Das Retroprinzip

27.03.2010 | 18:19 |  von Melanie Seyer (Die Presse)

Warum zehren wir von Stilen und Denkmodellen der letzten Jahrzehnte, wenn wir "Neues" kreiern?

Drucken Versenden AAA
Schriftgröße
Kommentieren

Laut der vergangenen „Transmediale“-Konferenz für digitale Kultur in Berlin hat uns die in der Vergangenheit geborene Zukunft schon (wieder) eingeholt und muss nun endgültig neu erdacht werden. Doch: Warum wird davor zurückgescheut? Steckt die kreative Zukunft in der Sackgasse?

Möglicherweise erschwert uns die sich laufend ändernde Informationsflut das Herausfiltern von künftigen Ideen, aber auch die Angst mag keine geringe Rolle spielen, da es vor allem an positiven Zukunftsszenarien mangelt. Die Folge: Man wendet sich lieber der „sicheren“ Vergangenheit zu. „Alles Retro“ heißt somit die derzeitige Antwort der Gegenwart auf die offenen Fragen der Zukunft. „Nostalgie pur“ als Verweigerungshaltung, die sich auch im Design manifestiert. In der Konferenz „Design For Music“, die in der renommierten St. Bride Library in London stattfindet, wurde daher jüngst passend zum Trend in Nostalgie geschwelgt. Darüber, wie schön es nicht war, als es noch die Plattenhüllen als Leinwand für Kreativität gab und wie tief der Schock sitzt, dass nun Musikvisualisierung im digitalen Briefmarkenformat stattfindet.

Einzig der Kreativdirektor der Agentur Big Active Gerard Saint sah in der digitalisierten Zukunft mehr Chancen und Möglichkeiten für spielerische Visualisierungen. Die von ihm gezeigten Arbeiten huldigten dennoch dem Retrodesign, wenn auch clever eingesetzt auf iPod und Co. Da werden für Bands wie Keane oder Goldfrapp fröhlich Trends, Schriften, Illustrationen und Fotostile der letzten Jahrzehnte geplündert und gemischt, was das Zeug hält – und das mit (Verkaufs)erfolg. Aber gibt es denn überhaupt Ansätze, wie Design aus dem post-modernen Kontext ausbrechen könnte? Laut Karsten Schmidt, Datenvisualisierer der ersten Stunde, müsse sich der Designer künftig seine Werkzeuge selbst programmieren, um noch nie da gewesene Darstellungen umzusetzen. Da im Moment aber alle Designer mit mehr oder weniger der gleichen Software arbeiten, sehen sich die Kreationen letztendlich zu ähnlich.

Es scheint, als ob die Technik uns hilft, Ideen immer schneller und besser umzusetzen, doch mangelt es an entsprechenden Visionen und Konzepten, um auch gestalterisch voranzukommen. Schade. Und: Nur Mut!

Melanie Seyer (www.melsbox.com) ist Designerin für interaktive Lösungen bei BBC London und betreibt den Blog: melsbrain.wordpress.com.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.03.2010)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

1 Kommentare

ok ...

na dann processing für alle :)

AnmeldenAnmelden