»Allein sein ist wichtig für die Kreativität«

03.09.2011 | 18:02 |  von Karin Schuh (Die Presse)

Die Autorin Susan Cain über ihr Buch »Still« und die Bedeutung von Introvertierten für die Welt.

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Wann ist jemand introvertiert?

Susan Cain: Der Unterschied zwischen Introvertierten und Extrovertierten liegt in dem Ausmaß an Stimulation, das sie suchen. Introvertierte brauchen ein weniger anregendes Umfeld, sie trinken lieber ein Glas Wein mit einem guten Freund. Während Extrovertierte eine lautere Umgebung schätzen, von Teambuilding in der Arbeit bis zur großen Party am Wochenende.

Kann man das wirklich so trennen? Sind nicht viele Menschen einfach beides?

Jeder ist auf einem anderen Punkt der Introvertiert-Extrovertiert-Skala angesiedelt. Schon Carl G. Jung, der diese Begriffe in seinem 1921 erschienenen Buch „Psychologische Typen“ aufbrachte, sagte, dass kein Mensch nur introvertiert oder nur extrovertiert ist. So ein Mensch wäre schnell in einer psychiatrischen Anstalt. Gleichzeitig sind die meisten Psychologen der Meinung, dass Introvertiertheit und Extrovertiertheit die elementaren Persönlichkeitsmerkmale sind. Ich denke, das ist ein genauso wichtiges Unterscheidungsmerkmal wie das Geschlecht. Introvertiertheit oder Extrovertiertheit beeinflusst, wie man liebt, wie man arbeitet und wie man seine Freizeit verbringt.

Werden Introvertierte in unserer Gesellschaft benachteiligt? Inwiefern?

Ja, Introvertierte haben gegenüber Extrovertierten die gleiche Stellung, wie sie Frauen gegenüber Männern im Jahr 1963 hatten. Damals brachte Betty Friedan ihr bahnbrechendes Buch „The Feminine Mystique“ heraus. Unsere Arbeitswelt und unsere Schulen sind auf Extrovertierte ausgerichtet. Studien zeigen, dass die überwältigende Mehrheit der Lehrer davon ausgeht, dass der ideale Schüler extrovertiert ist, obwohl Introvertierte bessere Noten haben. Im Berufsleben werden Extrovertierte viel eher auf Führungspositionen vorbereitet, obwohl neue Studien zeigen, dass introvertierte Führungskräfte oft die besseren Ergebnisse erzielen. Das Resultat ist, dass viele Introvertierte das Gefühl haben, mit ihnen stimmt etwas nicht. Sie versuchen sich an Extrovertierten anzupassen, um Erfolg zu haben. Das ist eine riesige Verschwendung von Talent.

Wie können sich Introvertierte in einer lauten Welt zurechtfinden?

Jeder sollte daran arbeiten, jene Seite, die weniger stark ausgeprägt ist, zu stärken. Das gilt auch für Extrovertierte, die trainieren müssen, länger ruhig zu sitzen, um etwa einen Bericht zu schreiben oder einen Geschäftsabschluss zu analysieren. Die meisten Introvertierten sind zufriedener, wenn sie ihren Wohlfühlbereich nur von selbst und nur bei Bedarf verlassen. Der Schlüssel liegt darin, seine grundlegenden Charaktereigenschaften zu respektieren und sein berufliches und privates Leben so zu gestaltet, dass man sich nicht täglich verbiegen muss. Wenn man den ganzen Vormittag in Business-Meetings sitzt, ist es auch okay, allein zu Mittag zu essen.

Sind Introvertierte wirklich die besseren Kreativen?

Es wird gerne unterschätzt, wie wichtig das Alleinsein für die Kreativität ist, frei von Unterbrechungen oder Beeinflussung durch Peers. Introvertierte können das besser als Extrovertierte. Unternehmen, die bei der Suche nach innovativen Lösungen ausschließlich auf große Teams setzen, machen einen großen Fehler.

Sie dürften also kein großer Netzwerk-Fan sein, oder?

Ich denke, eine enge persönliche Beziehung ist viel mehr Wert als Unmengen an Visitenkarten. Ich stufe eine Cocktail-Party dann als Erfolg ein, wenn ich eine neue persönliche oder berufliche Beziehung geknüpft habe, die über die Jahre wachsen und gedeihen kann. Ich verdanke meine eigene Karriere genau diesem Ansatz.

Kann man Netzwerken ganz aus dem Weg gehen? Und wenn ja, wie kann man zu neuen Kontakten und Aufträgen kommen?

Nein. Es geht darum, das Netzwerken so zu gestalten, dass es einem nutzt. Viele Introvertierte sind in den Social Media aktiv. Das ist eine Möglichkeit, sich selbst zu präsentieren ohne persönliche Begegnungen. Ich empfehle Introvertierten auch, sich selbst eine Art Quotensystem anzulegen, etwa eine gewisse Anzahl an Veranstaltungen zu absolvieren, und bei jeder nimmt man sich eine Anzahl an persönlichen Kontakten, die geknüpft werden sollen, vor. Dann ist die Arbeit erledigt, und man muss sich nicht schuldig fühlen, wenn man daheim bleibt.

Wie sieht es mit der Zusammenarbeit aus?

Studien belegen, dass Introvertierte Zusammenarbeit genießen, während Extrovertierte den Wettbewerb vorziehen. Die Herausforderung für Introvertierte liegt darin, die Regenerationszeit, die sie für sich brauchen, wahrzunehmen, egal ob mithilfe des Internets oder regelmäßiger Pausen.

Müssen wir wirklich allein sein, um kreativ zu sein, oder ist das nicht auch ein Klischee?

40 Jahre Forschung über Brainstorming haben gezeigt, dass Einzelpersonen mehr und bessere kreative Ideen produzieren als in der Gruppe. Natürlich braucht es auch Gruppenarbeit, vor allem wenn es um die Umsetzung geht. Aber wir unterschätzen in der heutigen Gesellschaft, wie wichtig Autonomie und Eigenständigkeit sind.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.09.2011)

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