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Valerie Steele: Mode, Kunst und Tinker Bell

16.06.2012 | 17:56 |  von Daniel Kalt (Die Presse)

Eine der einflussreichsten Modetheoretikerinnen der Welt, Valerie Steele, stattete Wien einen kurzen Besuch ab. Mit der "Presse am Sonntag" unterhielt sie sich über Hummerkleider.

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Bei unserem letzten Treffen im Fashion Institute of Technology (FIT) sprachen wir über die, besonders unter Intellektuellen, verbreitete Feindseligkeit gegenüber der Mode. Denken Sie, dass die Annäherung an die Kunstwelt eine Strategie seitens der Mode ist, diese Einstellung zu überwinden?

Valerie Steele: Schwerlich. Diese Skepsis ist so vielschichtig, dass das Auftauchen im Kunstkontext nicht ausreicht, um sie aufzuheben. Sehr wohl aber haben wir es mit einer Strategie zu tun: Luxusmarken bewegen sich mit Kalkül in die Kunstwelt, nicht um Skeptiker umzustimmen, sondern, weil ihre Klientel noch mehr Geld lockermachen soll. Die Aura der Kunst soll für zusätzliches kulturelles Kapital sorgen.

Die Ausstellung „Reflecting Fashion“ zeigt mehrheitlich künstlerische Positionen, die der Mode angenähert werden. Ob sich wohl einige der vertretenen Künstler gegen diese Assoziation verwehrt hätten?

Es hat immer Künstler gegeben, die Mode bewusst als Mittel eines popkulturellen Kommentars oder als Kritik an Phänomenen wie Massenkonsum und Konformismus genutzt haben. Yayoi Kusama wiederum mag einen Schuh zum skulpturalen Objekt gemacht haben, sie hatte in dem Moment aber wohl nicht die Mode im Sinn. Ohnehin ist „modisch“ zu sein – gerade im Feld kultureller Produktion – dezidiert negativ konnotiert. Darum dürften Künstler vor einer Annäherung an die Mode oft zurückschrecken.

 

Zugleich ist das Mode-Kunst-Thema in Ausstellungen derzeit selbst recht modisch...

Den – kontinuierlich wachsenden – Trend gibt es seit etwa 15 Jahren, die Initialzündung kam mit der Ausstellung „Art/Fashion“ in Florenz, die dann ins Guggenheim Museum kam. Die Schau „Fashion and Surrealism“ im FIT hatte das Terrain 1987 vorbereitet.

In manchen Städten, auch Wien, wird Mode an einer Kunstuniversität gelehrt: Macht es Sinn, Studierende in dem Glauben auszubilden, dass Mode Kunst sei?

Warum nicht, es hängt vom Kontext ab: Central Saint Martins oder die Akademie in Antwerpen sind Kunsthochschulen und ihre Absolventen sehr gefragt. Haben Sie aber gehört, was Karl Lagerfeld vor etwa zwei Wochen gesagt hat? Er meinte, Designer, die sich als Künstler sehen, seien zweitklassig. Und dann sagte er noch, Mode habe im Museum nichts verloren. Lagerfeld liebt es zu provozieren.

 

Abgesehen von Kunstmuseen, an die Lagerfeld gedacht haben mag, gibt es aber solche wie das von Ihnen geleitete, die sich auf Modeausstellungen spezialisieren. Muss es zwingend „Mode und mehr...“ oder „Mode als Kunst“, „Kunst und Mode“ sein?

Das ist ein springender Punkt. Ich denke, dass es eine Tendenz gibt, etwas „Kunst“ nennen zu wollen, wenn man es schön findet, und das gilt auch für Mode. Nach der Alexander-McQueen-Ausstellung im Metropolitan Museum haben viele Besucher gesagt: Das ist so schön, McQueen ist Kunst! Anstatt einfach zu sagen: Das ist die beste Mode, die ich je gesehen habe.

 

Im Mumok ist auch das „Lobster Dress“ von Elsa Schiaparelli und Salvador Dalí zu sehen: Ist das Prinzip das Gleiche wie bei einer Handtasche von Murakami für Vuitton?

Ich finde nicht, weil das „Lobster Dress“ in einem anderen System entstand. Damals war es die Modeschöpferin Schiaparelli selbst, die den Künstler Dalí einlud, ein Kleid mit ihr zu gestalten. Heute sind es Konzerne, die solche Projekte beschließen, und die zu einer Kooperation eingeladenen Künstler werden für kurze Zeit zu ihren Angestellten. Dalí war ein Verrückter, und er war gleichberechtigter Partner.

Ich nehme an, Ihre Ausstellungen hängen von der Unterstützung von Sponsoren ab. Rennen Ihnen Modemarken die Türe ein?

Im Gegenteil. Modemarken sponsern Kunstmuseen und keine Modeausstellungen, besonders nicht thematisch angelegte. Für 2013 plane ich eine Schau über Queer Styles, „From the Closet to the Catwalk“, die in erster Linie von unseren Gönnern finanziert wird. Kommerzielle Sponsoren zu finden, ist schwierig.

 

Wer entscheidet eigentlich darüber, ob und welche Mode Kunst ist?

Neben anerkannten Kunstformen und -genres hat es immer wieder Neues gegeben, zum Beispiel die Fotografie oder den Jazz, die Jahre und Jahrzehnte brauchten, bis sie Teil der echten Kunst, „Art with a capital A“, sein durften. Vielleicht wird Mode einmal in diese Sphäre aufsteigen. Dazu müssen aber die Designer bereit sein zu sagen: Ja, ich mache Kunst, ich bin Künstler.

 

Mit dem Charakter der eigentlichen Objekte, die weit davon entfernt sind, Unikate zu sein, hat das nichts zu tun?

Die Aura des Unikats ist ja aus der bildenden Kunst längst verschwunden. Wichtig ist nicht das einzelne Objekt, sondern das Konzept und das Wertesystem, das darum konstruiert wird. Es ist mit der Mode wie mit Tinker Bell in Peter Pan, als sie im Begriff ist zu sterben und nur weiterlebt, wenn alle ihr zurufen: Wir glauben an dich, Tinker Bell! Erst wenn alle, die das wollen, auch sagen: Wir glauben, dass Mode Kunst ist!, wird sie es sein dürfen.

 

Die Zweifler und Skeptiker werden umso lauter protestieren.

Ach, an deren Einstellung wird sich ohnehin nichts ändern, ob die Mode nun als Kunst gilt oder nicht. Diese Feindseligkeit hat mich ja seit Beginn meiner wissenschaftlichen Arbeit fasziniert. Die Disziplin der „Fashion Studies“, die es damals eigentlich noch gar nicht gab, hat sich aus den auch jungen „Queer Studies“ entwickelt, wo erstmals festgehalten wurde: Mode ist Ausdruck einer Persönlichkeit. Wir sind Mode, alle sind Mode. Darum muss jeder, der sich mit Mode auseinandersetzt, auch mit der Gesellschaft vertraut sein, in der sie entsteht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.06.2012)

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