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Architektur, die schützt

05.06.2010 | 18:20 |  von Monika Mokre (Die Presse)

Wie können neue Zufluchtsorte geschaffen werden? Und wovor schützen sie uns?

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Shelter bedeutet Zufluchtsort oder Unterstand, einen Zwischenraum, eine Auszeit auf Reisen freiwilliger oder unfreiwilliger Art, einen Platz, der nicht auf Dauer besiedelt wird, aber kurzfristig Schutz bietet. Shelter steht für einen Ausnahmezustand inmitten eines Ausnahmezustands, ein provisorisches Heim auf Zeit inmitten von Heimatlosigkeit. Künstler und Wissenschaftler interpretieren diesen architektonischen Begriff nun aus der Sichtweise verschiedener Disziplinen (etwa bildender Kunst, Medienkunst, Literatur und Philosophie) und verschiedener Kulturen und Nationen (USA, Kanada, Österreich, Malta, Kolumbien, Venezuela, Puerto Rico).

Denn am Beginn des 21.Jahrhunderts ist Heimatlosigkeit der Normalzustand geworden, für Migranten, die ihre Heimat verloren haben und nirgends anders heimisch werden dürfen, wie auch (in anderer Weise) für Eliten, deren Karrieren durch kontinuierliche Mobilität gekennzeichnet sind. Heimatlosigkeit bezeichnet dabei nicht nur einen legalen und physischen Zustand, sondern bezieht sich gleichermaßen auf philosophische Neuinterpretationen des Subjekts und psychologische Dezentrierungen, die in individuellen Lebensentwürfen deutlich werden.

Wer bietet den Heimatlosen nun Schutz? Ist es der Staat, oder brauchen wir, im Gegenteil, Schutz vor seinem immer weiterreichenden Zugriff auf unsere Privatsphäre? Können wir uns selbst schützen, indem wir Abwehrmechanismen gegen physische und symbolische Übergriffe schaffen, etwa durch Ironisierung von uns selbst und anderen? Oder münden diese Abwehrmechanismen notwendigerweise in Aggression gegen den anderen, von dem wir uns bedroht, unserer Heimat beraubt fühlen? Greifen wir auf religiöse Erzählungen und Mythen zurück, um der weltlichen Gewalt nicht wehrlos ausgeliefert zu sein? Wie weit kann Shelter Heimat ersetzen, lassen sich Lebensstrategien entwickeln, die auf Entwurzelung beruhen? Sind wir dank neuer Technologien in der Lage, mobile Wurzeln zu entwickeln? Werden uns neue Orte zum Shelter, oder gelingt es uns, traditionelle Orte neu zu definieren? Auf diese Fragen endgültige Lösungen zu finden scheint unmöglich, eine teilweise Klärung sollte aber dringend versucht werden.

Monika Mokre ist Politikwissenschaftlerin und arbeitet an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. „The Shelter Projekt“ findet in der Projektwerkstatt Soho statt (9.–13.6.).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.06.2010)

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