Das Plakat – der vielleicht älteste öffentliche Verlautbarer, der nicht die Stimme benutzt, sondern visuelle Codes, um seine Botschaften loszuwerden. Laut werden können sie genauso. Aus dem Stadtbild sind Plakate nicht mehr wegzudenken. Es sei denn, man ist in São Paulo in Brasilien. Früher durften dort die Werbeplakate noch großflächig die urbane Tristesse kaschieren. Heute nicht mehr. Der Bürgermeister verbannte die Werbung und ihre schreienden visuellen Botschaften kurzerhand aus der Stadt. In Wien wuchern hingegen Plakate, Rolling Boards und Konsorten in der Stadt, verdecken die schönen Ecken genauso wie die grauen. Auch in so manchem Beisl klettern die Kulturplakate in die hintersten, nikotingetünchten Nischen. Dort hat die Gestaltung zwischen drittem und viertem Bier besonders viel Zeit, zu wirken und Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.
Auf der Straße hingegen haben die 24-Bogen-Plakatriesen nur eine kurze Chance anzusprechen. Und die ist allzu oft schnell vertan, wenn dummerweise ein Auto gerade vor der Message parkt oder womöglich vor dem Absender, dem Logo. Das Werbeplakat muss gezielt auf den – möglichst hoch platzierten – Punkt kommen, in Sekundenschnelle. Und für alle anderen kleineren Formate, die vor allem Kunst und Kultur gerne ankündigen, gelten noch ein paar andere Gestaltungsprinzipien. Die natürlich auch gerne gebrochen werden dürfen, um es vielleicht auch mal in die Auswahl des Wettbewerbs der „100 besten Plakate“ zu schaffen. Diese wird jährlich getroffen und mündet in der gleichnamigen Ausstellung, die auf Tour durch den deutschsprachigen Raum schließlich bis nach Wien gelangt.
Auswahlverfahren. Der Wettbewerb „100 beste Plakate“ filtert jedes Jahr den Output der Plakatgestalter aus Österreich, Deutschland und der Schweiz zu einer Ausstellung und einem Buch, das Ende Juni im Verlag Hermann Schmidt in Mainz erscheint. Am 28.Juni eröffnet die Ausstellung in Berlin. Anschließend wird sie in Nürnberg, Essen und Luzern zu sehen sein, bevor sie mit Dornbirn und Wien im Herbst auch Österreich beehrt.
Bereits Mitte der 60er-Jahre – damals noch in der ehemaligen DDR – kürte der Bewerb deutsche Plakatproduktionen. Seit 2001 werden Entwürfe aus dem gesamten deutschsprachigen Raum zum Wettbewerb zugelassen. Der Juryvorsitzende in diesem Jahr war Sascha Lobe, Geschäftsführer des Stuttgarter Designbüros „L2M3“. Er weiß, dass ein Plakat mehr können muss, als von einem vorbeifahrenden Auto aus gut lesbar zu sein. „Die Funktionen des Plakats haben sich heute erweitert. Man will sich einlassen auf das, was einem vorgetragen wird. Das gelingt nur, wenn das Plakat visuell vital erscheint“, sagt Lobe. Ein gutes Plakat, sagt er, müsse vor allem überraschen: „In Konkurrenz zu anderen muss es anders und neu wirken und mit neuen Konzepten erstaunen, dann ist es einen zweiten Blick wert.“
Gestaltungsregeln und -freiheit. Kriterien für die Bewertung der besten 100 waren die Einzig- und Neuartigkeit der visuellen Umsetzung genauso wie die Verständlichkeit der Aussage und der Effekt, der erzielt wird. „Das Schwierigste bei der Plakatgestaltung ist, nicht mit banalen Ideen und Klischees aufzuwarten, das Zweitschwierigste ist, dass man mit ungewöhnlichen Ideen trotzdem noch klar kommuniziert“, sagt Jurymitglied Elisabeth Kopf, Grafikdesignerin in ihrem „Büro Baustelle“ in Wien Margareten. Für die Wienerin entscheidet der Bruchteil einer Sekunde darüber, ob ein Plakat ignoriert wird oder eine Reaktion auslöst. Und damit das passiert, müsse man neue visuelle Sprachen, Stile und Handschriften bemühen, meint sie. In der Auswahl des Jahres 2011 zeichne sich vor allem ein Trend ab, meint Kopf: Die Tendenz zur Illustration.
„Gute Gestalter machen sich nicht nur Gedanken über das Sujet, sondern auch über den Betrachtungsabstand und daraus folgend über die Größenverhältnisse, die Lesbarkeit, Hierarchie und Menge der Inhalte, das Material, die Drucktechnik und vieles mehr. Die große Kunst der Druckproduktion ist ein wesentlicher Aspekt, um brillante Ideen auch brillant umsetzen zu können“, sagt Kopf. Die grafische Qualität, etwa Typografie und Komposition, sei entscheidend für die Gesamtwirkung.
Unterschätzt. Unter den „100 besten Plakaten“ finden sich 53 Plakate aus Deutschland, 45 aus der Schweiz und nur zwei aus Österreich. Das hat natürlich mit der geringen Einreichquote zu tun, doch nicht ausschließlich. „Die Werbeform des Plakats führt noch ein Schattendasein in Österreich“, meint Kopf. „Österreichische Gestalter widmen dem Medium Plakat nicht so viel Aufmerksamkeit wie das in der Schweiz und Deutschland der Fall ist.“
Auch für Eva Dranaz, die gemeinsam mit ihrem Kollegen Jochen Fill eines der beiden österreichischen Gewinnerplakate entwarf, hat Plakatdesign in Österreich einen zu geringen Stellenwert. „Wir lesen und sehen wenig über Plakatkunst in den Medien, Ausstellungen werden kaum gemacht. Dabei gäbe es genug gute Designer“, sagt Dranaz.
In ihrem Wiener Designstudio „3007“ gestalten die beiden Mediendesigner vor allem Plakate für Theaterproduktionen, Musikfestivals, Künstler und Musiklokale. Zwar sei der Wunsch nach Sichtbarkeit gerade im Kulturbereich groß, die Budgets dafür meist jedoch sehr klein. „Offizielles Plakatieren ist finanziell meist nicht möglich, freie Flächen gibt es kaum und Indoor-Plakatieren heißt oft, in Toilettenvorräumen der Lokale zu hängen. Hier gibt es Aufholbedarf bei den Bedingungen, allen voran den politischen, um zu ermöglichen, wieder mehr Kulturplakate im öffentlichen Raum zu sehen“, so Dranaz.
Gewinner. Gutes Plakatdesign erfordert für die gebürtige Deutsche vor allem Sensibilität und Inspiration aufseiten der Gestalter sowie Mut und Vertrauen auf der Seite der Kunden. „Inhalt und Bildsprache müssen für die Zielgruppe passen. Erfreulich ist, dass der Wunsch nach immer größeren Logos und Sponsorleisten zurückgeht“, erzählt Dranaz. Die Gewinnerplakatserie, die das Büro „3007“ gestaltet hat, besteht aus drei Plakaten für das Wiener Veranstaltungslokal „rhiz“, das vorwiegend elektronische Livemusik auf seiner Playlist hat. Die Plakatsujets zeigen Stofftiere in unterschiedlichen, teils morbide anmutenden Situationen, was Kindheitserinnerungen wecken und gleichzeitig paradox brechen soll.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.06.2012)
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