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Strickmode: Eine Kluft für den Blitz vom Kitz

21.01.2012 | 18:14 |  von Daniel Kalt (Die Presse)

Die Entwicklung der Strickmode in Österreich ist symptomatisch für jene der gesamten Textilindustrie: Die fetten Jahre sind vorbei, in der Nische lässt es sich aber leben.

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Das waren noch Zeiten – als österreichische Skiprofis sich nicht in Ganzkörper-Wurstanzügen (ja, die Aerodynamik...) auf die Piste schmissen, sondern als schnittige Testimonials für heimische Modemarken ihre Rennen gewannen. Besonders werbewirksam war etwa die Winterolympiade 1956, als der „Blitz vom Kitz“ Toni Sailer in einem roten Zopfpulli von Geiger drei Goldmedaillen errang und so die Marke mit einem Schlag international bekannt wurde. Die, übrigens ungebrochene, Erfolgsgeschichte von Geiger (man setzt allein in Österreich auch heute noch 10Millionen Euro pro Jahr um und beschäftigt nur in Schwaz 50 Mitarbeiter) ist aber leider nicht repräsentativ für ein in den letzten Jahren schwächelndes Segment der heimischen Wirtschaft.

„In den Neunzigerjahren hat sich der Markt radikal verändert“, bestätigt Peter Geiger, der in vierter Generation das Familienunternehmen leitet. „Der Einzelhandel ist massiv eingebrochen, dadurch ist es für viele eng geworden. Die Einzelhändler, die es noch gibt, leben heute aber wieder gut. Und in diesem Nischenmarkt sind auch wir spezialisiert; die Endverbraucher schätzen, dass wir gute Qualität anbieten.“ Ein wichtiger Markt für die Firma, die auch in den USA eine Niederlassung unterhält, bleibt Österreich – wo man an Einheimische, in Tourismusgebieten aber auch an Besucher auf der Suche nach feschen „Austriaca“ verkauft.

Erleichterte Kunden. Peter Geiger ist nicht der Einzige, der auf die Vorzüge eines Nischendaseins verweist. Auch Christina Huber vom Linzer Stricklabel Masi deutet auf gesteigerte Überlebenschancen durch Spezialisierung: „Da geht es einerseits um Design, andererseits um die Garne. Ein Großteil unserer Kollektion besteht aus nachhaltig produzierten Materialien, außerdem produzieren wir vor Ort und präsentieren uns oft im Green-Fashion-Segment.“ Darauf würden die Konsumenten gut ansprechen, meint sie. Nicht selten beobachte sie außerdem Erleichterung bei älteren Kunden, „die froh sind, dass es in Linz wieder eine Strickerei gibt. Manchmal stricken wir auch einen alten Lieblingspullover, der nicht mehr aufzutreiben ist, nach.“

Das Vertriebsnetz der Marke Masi, die Huber mit ihrem Partner Fritz Prunthaller betreibt, beschränkt sich auf die Linzer Niederlassung, einen Shop in Wien – und Auftritte auf B2C-Veranstaltungen wie dem Wiener Modepalast, der Wearfair-Messe in Linz und dem Blickfang. Auf letzterem wurde 2006 die erste eigene Kollektion präsentiert, die sofort einen Großkunden zu akquirieren half: Das Schweizer Unternehmen Fogal wurde auf Masi als Produktionspartner aufmerksam, in weiterer Folge entwickelte das Linzer Duo eine eigene Kollektion.

Von solchen Großkunden leben auch die wenigen verbleibenden Strickereien, wie die der Familie Mairhofer im oberösterreichischen Hofkirchen. Seniorchefin Adelheid Mairhofer erwähnt wie Peter Geiger markante Umwälzungen Anfang der Neunzigerjahre, als manche Auftraggeber auf Produktion in Billiglohnländern umgestellt haben: „Damals gab es die ersten Meldungen, dass Auslagerungen geplant waren. Zunächst hat uns das nicht betroffen, weil die ganz großen Firmen nicht zu unseren Auftraggebern zählten. Ende des Jahrzehnts ist es aber auch für uns schwierig geworden.“ Dass es ihren Betrieb heute noch gebe, meint Mairhofer, sei ebenfalls einer rechtzeitig identifizierten Nische zu verdanken. „Das war bei uns die Trachtenmode, die ja in den letzten Jahren auch bei den Jungen beliebter geworden ist. Und in der Zukunft müssten wir noch exklusiver werden, hochwertige und ökologische Materialien verwenden. Mit Billiganbietern konkurrieren, das geht sowieso nicht.“

Auf eine ausgesuchte – und hoch professionelle – Kundschaft setzt auch Veronika Persché, die im Kolleg der HTL Spengergasse ihre Leidenschaft für Maschinstrick entdeckt hat und heute Strickstoffe entwickelt. Wie die Masi-Designer verwendet sie häufig nachhaltig produzierte Garne und präsentiert ihr Portfolio auf Veranstaltungen wie der Ethical Fashion Week in London sowie der im Mai wieder stattfindenden Kooperationsbörse. Dort bietet sie ihre Dienste Modelabels an; sie gibt sich überzeugt vom Innovationspotenzial des Bereichs: „Ich glaube, hier gibt es mehr Spielraum als bei der Entwicklung von Webstoffen, gerade im Bereich Maschinstrick lässt sich definitiv noch Neues erfinden.“ Das nötige Know-how freilich vorausgesetzt.

Nachwuchssorgen. In ein Horn stoßen ohnehin alle Befragten – Ausbildung tut not. Sowohl Peter Geiger („Um genug Nachwuchs zu haben, bilden wir selbst aus.“) als auch Adelheid Mairhofer („Wenn wir nicht einen Facharbeiter aus Bulgarien gefunden hätten, der unsere Maschine bedient, hätten wir nicht weitermachen können.“) und Veronika Persché („Eine so fundierte Ausbildung, wie ich sie in der Spengergasse genossen habe, ist auch europaweit selten.“) pochen auf die Notwendigkeit, qualifizierten Nachwuchs aufzutreiben. Aufseiten der ausbildenden Institutionen kommt es aber letzthin zu Veränderungen, die auf die Gegebenheiten auf dem Markt reagieren. Die HTL Spengergasse etwa hat ihren Schwerpunkt letzthin von Textilberufen auf Innenausstattung verlagert. „Mit der Neuausrichtung hat die Schule auf Feedback aus der Wirtschaft reagiert, und die Textilindustrie in Österreich ist eben nicht mehr so stark wie früher“, kommentiert Werner Pramel, Leiter der Abteilung Design, den Schritt. Im Rahmen des weiterhin angebotenen Kollegs, das seit einer Gesetzesnovelle aus dem Jahr 2010 dem tertiären Bildungsbereich zuzuzählen ist, bleibt Strick aber ein durch Module zum Schwerpunkt ausbaubarer Bereich. Tröstlich, für künftige Pistenfex-Ausstatter.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.01.2012)

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1 Kommentare
Gast: slow
22.01.2012 19:47
0 0

nachwuchs-stricker

Eine so spezialisierte Ausbildung wie Strickdesign kann man auch in Hetzendorf genießen, wo es u.a. eine sehr gute Ausstattung an Strickmaschinen gibt! Umso tragischer, dass der Studienzweig eingestellt wird. Mit der Schließung des Studiums werden somit ja auch weniger -grobkörnig ausgedrückt- "Strickfachkräfte" ausgebildet bzw diese Sparte gefördert. Die Nische wird also noch enger werden....
(nähreres zur Studienschließung auf www.hetzendorfbrennt.at)