Als Henry Dreyfuss Mitte der 1950er im Buch „Designing for People“ nach 30-jähriger Studioarbeitüber die Zukunft im Design sprach, waren die Umstände gewiss andere als heute. Dreyfuss gilt neben Raymond Loewy als Paradebeispiel für den alles entwerfenden Designer – von der Zahnbürste bis zum Flugzeug. Im Amerika ihrer Zeit wurden sie zu Helden des ökonomischen Aufschwungs stilisiert, zu Idolen einer prosperierenden, „modernen“ Gesellschaft. Die Konsumenten glücklicher zu machen war das gestalterische Postulat. Und glücklich bedeutete: materielle Bedürfnisse zu befriedigen. „Joe“ und „Josephine“ waren die von Dreyfuss konzipierten prototypischen Verbraucher – wie Cary Grant und Doris Day ein Traumpaar in Suburbia und biometrisch vermessen als ergonomische Vorlagen. Ein wohnliches Heim und der effiziente Arbeitsplatz sollten das Schwungrad des Idylls in Bewegung halten, dafür wurde die Tretmühle dem Menschen als Motor bestmöglich angepasst. Der von Dreyfuss verwendete Ausdruck „Human Engineering“ zeigt, wie technologisch diese frühe Phase im Design geprägt war. Fast das ganze 20. Jahrhundert war von diesem der Moderne verpflichteten Gestaltungswillen geprägt, ein Wirtschafts- und Gesellschaftssystem stützend, das sich als das einzig wahre gerierte. Freilich gab es seit den 1960ern Alternativbewegungen, die dieses System radikal infrage stellten und den Blick der Designer auf den Menschen abseits von Konsum lenkten. Ob als gleichwertiger Partner in der Produktentwicklung oder indem materielle Bedürfnisse generell hinterfragt wurden, zugunsten von Problemlösungen auf sozialer Ebene. Die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts, mitbedingt durch ein viel zu langes Festhalten an einem Wertesystem, das sich niemals für alle und die Natur ausgeht, erfordern eine neue Generation und ein Umdenken, das sich von alten Idolen verabschiedet. Gewünscht sind Designer, die als Mediatoren Veränderungsprozesse begleiten und durch ihre Kreativität entscheidende Impulse liefern. Dennoch soll die Aufgabe, Gesellschaft und System zu reformieren, nicht nur auf den Schultern der Kreativen lasten, dazu braucht es einen viel breiteren Konsens und Gestaltungswillen in Politik und Wirtschaft. Am „Social Design“ unserer Gesellschaft dürfen wir alle partizipieren.
Thomas Geisler ist Designtheoretiker, Kurator, Kogründer der Vienna Design Week und an der Universität für angewandte Kunst tätig.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.06.2009)

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