Die Helden der Sprechblase

04.02.2012 | 18:23 |  von Elisabeth Gerstendorfer (Die Presse)

Kunst und Literatur verschmelzen: Die Kunst des Erzählens müssen Comiczeichner genauso beherrschen wie die Sprache der Bilder. Blick in die Arbeit österreichischer Künstler, von der Graphic Novel bis zum Manga.

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Wenn der Comiczeichner Nicolas Mahler zu Feder und Tusche greift, braucht es nicht viel, um bei seinen Lesern Spannung aufzubauen. Eine lange Nase, eine Brille, vielleicht ein paar Haare, und seine typischen, stark reduzierten Figuren erzählen mit wenigen pointierten Worten seitenfüllend Abenteuer, Dramen oder Biografien. Als Comicromane im Buchformat, sogenannte Graphic Novels, erfreuen sich die Bildgeschichten wieder wachsender Beliebtheit und sind aus dem schattigen Eck der Kinder- und Jugendbücher prominent in die Schaufenster der Buchhandlungen vorgerückt. Und: Kunst und Literatur verschmelzen zunehmend, etwa bei Comic-Adaptionen literarischer Klassiker, die mit ihren ausdrucksstarken Zeichnungen auch Comic-Verweigerer plötzlich zu Comic-Lesern machen.

„Eine gute Zeichnung ist ein möglichst direkt zu Papier gebrachter Gedanke, vor allem aber sollte sie leicht von der Hand gehen oder zumindest so aussehen. Für mich liegt der Reiz in der Verdichtung“, sagt Mahler, der weltweit bereits mehr als 30 Bücher veröffentlicht hat, darunter auch Literaturadaptionen wie kürzlich Thomas Bernhards „Alte Meister“. Die Ideen zu seinen Geschichten stammen teils aus autobiografischen Erlebnissen, andere sind frei erfunden.

„Das Entstehen eines Comics ist vor allem gedanklicher Aufwand. Der Großteil der Vorarbeit passiert im Skizzenbuch, in dem ich ausgewählte Textpassagen, Ideen zum Bildaufbau, Figurenentwürfe bis zu einer groben Skizze der fertigen Seite sammle und mir Notizen mache“, so Mahler, der für seinen typischen minimalistischen Stil bereits mehrfach ausgezeichnet wurde. Das Zeichnen gehe dann relativ schnell mit Tusche und Feder auf Zeichenkarton, „damit eine gewisse Spontaneität erhalten bleibt“, meint der Wiener. Die Nachbearbeitung am PC, etwa das Einfügen von Schmuckfarben, versucht er möglichst gering zu halten.

Federleicht von Hand.
Auch der steirische Comic-Künstler Jörg Vogeltanz zeichnet nach der Ideenfindung meist unmittelbar mit der Hand und in Originalgröße. Für seine Comic-Reihe „Anger Diaries“, eine Geschichte rund um eine welt- und zeitumspannende Geheimorganisation, arbeitet der freischaffende Künstler mit einer Mischtechnik aus Bleistift, Tuschfeder und Fineliner sowie Bildbearbeitung am Computer, der Feinschliff erfolgt wieder per Hand.

„Comics sind eigentlich ein hybrides Medium. Wichtig ist aber vor allem Glaubwürdigkeit, das, was man gerne ,Street Credibility‘ nennt“, sagt Vogeltanz. Ein guter Comic braucht für den ursprünglichen Bühnenbildner eine interessante Story und natürlich hochqualitatives Artwork. Vogeltanz befasst sich gerne mit mystischen, devianten, aber auch politkritischen und satirischen Motiven, denen er mit einem außergewöhnlich ausdrucksstarken Stil Leben einhaucht.

Damit sich die unverwechselbare Handschrift eines Zeichners ausbilden könne, muss erst der Künstler selbst reifen, meint Walter Fröhlich, Mitbegründer und Lehrender des Diplomstudiums „Comics und Animation“ an der Wiener Kunstschule. „Für Comic-Künstler ist es sogar sinnvoll, für jede Geschichte den dazu passenden Zeichenstil zu finden. Manche legen sich für jeden Stil, den sie beherrschen, ein Pseudonym zu, wie Jean Giraud alias Moebius oder andere das gemacht haben“, sagt Fröhlich, der selbst als Comiczeichner und Illustrator arbeitet. Wichtiger als ein guter Zeichner zu sein, sei die Gabe, fesselnde Geschichten erzählen zu können und auch die Bildsprache zu beherrschen.

„Comiczeichner brauchen eine anhaltende Begeisterungsfähigkeit für ihr Werk. Sie sollten in der Lage sein, für 40, 100 oder gar 400 Seiten der gleichen Geschichte am Tisch zu bleiben, ohne die Freude daran zu verlieren“, meint Fröhlich. In seiner Comic-Werkstatt lernen die angehenden Comiczeichner alles, was für die Produktion notwendig ist: Drehbuchgestaltung, Bildkomposition und Dramaturgie, Seitenaufteilung, Perspektiven und verschiedene Zeichentechniken bis hin zum Lettering, dem Beschriften der Sprechblasen. Auch Werkstoffkunde, Kunstgeschichte und Farbenlehre stehen am Lehrplan.

Die Absolventen des Lehrgangs arbeiten meist als freischaffende Künstler, Illustratoren oder gehen in die Werbung. Immer wieder landen Comiczeichner auch beim Film. Nicolas Mahler gestaltete beispielsweise einige seiner Comics als Animationsfilme, Jörg Vogeltanz arbeitete als Regisseur an der Mystery-Serie „Pantherion“. „Hätte es damals, als ich meine ersten Comics zu zeichnen begonnen habe, bereits eine so leistbare und leistungsfähige Hard- und Software zur Videoproduktion gegeben, wäre ich sicher zuerst beim Film gelandet“, meint Vogeltanz.


Autobiografisch.
Eine wichtige Rolle für Verlage und Fans, die sich vermehrt wieder auf Comicbörsen wie der Vienna Comix treffen, spielen nach wie vor Mangas. Darunter versteht man im engeren Sinn japanische Comics bzw. alle Comics, die in diesem Stil gehalten sind. Sie unterscheiden sich zwar in der Art zu erzählen von Comics und Graphic Novels, werden aber ebenfalls ganz unmittelbar gezeichnet. „Im klassischen Mangastil sind die Figuren recht einfach gehalten. Es geht weniger um Korrektheit als um spontanen Ausdruck“, sagt die Salzburger Manga-Zeichnerin Melanie Schober.

Während ein Comicleser dem einzelnen Bild viel Aufmerksamkeit schenke, hetze ein Mangaleser „wie ein Rennpferd durch die Seiten“, meint die 26-Jährige. Auch für Schober ist die Vorarbeit, wenn aus „vielen einzelnen Bruchstücken langsam eine Geschichte“ entstehe, wichtig.

„Die eigentliche Kreativarbeit ist aber das Zeichnen der Layoutskizzen. Dabei geht es hauptsächlich um das Lesetempo und die Anordnung der einzelnen Bilder“, meint Schober, von der bereits mehrere Manga-Bände verlegt wurden. Beim Zeichnen stellt sich die Manga-Künstlerin vor, sie wäre selbst die Figur und zieht mitunter Grimassen. Denkt man zu viel an Technik und Anatomie, verderbe das den Ausdruck, meint sie. Schon mit 16 Jahren begann sie, Konzepte einzureichen und Verlage auf Buchmessen anzusprechen. „Auch nach den ersten Absagen habe ich nicht aufgegeben, und irgendwann einmal war ich wohl penetrant genug“, schmunzelt sie.

Guter Strich

Jörg Vogeltanz zeichnet Comics, Graphic Novels und Cartoons und arbeitet als Künstler auch in anderen Bereichen.
www.vogeltanz.at

Nicolas Mahler kreiert Comicromane, auch für Zeitungen und Zeitschriften. mahlermuseum.at

Melanie Schober gewann bereits bei zahlreichen Manga-Wettbewerben. www.melanie-schober.at

Die Wiener Kunstschule bietet das vierjährige Kunststudium „Comic und Animation“ an. Geleitet wird es u.a. von Walter Fröhlich. www.cafe-rorschach.com;
www.kunstschule.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.02.2012)

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