Designer gehen auf Buchfühlung

Zuerst der Inhalt, dann die Form: Auch Buchgestalter sind schuld daran, dass das gedruckte Buch womöglich noch sehr lange existieren wird.

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Gabriele Lenz – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Dort, wo Inhalt noch nicht Content heißt, auf dem Papier, nicht auf dem Screen, bemühen sich die Grafiker und Layouter, die Stärken des gedruckten Wortes auszuspielen. Das haptische Empfinden, die Form, die das Lesen führt, erleichtert, vergnüglicher macht. Und man hat in den letzten Jahren das Gefühl: Bücher werden ständig schöner.

„Am Anfang steht das Lesen“, sagt Designerin Gabriele Lenz, die mit ihrem Büro für visuelle Gestaltung Verschiedenstes, vor allem aber auch Bücher designt. Wer sich als Grafiker mit Büchern beschäftigt, müsse sich zunächst ausgiebig mit den Inhalten auseinandersetzen, meint sie. „Um ein Buch gestalten zu können, muss die ideale Form dafür zuerst in meinem Kopf entstehen“, erklärt Lenz. Und allmählich nimmt das Bild Gestalt an, während man intensiv überlegt, etwa wer die Herausgeber und Autoren sind. Für ein Buch über den Architekten und Ausstellungsmacher Bernard Rudofsky begann Lenz schon zwei Jahre vor der eigentlichen Umsetzung mit einer intensiven inhaltlichen Recherche: „Rudofsky war auch der Gestalter seiner eigenen Bücher und hat selbst layoutet. Mir war es wichtig, seine Zugänge und Denkweisen auch in der Buchgestaltung erkennbar zu machen“, erzählt Lenz. Zwar ist die Vorbereitung nicht immer so langwierig. Doch in jedem Fall entstehe ein Bild, das die Designerin schließlich überträgt: in ein passendes Format, einen entsprechenden Umfang, in die Typografie, den Gestaltungsraster. Sowie natürlich in die Materialien, die schließlich für die Ausstattung und Ausgestaltung des Buches verwendet werden.

Schon in der Entwicklungsphase werden die Gestaltungs- und Verarbeitungsideen mit Fachleuten aus Druck und Endverarbeitung besprochen. „Von Vorteil ist es, mit Leuten zusammenzuarbeiten, die auch mal ungewöhnliche oder unerprobte Verarbeitungen ausloten“, so Lenz. Die Wienerin hat mit ihren Gestaltungen bereits einige Preise eingeheimst. Mehrfach wurde sie etwa mit dem Österreichischen Staatspreis für das schönste Buch ausgezeichnet. Zuletzt erhielt sie den „Red Dot Design Award 2011“ für den „HDA Reader“ des Hauses der Architektur in Graz.


Entscheidungsträger. Obwohl das Cover großen Einfluss auf Kaufentscheidungen hat, steht seine Gestaltung meist am Ende des Entwurfsprozesses. Ganz frei sind die Buchgestalter dabei ohnehin nicht immer, meint etwa Buchdesignerin Andrea Malek. Bei einigen Autoren und Verlagen könne sie Bild und Schrift für das Cover auswählen. „Andere haben wiederum ein klares Bild bereits im Kopf. Und ich versuche dann, ihre Vorstellungen in eine Form zu bringen“, so Malek, die mit ihrem Büro Malanda Buchdesign in Graz ansässig ist. Selbst große Verlage hätten nicht immer passende Bilder von Autoren oder geeignete Fotografen parat, die covertauglich sind. Allgemein ist der kreative Spielraum bei großen Verlagen eingeschränkter, da Gestaltungsentscheidungen, die Formate, Ausstattung und Papiersorten betreffen, meist schon fixiert sind, bevor noch der Designer kontaktiert wird. „Bei meinen Partnerverlagen haben die Autoren großes Mitspracherecht. Die Cover-Vorschläge und auch der Entwurf für den Innenteil werden dem Autor vorgelegt, erst dann erhalte ich die Freigabe für den Umbruch“, erzählt Malek vom Prozedere. An der Titelfindung und dem Verfassen des Klappentextes sind alle beteiligt: Autoren, Lektoren und Marketingabteilung.


Papier ist nicht gleich Papier. Die wichtigsten Gestaltungselemente im Buchdesign hängen von Art, Genre und Inhalt des Buches ab. Dazu zählen Papierart und -stärke sowie der Umschlag. „Textbände sollten ein haptisches Papier bekommen, das nicht zu grobfasrig ist. Die Schrift kann auf diesem nicht glänzenden Papier gut gelesen werden und der Fühlanteil beim Blättern wird unterstrichen“, sagt Malek. Bei Bildbänden wird hingegen gestrichenes Papier verwendet, das lichtundurchlässig und nicht zu steif ist. Für bessere Bildbrillanz sorgt glänzendes Papier, das auch mit Lack veredelt werden kann. Malek: „Für ein Qualitätsprodukt ist ein Schutzumschlag in hochglänzendem Papier ein Muss.“ Bei einem Lyrikband werde auch manchmal auf andere Materialien, etwa Leinen, zurückgegriffen.

Auch die verwendete Schriftart richtet sich nach dem Inhalt. „Die Schrift ist das visuelle Bild der Sprache. Sie kann mehr als Botschaften lesbar machen – die Form der Zeichen selbst färbt buchstäblich ihre Bedeutung“, erklärt Lenz. Schrift könne diese manipulieren und sogar umkehren. Daneben entscheidet natürlich auch der funktionale Zugang: eine gute Lesbarkeit, eine nachvollziehbare Struktur und die Übersichtlichkeit von Schrift und Layout, um einen effizienten Zugriff auf die Inhalte zu gewährleisten, das alles sind Kriterien.


Papier gegen Screen.
„Das Potenzial der Schrift liegt darin, Inhalte in mehr oder weniger gut lesbarer Form zu transportieren wie auch die Atmosphäre und damit den Charakter des Buches entscheidend mitzuprägen“, sagt Andreas Soller vom Büro Bohatsch und Partner. Die vielfach ausgezeichneten Gestalter versuchen in ihren Entwürfen für den jeweiligen Inhalt eine möglichst genaue visuelle Entsprechung zu finden. „Letztlich geht es stets um Spannungsfelder wie das Verhältnis des Absenders zum Empfänger, dem Leser. Und auch das Verhältnis der einzelnen Gestaltungselemente wie Bild zu Text sowie Proportionen des Rasters zum Seitenformat prägen den Rahmen für gestalterische Entscheidungen“, erklärt Soller.

Auch die E-Books sind für Buchdesigner in den letzten Jahren zum Thema geworden. Die Unterschiede zum klassischen gedruckten Buch mit Seiten aus Papier sind haptischer, visueller und olfaktorischer Natur. „Doch hierbei könnten uns technische Innovationen in Zukunft noch sehr überraschen“, meint Soller. So könnte der visuelle Eindruck des digitalen Bildes jenen der analogen Buchseite irgendwann auch übertreffen. Schon jetzt sei das digitale Buch dem analogen in vielen Bereichen überlegen: „Etwa beim kombinierten Einsatz unterschiedlicher Medien, dem Bewegtbild, dem Ton, den raschen Zugriffsmöglichkeiten, ausgeklügelten Navigationsmodellen.“ Fast scheint es, als wäre der Geruch des Papiers die letzte Bastion, in die das digitale Medium nicht vorzustoßen vermag. Das klassische Buch wie auch das E-Book haben laut Soller jeweils ihre eigenen Grenzen und Möglichkeiten, weshalb diese Medien „in Zukunft nebeneinander bestehen werden“.

Für Gabriele Lenz ist die Frage, ob E-Book oder gedrucktes Buch, eine Frage der Inhalte: Je aktualitätsabhängiger ein Inhalt, desto sinnvoller sei ein E-Book. Auch Andrea Malek glaubt an die parallele Zukunft beider Medien: „Wenn man den Branchengesprächen folgt, darf man erwarten, dass sich in diesem Bereich noch einiges tun wird. Aber das haptische Erlebnis, ein gebundenes Buch in Händen zu halten, das hochwertige Papier beim Umblättern zwischen den Fingern zu spüren und den Variantenreichtum an Schrifttypen zu genießen – das wird dafür sorgen, dass das gedruckte Buch nicht verschwinden wird“, so Malek.

Auslese- verfahren

Das Cover
Es entscheidet maßgeblich, welche Bücher man in die Hand nimmt. Und schlussendlich auch kauft. Romane, Taschenbücher, Sachbücher – alle kämpfen mit unterschiedlichen Mitteln um die Aufmerksamkeit. Bei Fachbüchern für spezielle Zielgruppen verlässt man sich gern auf die Kraft der Typografie auf monochromen Hintergrund. Die Belletristik versucht oft, den Inhalt mit einem prägnanten Bild auf den Punkt zu bringen. Taschenbücher stellen wiederum das Corporate Design ihres Verlages in den Vordergrund, das nur einen engen Rahmen für gestalterische Variation bietet.

Die Typografie
Für gute Lesbarkeit von Fließtexten werden in der Buchgestaltung gern die die sogenannten „Brotschriften“ verwendet. Bei belletristischer Literatur erleichtern etwa Antiqua-Schriften mit ihren Serifen den Lesefluss. Für technische Fachbücher und Ratgeber wird eher zu serifenlosen Varianten, den sogenannten „Groteskschriften“ gegriffen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.01.2012)

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