Wer auch immer sich über die bestfrequentierten Einkaufsstraßen in egal welcher größeren Stadt bewegt, weiß um die aufdringliche, man könnte auch sagen penetrante, Duftnote, mit der die globale Handelskette Lush keineswegs unaufdringlich auf ihre Gegenwart hinweist. Über Geruch lässt sich nun ebenso wenig streiten wie über Geschmack, die Allgegenwart eines auf Seife spezialisierten Händlers zeugt aber davon, dass sich mit Seife Kohle machen lässt. Und hoffentlich auch abwaschen.
Lockstoff Seife. Die Landschaft österreichischer Kosmetikmarken ist zwar schnell erkundet, gerade die seifige Domäne beruht aber auf seit Jahrhunderten bestehenden Traditionen und Rezepten. Analog zu Verjüngungsprojekten an der Schnittstelle zwischen Handwerk und Design lassen sich auch hier kreative Unternehmensideen ausfindig machen.
So verschlug es die heutige Geschäftsführerin der Stoba Seifenmanufaktur, Sonja Baldauf, vor sieben Jahren in die Stadlauer Seifensiederei. Diese wurde von Friedrich Weiss geleitet, und er hatte im Lauf seines Lebens die perfekte Zusammensetzung für sein Produkt gefunden. Baldauf, damals wohnte sie in Zürich, wurde durch eine TV-Dokumentation auf die Seifensiederei aufmerksam, „da habe ich mich gleich verliebt“. Nach Besuchen in Wien bot ihr Friedrich Weiss an, den Vertrieb in der Schweiz abzuwickeln. Baldauf, eigentlich Grafikerin, überlegte nicht lange – zur Eröffnung eines Ladens in Zürich kam es aber nicht, denn Friedrich Weiss verstarb 2006. „Es gab aber einen jungen Mitarbeiter in der Fabrik, der ausgebildeter Seifensieder war“, erzählt Baldauf. Kurz entschlossen zog sie nach Wien, nahm Seifensieder Władysław Stopa unter ihre Fittiche und ist nun seit fünf Jahren im dritten Bezirk angesiedelt. „Es ist eine ganz spezielle Rezeptur“, schwärmt Baldauf. Die Seife soll „die Haut anregen, selbst zu arbeiten, denn wenn die Haut spinnt, dann sind wir nicht glücklich.“
Auf die Herstellung wird bei dieser kalt gerührten Kokosölseife Wert gelegt. „Eine Seife besteht aus Fett und Lauge.“ Welche Fette zum Verseifen verwendet werden oder in welchem Verhältnis gemischt wird, „ist die Spezialität von jedem Seifenhersteller“. Das Kokosfett kommt zuerst in einen Kessel, ein 25-Kilo-Block wird zum Schmelzen gebracht, dann wird Lauge nachgeschüttet und der „Verseifungsprozess“ setzt ein. Anders gesagt: Das Fett wird in Tenside und Glycerin gespalten. „Die Lauge ist weg, neutralisiert, die Mischung ist zur Seife geworden“, erklärt Sonja Baldauf. „Ein simpler Trick, denn Tenside verteilen sich dann um den Schmutz und heben ihn weg!“ Nach dem Rühren werden Zusatzstoffe hinzugefügt, etwa ätherische Öle und Duftextrakte. „Die Verkäufer, von denen ich Biozutaten beziehe, kenne ich meist persönlich.“ Viele Öle kommen weiters vom Großhändler und die Düfte „von einer Wiener Firma“. Manch eine Seife wird mit Lebensmittelfarbe gefärbt, anschließend wird sie – noch flüssig – „in eine Holzkiste geschüttet, oben kommt ein Betonklotz drauf“. Dort kühlt sie ab und wird fest, danach wird sie mit einer 120 Jahre alten Maschine von der Stadlauer Seifensiederei – mittels Klaviersaiten – zugeschnitten.
Dieses Verfahren ist heute nicht mehr gängig: „Ein Aufwand, der eigentlich nicht mehr bezahlbar ist“, erklärt Peter Walde von der gleichnamigen Tiroler Seifenfabrik.
Betört vom Duft. Waldes Familienunternehmen gibt es seit 1777. 2009 kreierte er gemeinsam mit der kreativen Tirolerin Therese Fiegl eine Seife namens „Tiroler Reine“. Ähnlich wie bei Sonja Baldauf ergab sich dieses Vorhaben aus einer Intuition heraus. Fiegl: „Auf dem Weg in die Innsbrucker Stadt bin ich immer am damaligen Standort der Seifenmanufaktur vorbeigekommen. Dort hat es so gut gerochen, dass ich irgendwann einfach reingegangen bin.“ Nun geht es bei dem Projekt „um die Geschichten zu den Seifen und darum, dass in Tirol produziert wird“. Dem Kunden soll ein Stück Tirol mit nach Hause gegeben werden, Zutaten wie Himmelschlüssel und Bergminze stammen von der „Tiroler Kräuterbäuerin“ Mary Hacket. Das klare Profil hilft bei der Positionierung – und dem Überleben. „Die Firma Walde hat eine Nische gefunden, wo sie eine Existenzberechtigung hat“, so Therese Fiegl.
Bei Peter Walde wird – wie auch in der Benediktiner Seifenmanufaktur St.Wolfgang – vorrangig mittels einer Maschine die Seife hergestellt. „Einen Teil unserer Seifen fertigen meine Tochter Theresa und ich mit unserer kleinen Strangpresse“, erklärt Andreas Wipplinger von der Benediktiner Seifenmanufaktur. „Am Anfang steht ein Seifengranulat, das zu Pulver zerkleinert wird.“ Gemeinsam mit anderen Ingredienzien wird dieses Pulver in eine Maschine gegeben, die „wie ein Fleischwolf funktioniert“. Schließlich geht es weiter zu einer Walze und der sogenannten Strangpresse, bei Wipplinger ist es gar eine doppelte. Den Schlusspunkt macht eine Stanzmaschine. Oder es wird händisch geschnitten und geprägt.
Die Letzten ihrer Zunft. „So kleine Seifenfabriken wie wir sind in den 1970er-Jahren durch die Industrialisierung von der Bildfläche verschwunden“, schildert Peter Walde. Auch wenn heute maschinell produziert wird, „sind immer drei Leute dabei und die Stücke werden von Hand kontrolliert“. Die Grundseife, bei der Tiroler Reine aus Shea-Butter gefertigt, werde zugekauft. „Wir kaufen da teilweise 20 Tonnen.“
Die produzierten Seifen auf Events zu präsentieren sei eher kein Thema, aber „es gibt ein paar größere Hotels, die unsere Seifen führen“, erklärt Therese Fiegl.
Anders in der Benediktiner Seifenmanufaktur: „Wir verkaufen unsere Produkte ausschließlich in unseren eigenen Filialen.“ Auf den Ursprung der Manufaktur ist er stolz: „Aufzeichnungen zufolge gab es im Benediktinerkloster St. Wolfgang eine kleine Seifensiederei, die den Ort und die Pilgerschar mit Seife versorgt hat.“ Sauberkeit ist offenbar ein recht trendresistentes Phänomen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.03.2012)
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