19.06.2013 06:02 Merkliste 0

Emily Pilloton: "Social Design muss schön sein"

28.04.2012 | 18:04 |  von Karin Schuh (Die Presse)

Die amerikanische Designerin Emily Pilloton will mit ihrer NGO "project h" die Welt verbessern, Stück für Stück. In North Carolina hat sie damit schon ganz konkret begonnen.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Sie haben acht Jahre in der Designindustrie gearbeitet und anschließend mit project h eine NGO für Design gegründet. Warum?

Emily Pilloton: Weil ich Design, Architektur und Kreativität als Ressourcen für Communitys nutzen möchte, um soziale oder ökonomische Probleme zu lösen. Speziell für ländliche, kleine Communitys in den USA, die weniger Ressourcen haben, kann Design ein wirklich wertvolles Werkzeug sein.

 

Haben Sie dazu ein Beispiel?

Als wir begonnen haben, haben wir uns stark auf die Entwicklungsländer und Produktdesign konzentriert. Wir haben aber bald gelernt, dass es zwar genug Bedarf gibt, es aber ehrlicher ist, sich in unseren Regionen zu engagieren. 2009 haben wir unseren Fokus auf ärmere Gemeinden in den USA gerichtet. Das hat uns nach Bertie County in North Carolina geführt. Dieser Teil des Landes ist sehr ländlich, arm, dünn besiedelt, und es gibt dort oft noch eine Trennlinie zwischen der schwarzen und weißen Community. Also gibt es viele Möglichkeiten für Design, um dabei zu helfen, die Community zusammenzubringen oder ökonomisch etwas zu verbessern, etwa Jobs zu schaffen.

 

Wie kann Design eine Community zusammenschweißen?

Der Landesschulrat hat uns eingeladen, einerseits um ein paar Plätze neu zu gestalten, andererseits um Design in den Klassen zu unterrichten. Wir haben bald gemerkt, dass es viel mehr Möglichkeiten gibt. Also haben wir einen Lehrplan namens „studio h“ entwickelt, für High School Studenten. Das Programm beinhaltet alles, vom Brainstorming über Recherche, Zeichnen bis zu Produktionsfertigkeiten. Über ein Schuljahr lang wird entworfen, im Sommer wird umgesetzt. Es geht auch darum, wie die Gemeinde von den Projekten profitiert. Letztes Jahr wurde ein großer Bauernmarktpavillon entwickelt. Es gibt hier keinen Markt in einem 80-Meilen-Radius. Die Studenten mussten Bauern finden, sie rekrutieren, die Struktur bauen und herausfinden, wie das Geschäft läuft.

 

Und wie hat die Gemeinde reagiert?

Wundervoll. Der Bürgermeister hat mit uns sehr eng zusammengearbeitet. Es war uns sehr wichtig, dass die Studenten direkten Kontakt mit den Obersten der Gemeinde haben, mit ihnen über die Gestaltung diskutieren. Die Schüler haben eine neue Dynamik ins Dorf gebracht.

 

Wie sieht es mit der Finanzierung aus?

Wir haben drei verschiedene Beihilfen: eine staatliche und zwei private Beihilfen. Wir erhalten keine finanzielle Unterstützung von der Schule.

 

Inwieweit ist die Bevölkerung involviert?

Neben der politischen Seite sind auch die Familien involviert. Es gibt hier ein sehr kleines Dorf mit 2000 Menschen, da kennt jeder jeden. Speziell bei dem Bauernmarkt war es wichtig, alle zu involvieren. Bevor wir begonnen haben, den Markt zu entwickeln, haben wir eine Ausstellung über die Ideen gemacht und jeden eingeladen, uns Feedback zu geben. Manches war brauchbar, manches nicht, aber es war für den Prozess wichtig, demokratisch zu sein.

 

Wollen Sie ähnliche Projekte in anderen Städten machen?

Vielleicht. Ich denke, wir könnten den Lehrplan auch an anderen Orten umsetzen, aber es wäre nicht das Gleiche. Das gilt generell für Social Design: Das Wichtigste ist, dass es auf einen bestimmten Ort zugeschnitten ist und es sich an eine spezielle Gruppe von Menschen richtet, aus einem speziellen Bedürfnis heraus. Der Prozess und die Mission wären also gleich, aber das Projekt wäre wohl ein anderes.

 

In wieweit hat sich Bertie County dadurch verändert?

Die Stadt investiert nun viel mehr in die Jugendlichen. Es gibt dort viele Alte und eine große Kluft zwischen Jung und Alt. Das existiert zwar noch immer, aber es gibt jetzt mehr Vertrauen zwischen den verschiedenen Altersgruppen und zwischen der schwarzen und weißen Community.

 

Hat sich auch der Zugang der Bewohner zu Design verändert?

Ja, wenn ich Design sage, meine ich nicht das Produkt, die Leuchte, das Gebäude oder die Grafik. Design ist für mich ein Prozess, um Probleme kreativ zu lösen. Wir machen viele Projekte und haben keine Idee, wie das Produkt sein wird, aber wir wissen, wie der Prozess ist. Man geht durch den Prozess, und wenn man fertig ist, hat man vielleicht ein Produkt, ein Service oder ein Gebäude. Ich denke, das haben viele durch den Bauernmarkt, der ja etwas Physisches ist, das man angreifen kann, verstanden. Design verändert sich. Es geht nicht darum, meinen Namen auf etwas zu setzen. Sondern darum, dass etwas entsteht, das lange andauert und von den Bewohnern genutzt wird. Deshalb sprechen wir auch davon, etwas mit jemandem statt „für jemanden“ zu designen.

 

Wie beurteilen Sie den Stellenwert von Social Design in der Designindustrie?

Die Industrie wird immer da sein, das will ich auch gar nicht ändern. Die Mehrheit der Designer wird weiter so arbeiten wie immer. Aber selbst die größten Firmen haben Teams, die sich um soziale Verantwortung kümmern. Das ist zwar toll, aber es wäre besser, wenn die ganze Firma das als Teil ihrer Arbeit versteht.

 

Was ist für Sie gutes Social Design?

Es ist ein Prozess, in dem Design auf andere Felder trifft, in dem der Nutzen des Designs demokratisch, zugänglich und nachhaltig ist. Und es kann alles sein, ein Produkt, eine Grafik, ein Service, das ist egal, aber eine langfristige Lösung muss es sein.

 

Darf Social Design schön sein?

Absolut, es muss. Der Bauernmarkt zum Beispiel ist ein wunderschönes Gebäude. Wir hätten ihn auch hässlich machen können, er hätte trotzdem funktioniert. Aber wir wollten, dass die Leute stolz darauf sind und ihn gern benutzen. Man kann mit Ästhetik Leute dafür gewinnen, etwas zu benutzen. Ich sehe es nicht als Entweder-oder, es kann und sollte beides sein: funktionell und schön. Das war schon immer die Aufgabe von Design.

 

Und kann Design die Welt verbessern?

Vor vier Jahren hätte ich gesagt: Yeah. Ich glaube noch immer daran, aber wir müssen die Definition von „die Welt“ ändern. Es funktioniert im kleinen Rahmen. Man kann keine Lösungen für die ganze Welt bekommen. Ich möchte lieber eine Million wundervolle Designlösungen an einer Million verschiedener Orte als eine Lösung für die ganze Welt. Das ist auch das Spezielle an Social Design, dass es so viele verschiedene Lösungen gibt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.04.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

Mehr auf DiePresse.com