Das Wörtchen „kreativ“ verwenden längst Abteilungsleiter des mittleren Managements, Sektionschefs und Rechtsanwälte zur Selbstbeschreibung. T-ShirtHändler, Töpferkurs-Leiter und Straßenmailer suggerieren ohnehin seit Langem, dass sie das geistige Monopol auf künstlerisch-progressive Kulturtechniken haben. Als wir vor rund zweieinhalb Jahren die Kreativ-Seiten planten – in der Urvariante nicht zwangsläufig für diese Sonntagszeitung – waren wir sehr bemüht, wahre Kreative um ihre Meinung zu bitten. Dies geschah in vielen Gesprächsrunden, eine prägende dauerte ein bisschen länger und fand im Hinterzimmer des Unger & Klein statt. (Dabei waren zwei Modemenschen, ein Grafiker, ein PC-Computerspiel-Entwickler und noch ein paar andere.) Eine Idee damals: Die Schaffung einer Seite, auf der sich die Community austoben kann und sich einen kleinen Wettbewerb in Sachen grafischer, inhaltlicher Selbstdarstellung leistet. Ein Glücksfall für diese Zeitung, ein Unikum in Europa.
Eine kleine Berufsgruppe, die „creativ“ tatsächlich lebt, arbeitet und im Namen führt, hatten wir damals noch gar nicht an Bord: die Werber. (Ja, dort schreibt man es mit c!) Nein, nicht die Kundenberater, von denen es auch so mancher an die Spitze schafft und mit weißem Anzug und Zigarre elegant und kommunikativ auftritt. Irgendwie fielen die Agenturmenschen anfangs für uns nicht unter die Creative Industries, sondern ins Establishment. Das hat sich zum Glück geändert. Viele fragen für den Freiraum an, das freut uns, wissen wir doch, dass viele „Anzeigen“ zwecks Einreichungen für Preise und Festivals erfunden und konzipiert werden müssen.
Schon mehrere Male zierten klingende Namen aus der Werbung die letzte Seite unseres Kreativ-Ressorts. Interessanterweise fanden sich überdurchschnittlich häufig die Werber selbst auf den Bildern, ganz oder ein bisschen abgedeckt. Die Gründe dafür wären aufschlussreich: Dass ausgerechnet die Werbebranchevertreter Klischees entsprechend noch eitler sind als andere, wollen wir nicht glauben. Vielleicht ist es ja eine einfache Variante, den Schulfreunden, Tanten und Onkeln zu zeigen, was man jetzt so macht. Die Credits bei Werbungen lesen die ebenso wenig wie Fachzeitungen, in denen die Szene gefeiert wird. Manchmal erinnert man sich an den alten Werber-Spruch: Wenn du nicht mehr weiter weißt, bilde einfach den Kunden ab.
rainer.nowak@diepresse.com
diepresse.com/formsache
("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.11.2010)
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