Demokratisches Design

31.10.2009 | 18:35 |  von nikolaus franke (Die Presse)

Die Zeit, in der Gestaltung und Formgebung von Produkten wenigen Spezialisten vorbehalten waren, ist vorbei.

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Haben Sie sich beim Betrachten von Modenschauen, moderner Architektur oder den Auslagen von Uhrengeschäften auch einmal gewundert? Und sich die Frage gestellt: „Warum lässt man eigentlich mich nicht Designs machen? Das könnte ich doch auch!“

Wenn ja, dann haben Sie jetzt die Gelegenheit dazu. Neue Technologien versetzen heute jeden mit kreativen Ideen in die Lage, Designs selbst zu entwerfen. „Toolkits for User Innovation And Design“ nennt man die Websites, die es einem ermöglichen, sich selbst virtuell ein Produkt nach eigenen Vorstellungen zu entwerfen, das anschließend vom Anbieter 1:1 gefertigt wird. Umsetzungswissen und handwerkliches Know-how sind nicht mehr so wichtig – es zählt vor allem die Kreativität. Heißt das, dass die Wettbewerbsvorteile von Designprofis zurückgehen? Um dies zu untersuchen, haben wir an der WU ein Experiment durchgeführt. Wir haben 165 BW-Studenten gebeten, mit einem Toolkit eine Plastikuhr zu gestalten. Wir haben dann die Bilder der fertigen Designs mit Bildern der vier meistverkauften Uhrendesigns in der gleichen Produktkategorie vermischt und sie einer zweiten Gruppe von 248 Studenten vorgelegt. Jeder von ihnen wurde gebeten, zu einer Auswahl von 26 Uhren (vier Profidesigns und jeweils 22 zufällig ausgewählte Studentenuhren) seine maximale Zahlungsbereitschaft zu äußern. Natürlich haben wir unkenntlich gemacht, von wem die Designs stammten.

Die Ergebnisse waren verblüffend. Die Zahlungsbereitschaft für die Profidesigns betrug mit 24,25 € nur geringfügig mehr als für die durchschnittlichen Studentendesigns (23,10 €). Zieht man ebenfalls nur die besten vier Studentendesigns heran, dann springt der Wert der Amateurdesigns auf 32,98 €, also 36 Prozent mehr als für die Profidesigns. Fragt man nun statt des unabhängigen Samples die Urheber der Designs selbst, also die Studenten, die die Uhren gestaltet haben, dann kommt man auf eine durchschnittliche Zahlungsbereitschaft von 48,50 € – genau doppelt so viel wie für die besten Designs von hoch bezahlten Designprofis.

Aus den Ergebnissen lässt sich ableiten, dass die Zeit der „Design-Gurus“ allmählich abläuft. Jeder Kreative kann heute designen – und kreativ sind viele. Designen wird demokratisch!

Nikolaus Franke ist Professor am Institut für Entrepreneurship und Innovation der WU Wien (www.e-and-i.org) und leitet die User Innovation Research Initiative Vienna (www.userinnovation.at).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.11.2009)

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1 Kommentare
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demokratisierung heißt nicht zwangsläufig verkaufserfolg

ein interessanter beitrag, in der tat. ein gespräch mit dem herrn professor wäre wirklich spannend. aber der artikel sagt nur die halbe wahrheit.

1. als lehrer für entrepreneurship weiß nikolaus franke natürlich, dass es in der praxis nicht nur darum geht, wieviel potentielle käufer für eine uhr bezahlen würden, sondern auch darum, wie teuer sie in der herstellung ist. der fakt, ob die uhr überhaupt um diesen betrag, den die studenten bereit sind zu bezahlen, realisierbar ist, bleibt im experiment offen.
niemand sagt, dass nur designer kreativ sind. genausowenig wie man sagen könnte, nur ausgebildete masseure könnten körper kneten. die ausgebildeten masseure wissen halt wie und wo sie kneten müssen.
industrial designer sind erfahren im entwerfen industriell herzustellender güter, wissen wie etwas aussehen muß, dass es möglichst vielen gefällt und kostengünstig produziert werden kann.

2. im durchgeführten experiment entwarf die zielgruppe (studenten) für die zielgruppe (studenten) - das muß erfolg haben -, wohingegen offen geblieben ist, ob die uhren von den profi-designern ausschließlich für die zielgruppe studenten entworfen wurden - polemische replik: vermutlich nicht.
während also die uhren der profis vielen konsumenten 24,25 € entlocken, verkaufen die amateurdesigner ihre uhren um 48,5 an 248 studenten. bleibt die frage ob 250 uhren um diesen betrag mit gewinn herstellbar sind.

ja, design wird demokratischer. nein, nicht jeder kann designen mit verkaufserfolg.

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