Design und nationale Identität führen eine ambivalente Beziehung. Als Design und Designer noch an bestimmte Orte gebunden waren, war ein Essentialismus, der Blut oder Boden mit einer bestimmten Art von ästhetischem Output gleichsetzt, angemessen. Hingegen halten heutige Initiativen der creative industries – von Designpreisen bis zu Ausstellungen – den Mythos der nationalen Parameter trotz deren schriller Belanglosigkeit für die Designpraxis des globalisierten 21. Jahrhunderts aufrecht. Denn ist das Konzept eines „puren“ österreichischen oder eines „great“ britischen Design nicht einfach überflüssig?
Jahrhundertelang waren in Europa Design und die angewandten Künste mit einem nationalen Streben nach gesteigerter Produktivität in den Manufakturen und dem Wettbewerb um Marktanteile verknüpft (Louis XIV. nützte die Idee des überlegenen französischen Designgeschmacks geschickt als chauvinistische Propaganda). Am schändlichsten jedoch wurde Design bei der Schaffung und Unterjochung von Nationalstaaten instrumentalisiert. Vor allem der Nationalsozialismus war dafür berüchtigt, dem Alltagsleben mittels Design die Idee einer nationalen Identität einzuimpfen – vom Diktieren der Reinheit und Form von Kaffeekannen bis zur richtigen Positionierung von Hakenkreuzen auf Aschenbechern.
Heute, in einer neoliberalen Marktwirtschaft, generieren Design und Nationalismus im Zusammenspiel faule Markenidentitäten, die nationaler Kreativität den Wert von Gebrauchsgütern verleihen. Droog, eine von der niederländischen Regierung gesponserte Designbewegung, ist das ultimative Beispiel für dieses Phänomen. Obwohl Droog (eine Ansammlung von losen Designlabels) bei der Förderung einer exportfähigen, vorabgepackten Idee von „Holländischem Design“ enorm erfolgreich war, ging sie auch mit der gefährlichen Fiktion von kreativer Homogenität hausieren.
Dabei kann in einer digitalisierten, kreativen Kultur ein in Frankreich geborener Designer in Brasilien leben, für den Markt im Nahen Osten arbeiten und in China produzieren lassen. Diese Fluidität lässt schon den Begriff von nationaler Identität seltsam altmodisch klingen. Denn Design ist nicht länger an die Spezifität von Form, Material, Ort oder Medium gebunden: Es ist sicher eine Kraft, die Grenzen nicht aufrechterhält, sondern niederreißt.
Alison Clarke ist Professorin für Designgeschichte und Theorie an der Angewandten.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.09.2009)
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