Verknüpft, verfilzt und zugenäht

Die Designer entstauben den Teppich: Sie lassen ihn Geschichten erzählen, zerpflücken ihn, bürsten ihn, setzen ihn neu zusammen und hängen ihn auch mal an die Wand.

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(c) Dapd (Michael Gottschalk)

Seltsam gemusterte Käfer hocken an der Wand, bestimmt 15 oder 20 an der Zahl. Ihre Beine und Fühler verspinnen sich zu unregelmäßigen Mustern, die aus einer zarten Schicht weißer Acrylfarbe heraustreten. Nein, das ist keine übersinnliche Erfahrung, sondern ein Teppich. Aber kein gewöhnlicher – ein „Carpeted Carpet“, gestaltet von Kissthereichl: Das sind die Architekten Noémi Kiss und Andreas Reichl. Sie streichen ausgemusterte Teppiche mit Acrylfarbe an und machen sie zu Wandobjekten – nur eines von vielen gestalterischen Beispielen, dass Teppiche den Staub, der ihrem Image anhaftet, allmählich wieder los werden.

Relativ unbedarft seien sie an das Thema Teppich herangegangen, erzählen Kissthereichl. Zwar gestaltet Reichl schon seit Längerem individuelle „Wall tattoos“ für Kunden, Kiss betreibt ein Modelabel, das Textile liegt ihnen also nicht fern. Ihr Teppichprojekt ist trotzdem ein Zufallsprodukt: Kiss hatte haufenweise alte Perserteppiche vom Flohmarkt in die gemeinsame Wohnung geschleppt, irgendwann wurde der Platz knapp. Und schließlich fanden sie die adäquate Form, die Teppiche gestalterisch zu „entstauben“ – die „Carpeted Carpets“.

Die Wiederentdeckung des Teppichs ist ein aktuelles Phänomen im Innenraum-Design: als materialisierter Erzähler längst vergangener Geschichten, allerdings mit modernem Anstrich. Viele Jahre lag der Teppich außerhalb des Wahrnehmungsfeldes der Einrichtungs- und Wohnmagazine. Jetzt rollen ihn die Gestalter wieder in den Vordergrund.


Warmes Bodenfell. „Ich denke, dass die dekorative Seite des Interieurs Designer heutzutage wieder mehr interessiert. In dem Sinne, dem Raum wieder einen wärmeren, farblich zusammenpassenden Eindruck zu vermitteln“, sagt Angela Völker, langjährige Kustodin der Textil- und Teppichsammlung des Museums für angewandte Kunst in Wien (MAK). „Man muss da auch ein bisschen unterscheiden: Es gibt den Wohnraum, es gibt das Büro, und es gibt die repräsentativen Räume. Gerade in den österreichischen Ministerien ist es nach wie vor der Orientteppich, der da immer noch die größte Rolle spielt. Bei großen Firmen oder Bürogebäuden wird heutzutage eher etwas Moderneres genommen“, so Völker.

Die Teppiche des 21. Jahrhunderts sehen anders aus: Sie spielen mit sich überlagernden Ebenen, mit dem Mix – verblassten und grellen Farben, Verwittertem und Poliertem, Recyclingstücken und hochwertigen Materialien. Manuelle Fertigung vermischt sich mit maschineller Produktion. Die alljährlich in Hannover stattfindende Messe „Domotex“ zeigt die interessantesten Gestaltungen und vergibt den „Carpet Design Award“. Erst kürzlich wurde dort Jan Kath, der sich als Teppichdesigner bereits einen Namen gemacht hat, für seinen Teppich „Tagged“ mit dem Innovationspreis prämiert.

Auch das Modell „Tagged“ zeichnet die neuen Misch- und Mixverhältnisse aus: Ein unter Fair-Trade-Bedingungen handgeknüpfter, mit Naturfarben gefärbter Orientteppich wurde im Antique-Finishing-Verfahren künstlich gealtert. Und anschließend wurden mittels Tuftpistole Schriftzüge aus neuer, hochwertiger Seide in leuchtenden Farben aufgebracht – wie etwa „Sex, Rugs, Rock'n'Roll“ – eine Reverenz an die Graffiti-Szene.


Resteverwertung. Aus dem, was in Nepal an Seide und Wolle beim Teppichknüpfen übrig bleibt, machte der in Berlin ansässige Designer Jürgen Dahlmanns Teppiche. Gemeinsam mit Arbeitern einer nepalesischen Manufaktur veranstaltete er Knüpfsessions, aus denen spontane, dem Zufall entsprungene Designs entstanden.

Die Recycling-Idee, die Arbeit mit dem „Charme des Vergangenen“, hat Dahlmanns auch in anderen Entwürfen beibehalten. In der Teppichkollektion „Persia“ etwa zeichnen sich blass-weiß florale Muster auf neonfarbenem Hintergrund ab. Ein weiterer Teppich, „The Ikat Dragon“, wiederum erinnert an alte Fresken, die abgetragen und stückchenweise auf einem Teppich wieder zusammengesetzt wurden.

Für Material, das altert – oder besser gesagt reift –, interessiert sich auch das Tiroler Designtrio Pudelskern. Neben Leuchten, Tischen oder Stühlen umfasst das Portfolio fünf Teppiche. Unter anderem die Stücke „Fragment“ und „Patina“. „Bei diesen Teppichen geht es vor allem um die Oberflächentechnik. Es sind maschinengefertigte Teppiche, die aber eine gewisse Handarbeitsqualität in sich tragen“, erklärt Georg Öhler von Pudelskern. Dazu wird ein normaler Tuftteppich aus Wolle hergestellt. Danach wird seine Oberfläche mittels einer Spezialbürstung leicht verfilzt. Ein unregelmäßiger, unhomogener Look entsteht, die ausgefransten Ränder unterstreichen diese Anmutung noch.

„Die Story hinter diesen Teppichen ist, dass Dinge erst nach einer gewissen Zeit noch eine zusätzliche Reifung und Qualität bekommen“, sagt Öhler. Das Argument, dass „Fragment“ und „Patina“ eigentlich maschinengefertigte Teppiche seien, die „auf alt“ machen, lässt Öhler dabei nicht gelten: „Wenn man den Teppich vor sich sieht, assoziiert man eigentlich niemals kaputt oder auf alt gemacht. Das ist eine subtilere Wirkweise.“


Materialität. Auch Kissthereichl setzen auf die Kollision von Gegensätzlichem. Aber die sanfte. „Es geht viel um den Dialog zwischen den Materialien“, sagt Andreas Reichl über die „Carpeted Carpets“: „Die harte, raue Qualität der Acrylfarbe steht im krassen Gegensatz zu der weichen, kuscheligen Materialität des Teppichs.“ Je nachdem, wie und wohin der Blick schweife, könne man entweder das neue Muster betrachten oder mittels der freigelassenen Ausschnitte wie durch Gucklöcher die Stofflichkeit des alten Teppichs wahrnehmen. Die Transformationsprozesse von Materialien im Laufe der Zeit darzustellen sei ihnen ebenfalls ein Anliegen, so Kiss. Die „Carpeted Carpets“ würden sowohl das „Frische“ als auch das „Verfallene“ repräsentieren. Durch Berührungen und Assoziationen könne dann im Kopf des Betrachters eine Idee von der Vergänglichkeit der Zeit entstehen.

Egal, ob an der Wand oder auf dem Boden, dank neuer Teppich-Ideen darf Flauschigkeit und visuelle Wärme wieder zurück in die Wohnung. Was Edgar Allan Poe gefreut hätte. Schon 1840 schrieb er in einem Essay: „The soul of the apartment is the carpet“.

Wandobjekt

Mustergültig
Architektin Noémi Kiss und Architekt Andreas Reichl entwarfen und gestalteten die „Carpeted Carpets“. Alte, ausgemusterte Stücke wurden bemalt und mit neuen Mustern überdeckt. www.kissthereichl.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.01.2012)

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