Die Suche nach mehr Genialität pro Quadratmeter

Ideen und Innovationen haben kaum Chancen, jemals auf die Welt zu kommen: Denn die Räume, in die Städte und Unternehmen gerne ihre Wissensarbeiter stecken, sind die falschen.

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Symbolbild – (c) Www.BilderBox.com

El Dorado, das Paradies, Atlantis, die nächste Tankstelle, das heimelige Nest zu Hause – Menschen suchen Orte, solange sie leben. Geführt vom Instinkt, getrieben von Bedürfnissen. Denn die falschen Orte verursachen Kopfweh und machen unglücklich, schaffen Unbehagen. Und verschütten auch die Schätze, die Menschen auf ihrer Suche so mit sich herumtragen und doch so leicht die Welt verändern könnten: Kreativität und Innovationskraft. Die gebaute Umwelt erstickt Ideen, kaum dass sie auflodern wollen. Zu den meisten Bauherren und ihren Architekten ist es noch nicht durchgesickert: Die entscheidenden Kubikmeter Raum, in denen Innovationen entstehen – sie liegen nicht etwa unter der menschlichen Schädeldecke. Sondern rundherum, dort wo das Hirn seinen Wachzustand verbringt, in den Räumen, in denen wir leben und arbeiten. In denen wir studieren, anderen Menschen begegnen, über deren Meinungen und Perspektiven stolpern.

Noch verordnen sich die meisten Unternehmen und Städte Innovationen, als könnte man sie irgendwo bestellen und selbst zusammenbauen wie ein Ikea-Regal. Gleich ein Grund für Kognitionswissenschaftler Markus Peschl, kräftig den Kopf zu schütteln: „Innovationen kann man nicht einfach so machen“, sagt er. Das Neue entsteht, poppt auf, ist plötzlich da. Fast wie von selbst und doch nicht ganz: Denn basteln lassen sich die Bedingungen. Und Innovationen, sagt Thomas Fundneider von der Agentur „the living core“ brauchen vor allem eines: „Enabling Spaces“ – also Räume, in denen sie überhaupt möglich werden. Räume, die Ideen fördern, nicht verhindern. „Einfach ein Umfeld, in dem die Wahrscheinlichkeit, dass etwas Neues entsteht, stark nach oben geschraubt ist“, so Peschl.


Nischenplätze. Die Volkswirtschaft könnte eine ganz andere sein, wenn nur die Räume andere wären. Die meisten Büros haben für die Erhöhung der Innovationswahrscheinlichkeit kaum Platz, wenig Mittel und selten ein Konzept. Immobilienentwickler produzieren jährlich hunderttausende Quadratmeter konventioneller Office-Architektur. Dort verpufft Innovationskraft unnötig irgendwo zwischen Büro-Benjamin-Ficus, Kopierer und Kaffeeküche. Hilft nur die Flucht in jene Nischen, die das mächtige Flächeneffizienz-Credo und das Renditen-Diktat noch ausgelassen haben. Und die liegen fast ausschließlich außerhalb: Ideen kommen dann eher auf dem alten Thonet-Sessel im Kaffeehaus oder auf der Parkbank unter dem Kastanienbaum, auf dem Drehstuhl unter dem Neonlicht meistens nicht.

Selbst dort, wo die Stadt Kreativität und Innovationskraft krampfhaft verorten will, im Marx Media Quarter in Wien, suchen sich die Kreativen bereits wieder ihre Nischen, wie Peschl meint, ihre persönlichen „Enabling Spaces“, die Ihnen die Bauherren und Städte verweigern. Und die die Geburtshelfer ihrer Ideen sind. Lotsen muss dazu die Kreativen niemand, ihre Intuition treibt sie ohnehin.

Nicht in den deklarierten Kreativbüros, die architektonisch doch nur 08/15 sind, wird das Neue wahrscheinlicher. Und nicht an den Orten, die sich hinter Internetadressen öffnen. Schließlich fehlt den Plattformen der Begegnung und des Austausches etwas Entscheidendes – „Die Reibung der Realität“, wie es Peschl nennt. Denn im Netz sind potenzielle Widerstände, Hindernisse, Stolpersteine, die die eigenen Ideen schleifen und formen, virtuell wie der Raum selbst. Die Innovation braucht den Augenkontakt und Erdung mit der Wirklichkeit. Genauso wie die Möglichkeit des Zufalls: Im Netz wissen die streng definierten Userprofile ohnehin, wohin sie inhaltlich wollen. Unverhoffte Abzweigungen außerhalb der Leitplanken des eigenen Denkens nimmt man da eher, wo einem das Unerwartete und Ungefilterte begegnet. An Orten, an denen aus Flüchtigkeit intensiver Austausch werden kann.


Die Wirkung der Dinge. „Räume haben definitiv einen Einfluss. Was sich in der Architektur manifestiert, manifestiert sich auch im Denken“, erklärt Peschl. Und was sich dabei zeigt, ist vor allem: Enge. Dabei braucht doch gerade die Spezies der „Wissensarbeiter“ Offenheit und räumliche Großzügigkeit, um zu liefern, was sich die Wirtschaft so dringlich erwartet. „Mentale Freiheit muss man durch räumliche Freiheit unterstützen“, sagt Peschl. Die darf dann auch vor der Tür liegen, vor dem „Schloss Concordia“ etwa, dem Café-Restaurant in Wien Simmering, in das sich Peschl und Fundneider oft gemeinsam zur Klausur zurückziehen. Dann pendeln sie zwischen holzvertäfelter Denkerzelle mit Wirtshaustisch und grüner Weite des Zentralfriedhofs. Und dabei überlegen sie, wie sie die Innovationskraft von „sozialen Einheiten“, wie sie es nennen, steigern können. Egal, ob es Universitäten, Unternehmen oder ganze Stadtviertel sind (siehe Artikel unten).

Kognition ist nicht nur Kopfsache. Peschl erklärt warum: „Sie erfolgt immer auch in der Interaktion mit Personen und Artefakten. Also allem, was von uns gebaut oder gemacht wurde.“ Eine große Aufgabe kommt da auf die Designer und Architekten zu, schließlich sollen sie „die Kognition im Bereich Innovation und Wissensarbeit maßgeblich unterstützen“. Das fängt beim Stuhl an, auf dem man den Tag verbringt. Und hört bei den Rollen, die ihn zum Gedanken-Andocken durchs Büro bewegen, noch lange nicht auf. Schon der Raum, in dem der Kopierer steht, fädelt nützliche Kurzkontakte ein. Auch die Kaffeemaschine ist beliebter Kommunikations-Anbahner, zwischen Menschen, die üblicherweise aneinander vorbei die Welt neu erfinden.


Kaffee und Küche. Kreativität vermutet man ja auch gerne im Dunstkreis zweier anderer K: Koffein und Kaffee. Das eine wirkt von innen, das andere – räumlich – von außen. Schon haben Büroausstatter das „Coffice“ ausgerufen. Ein Wunschhybrid aus den Vorteilen von Büro und Kaffeehaus, von dem man hemmungslos abkupfert, was es schon seit Jahrzehnten auszeichnet. Auch dafür haben die Möbelhersteller Wissenschaftler losgeschickt, zu den Orten, an denen die „Wissensarbeiter“ am ehesten noch mehr Wissen produzieren. Auch die Spanische Treppe in Rom hatte man unter Verdacht. Nur können dort nicht alle ihre Laptops aufklappen. In den Kaffeehäusern Wiens schon eher. Noch müssen die Designer allerdings ein paar Adaptierungsarbeiten erledigen: Die zufälligen Begegnungen sollte die Gestaltung noch unterstützen, meint etwa Fundneider. Jungdesigner haben dafür schon die ersten Entwürfe in ihrer Mappe: Tische, die zugleich Skizzen- und Notizblock sind. Oder Behältnisse, in denen Handys eine Besprechung lang Pause haben dürfen – Resultate des „Großen Kaffeehausexperiments“, das das Museum für Angewandte Kunst (MAK) in Wien letztes Jahr initiierte. Geleitet hat es Gregor Eichinger, für den weltverändernde Neuigkeiten von der Revolution bis zur Parteigründung keinen geeigneteren Geburtsort haben könnten. Doch das Kaffeehaus und was es ausmacht lässt sich nicht überallhin mitnehmen wie einen Coffee-to-go. „Es gibt keine typischen Settings, die übertragbar wären“, erklärt Fundneider. Das Muster kreativer Räume muss zu den Organisationsformen und Sozialstrukturen passen. Die Ideendichte in der Kaffeeküche könnte geringer sein, wenn ständig der Chef vorbeigeht. Da hilft kein Koffein. „Doch interessanter als das Kaffeehaus ist ohnhein das Zugabteil.“ Kein Entkommen aus der Zufallskonstellation, das hat Potenzial. Solange es noch Zugabteile gibt, sollten Kreative fleißig Zug fahren.

The Living Core
wurde gegründet von Thomas Fundneider und Markus Peschl. Mit dem Konzept der „Enabling Spaces“ versuchen sie, Innovationen die Räume zu geben, die sie brauchen, um überhaupt entstehen zu können.

Innovationsagentur nennt sie sich selbst. Und mit ihrer Arbeit versucht „The Living Core“ die Innovationskraft von Unternehmen, Agenturen oder auch ganzen Städten zu steigern. Dafür werden Kernprozesse aus den Abläufen, Strukturen und Kulturen der Unternehmen zunächst herausdestilliert. Anschließend werden Designkonzepte entworfen, nach denen „Enabling Spaces“ gestaltet werden können – also Räume, die „radikale Innovationen“ überhaupt erst möglich machen könnten. Dahinter steckt das Credo, dass die Innovationen in den falschen Räumen und Strukturen gar nicht einmal die Möglichkeit haben zu entstehen.

www.thelivingcore.at Michele Pauty

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.01.2012)

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