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F/P Design: Das Designstudio ist der Kopf

10.12.2011 | 18:02 |  von Norbert Philipp (Die Presse)

F/P Design aus München sehen sich weniger als "Industriekünstler" à la Philippe Starck, sondern vielmehr als Industriedesigner, die nachdenken, um möglichst vielen Menschen zu dienen.

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„Universal Design“, das ist eines der Themen, dem sich die Designer Annette Ponholzer und Fritz Frenkler intensiv widmen. Nicht nur, wenn sie in der Jury für den gleichnamigen Award sitzen, der Produkte belohnt, die möglichst viele gesellschaftliche Gruppen einschließen. Sondern auch, wenn sie selbst entwerfen, egal, ob für traditionelle Möbelhersteller wie Thonet. Oder Kunden aus der Kommunikations- und Elektronikindustrie. Mit der „Presse am Sonntag“ sprachen sie darüber, warum Design Denken bedeutet, nicht Zeichnen. Und warum Möbel, die Papier und Aktenordner aufnehmen, nie obsolet werden.

Frau Ponholzer, Herr Frenkler – zuletzt entwarfen Sie für den Möbelhersteller Thonet ein Regal und Stauraumsystem. Hat das im Zeitalter der digitalen Ordner und des virtuellen Schreibtisches noch Sinn?

Annette Ponholzer: Papier hat eine sinnliche Qualität, die man nie aufgibt. Es wird immer etwas zu verstauen geben, da haben wir keine Bedenken.

Fritz Frenkler: Die juristische Grundlage in Unternehmen, die Verträge, das lässt sich nicht digitalisieren. Das wird es noch geben, selbst, wenn wir mit dem Thema „digital“ längst fertig sind. Es ist fast paradox: Trotz Digitalisierung nimmt die Notwendigkeit von Stauraum im Büro zu, denn der Papierberg wächst.

 

Was können reale Aktenordner, was digitale Dateien nicht können?

Frenkler: Ein Beispiel: Das Architekturmuseum in Frankfurt sucht händeringend nach alten Computern. Viele Architekten stiften ihren Nachlass dem Museum. Doch um die Dokumente auf den Datenträgern aus den 1970er- und 1980er-Jahren zu lesen, fehlen die geeigneten Laufwerke. Jetzt müssen sie sich auf den Flohmärkten umschauen. Das ist die Crux, die wir haben. In einer Welt, die sich so rasant schnell technologisch verändert, wird die Kommunikation in Papierform größtenteils erhalten bleiben.

Ponholzer: Man sieht ja auch vor dem Hintergrund von den Ereignissen dieses Jahres in Japan, wie schnell unsere hochtechnologisierte Welt in sich zusammenbrechen kann, das Telefonnetz etwa. Oder auch das Internet. Die Wirtschaft und ihre Daten sind verwundbar. Wenn wir alles auf digitale Datenträger oder ins Web auslagern, dann hat man nichts mehr in der eigenen Hand. Und Datenschutz ist ja überhaupt eine Illusion, wir wollen es uns nur noch nicht eingestehen...

 

Inwieweit ist also der Wunsch nach Verlässlichkeit und Sicherheit Thema für Sie?

Ponholzer: Das bestimmt unseren Designprozess ganz intensiv. Die Technologie haben Techniker entwickelt. Viele Produkte entwickelt das Marketing. Aber der Designer ist jener, der sich mit den Menschen beschäftigen muss. Und mit ihren Bedürfnissen. Je mehr Technologie in unsere Welt einzieht, auch ins Büro, desto größer wird das Bedürfnis nach einem persönlichen Kontakt. Die Herausforderung für die Gestalter ist es, dieses Bedürfnis mit ästhetischer wie technischer Langlebigkeit zu begleiten. Selbst junge Leute treffen bei manchen Produkten eine System- und somit also eine Lebensentscheidung.

 

Ist die Suche nach den „guten alten Dingen“ nicht eine Generationsfrage?

Ponholzer: Die Technologisierung des Alltags ist auch für die Kids keine kontinuierliche Entwicklung mehr. Es gibt Gegenbewegungen. Schon manche Kids steigen wieder aus Facebook aus. Und ich glaube, dass die nachfolgende Generation diese Dinge noch kritischer sieht als wir selbst. Wir werden es erleben: die Abwendung von der Technik. Und die Hinwendung zu traditionelleren Werten.

Frenkler: Die Experimente, die wir selbst in den Phasen der Digitalisierung durchgemacht haben, das würden die Jungen von heute ja gar nicht mehr mitmachen. Das Zeug muss funktionieren – sofort und aus. Sonst landet es in irgendeiner Ecke.

 

Sie sprechen von Schnelllebigkeit. Inwiefern hat das PR-Klischee von „zeitloser Eleganz“ dann aber Bedeutung in Ihren Entwürfen?

Ponholzer: Was wichtig bei unseren Produkten ist, ist Ehrlichkeit. Und Authentizität. Also, wenn Produkte nichts anderes sein wollen, als dass sie schlicht und einfach sind. Das ist eine Charakterfrage, wie bei den Menschen. Wir rennen nicht schnelllebigen, modischen Erscheinungen hinterher.

 

Herr Frenkler, Sie haben einmal gesagt: „Wer sich sprachlich nicht ausdrücken kann, kann es auch nicht visuell.“

Frenkler: Ja, die Präzision, mit der man sprachlich formulieren kann, zeigt sich auch in der Gestaltung. Wenn man nicht weiß, worüber man redet, dann sollte man nicht reden. Wenn ich etwas in der Gestaltung genau so will, dann muss ich es auch so sagen. Design ist kein Zeichenprozess. Nein, es ist zuallererst ein Denkprozess. Die Zeichen können nur die Darstellung des Denkprozesses sein. Viele Designer glauben ja, sie müssten auf dem Papier wie wild herumkritzeln. Aber generell muss man mal aus dem Fenster schauen und nachdenken. Und das Bild aus dem Kopf dann auf Papier bringen.

 

Sie beide sitzen ja auch in der Jury des „Universal Design Award“ bzw. haben ihn mitinitiiert. Bedeutet „Universal Design“, möglichst viel Benutzergruppen in der Gestaltung mitzudenken?

Ponholzer: Das Allererste, was Produkte können müssen, ist zu funktionieren. Allein daran scheitert schon eine Vielzahl an Produkten.

Frenkler: Ja, und dann soll diese Funktion noch für so viele gesellschaftliche Gruppen wie möglich in der Gesellschaft nutzbar sein. Das ist die Herausforderung. Vom Kind bis zum älteren Menschen soll das Produkt vernünftig bedient werden können.

Ponholzer: Oft wird „Universal Design“ ja mit barrierefreiem Design gleichgesetzt. Aber Menschen mit körperlichen oder geistigen Beeinträchtigung brauchen ganz andere Dinge. Beim „Universal Design Award“ werden im Gegensatz zu anderen Designwettbewerben die Produkte auch ausprobiert.

Sitzen da auch Kinder der Jury oder Ältere?

Ponholzer: Einerseits gibt es eine Expertenjury. Und andererseits eine „Public Jury“ von 150 Menschen, zwischen acht und 80 Jahren, die die Dinge ausprobieren und Fragebögen ausfüllen.

Annette Ponholzer
Sie diplomierte in Kiel als Industrial Designerin, arbeitete in den 1990er-Jahren bei Turett Collaborative Architects in New York. Seit 1999 ist sie selbstständig und seit 2000 geschäftsführende Gesellschafterin von f/p design in München.

Fritz Frenkler
Er leitete in Japan die Asien-Filiale von „frog Design“, die u.a. für Kunden wie Olympus, Samsung, Toyota und Yamaha tätig war. Zwischen 1999 und 2001 war er als Chefdesigner sowohl für das Kommunikations- als auch für das Produktdesign der deutschen Bahn verantwortlich. Im Jahr 2003 war er Mitgründer des Vereins „Universal Design“, der seitdem den „Universal Design Award“ vergibt. Seit 2006 ist er Professor für „Industrial Design“ an der TU München.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.12.2011)

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