Kwirl: Glückspilz braucht Drachenblut

Auch wenn das Glück ein Vogerl ist, lässt es sich mitunter einfangen. Designexpertin Iris Kastner gelingt es mit modernen Glücksbringern und volkskundlichem Hintergrund.

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Symbolbild Glücksschwein – (c) Www.BilderBox.com

Wenn schon nichts anderes gegen die Finanzkrise hilft, vielleicht dies: „Bildlich Wohlstand vorstellen und mit dem Finger das Eurozeichen in den ausgeschütteten Grieß zeichnen. Hände über den Grieß halten und Energie in den Grieß fließen lassen. Dann Grieß nach Rezept kochen.“ Grieß hat immerhin die Angewohnheit, Volumen zu erzeugen. Von ungefähr kommt die Verheißung nicht, greift Weizengrieß als Wunscherfüller doch auf einen alten Brauch zurück. „Ähnlich wie Linsen“, sagt Iris Kastner.

Sie hat diesen „Geldzauber zum Nachkochen“ in eine Blechdose mit hellgrünem Etikett abgefüllt. Es ist kein Zufall, dass ihre Idee eines steirischen „Geldzaubers“ in eine Zeit fiel, in der alle mit ihm haderten – 2008. Damals sei die Inhaberin des „Kwirl“ im Grazer Lendviertel – Designshop, -galerie und -aktionsraum in einem – die Idee zu solchen Fördermaßnahmen positiven Denkens gekommen: der Glücksbringer als Reminder, dass alles halb so wild ist, alles gut wird. Den Verlust allgemeinen Vertrauens in etwas so Abstraktes wie Glück ortet Kastner durchaus im Kapitalismus. „Es herrscht mehr der Glaube ans Geld als ans Glück.“

Das Ding zum Glück. Seitdem hat Kastners „Glücksbar“ einigen magischen Produktzuwachs bekommen, von Sternenstaub, reinigendem Drachenblut, Karpfenschuppen, vieles mit regionalem, traditionellem Hintergrund, aber unter ganz modern designten Vorzeichen: grün und originell verpackt, abgefüllt zum Teil in Eprouvetten, versehen mit einer kleinen Story. „Mir fiel auf, dass es bei uns heute nicht die Glücksbringerkultur wie in anderen Ländern gibt. Man denke da nur an Dinge wie bolivianische Glücksfläschchen oder thailändische Geisterhäuschen, die sich die Leute gerne schenken.“ In unserem Alltag beschränke sich das auf den Austausch von Kleeblättern, Marzipanfliegenpilzen und kleinen Plastikschweinchen zu Silvester.

Vielleicht sind einfach die Objekte, die Rituale nicht mehr so sichtbar. Das wilde Denken, das Schicksal auf Sachebene beherrschen zu können, ist nach wie vor in uns vorhanden. Der Glaube an die Wirkmächtigkeit der Dinge wurzelt ganz tief, bemerkt Eva Kreissl, Kuratorin des Volkskundemuseums im Universalmuseum Joanneum in Graz. Früher bestand über die Objekte, die Schaden abwenden und Glück herbeirufen, mehr gemeinschaftlicher Konsens. Man wusste die Zeichen zu lesen, wusste, was eine Neidfeige konnte, warum man nach entgangenem Unglück eine Votivtafel spendete oder im Dachfirst Eier versteckte. Heute ist, was einem Glück zu bringen vermeint, individueller, sagt Kreissl. Das Wort Aberglauben solle man eigentlich gar nicht in den Mund nehmen, denn es grenze alles aus, was nicht kanonisierte, kirchliche, wissenschaftliche Lehre ist. Doch in vielem, was wir heute unter Aberglauben subsumieren, stehe altes, früher anerkanntes Wissen, „ein paralleles Denksystem“.

Neidfeigen und Zweifelknöpfe. Über 1000 Objekte besitzt das Volkskundemuseum, viele Exponate haben den Rang eines Kuriosums. Amulette aus Natternwirbeln, Zweifelknöpfe oder Neumondmesser finden sich dort nebst Tiermumien. Alt sind die Bräuche, sich den Leibhaftigen, den bösen Blick, Feuer, Krankheit und Heuschreckenplage vom Leib zu halten. Sogenannte Superstitiosa standen im Mittelpunkt einer großen Tagung im November in Graz: Das Ziel internationaler Forschungsarbeit ist eine große Ausstellung über steirischen Aberglauben 2013, wenn das Volkskundemuseum 100 Jahre feiert. Superstitioses ist aber auch ganz heutig: Denn sosehr wir geneigt sind, Ereignisse aus den Dingen heraus zu erklären, so selten werden die Resultate der Überprüfung unterzogen. Hat es denn wirklich geholfen, einen Talisman zur Prüfung mitzunehmen?

Begonnen hat Iris Kastners Entwurfsarbeit am Glück jedenfalls mit einem Fisch. Vielfach kennt man noch den Brauch, zu Weihnachten Karpfenschuppen zu schenken – zur Vermehrung des Inhalts in der Geldbörse. Um Karpfenschuppen aufzutreiben, musste sie nicht weit fahren, es ist quasi ein Recyclingprodukt aus steirischer Biofischzucht.

Auch die regionale Verankerung in alten, vergessenen Traditionen unterscheidet Kastners Glücksbar von anderen Herstellern, die sich eher auf dem Gag-Level bewegen. So wird man bei Kastner auch Mittel finden, die Bauern oder ältere Leute auf dem Land (noch) kennen – Kleeblätter etwa wurden zur besseren Bekömmlichkeit ins Brot gemischt. Im Kwirl-Eigenlabel gibt es diesen allerdings nur in pulverisierter Form: „Dem Kleepulver wird bereits seit Jahrhunderten eine positive Wirkung auf die Verdauung nachgesagt, die ja keine unbedeutende Rolle beim Glücklichsein spielt.“

Und noch ein Tipp in Sachen Weihnachten: Der Kwirl-Shop ist alljährlich Christbaumspitzensammelstelle. Wie bitte? „Früher hat man in der Steiermark bei Christbäumen die Spitzen abgeschnitten und daraus einen Quirl gemacht. Den hat man dann zu Weihnachten zum Kochen der sauren Suppe verwendet.“

2000-2005
Iris Kastner leitet den MAK-Shop in Wien.

2005-2008
Sie leitet die Shops des Landesmuseums Joanneum in Graz mit etwa zehn Verkaufspunkten.

2008
Sie gründet den Designshop, auch Galerie und Aktionsraum, Kwirl mit inkludierter „Glücksbar“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.12.2011)

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