls“ konstruieren lassen.
www.supertex.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.05.2011)

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