Kooperatives Einkaufen direkt beim Bauern

von Karin Schuh (Die Presse)

Wem sogar das Angebot in (Bio-)Supermärkten zu wenig transparent ist, organisiert sich seine Nahrungsmittel lieber selbst – via Lebensmittelkooperative.

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Dominik Dax besorgt im Supermarkt nur noch sein Klopapier. Alles andere – vor allem Lebensmittel – will er dort nicht mehr kaufen. „Da fehlt mir der Bezug zum Produkt und die Transparenz. Ich habe einfach keine Ahnung über den Geldfluss.“ Deshalb ist er Vereinsmitglied und Mitbegründer von Bioparadeis, einer Lebensmittelkooperative, die sich die Beschaffung der Lebensmittel im Kollektiv aufteilt. Das Konzept ist einfach und hat irgendwie einen Hauch von Nostalgie: Die Nahrungsmittel werden direkt bei ausgewählten Produzenten besorgt, kurz zwischengelagert und unter den Vereinsmitgliedern – zum Einkaufspreis – aufgeteilt.

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Jedes Mitglied zahlt einen selbst gewählten Mitgliedsbeitrag, um Spesen, wie etwa die Miete für den Lagerraum, abzudecken. „Das sind ein paar Euro im Monat, meist zwischen fünf und zehn.“ Jeder und jede hat zudem einen eigenen Aufgabenbereich: Nur einen Beitrag zahlen und dann zu Einkaufspreisen zuschlagen, das geht zumindest bei Bioparadeis nicht. Andere Vereine drücken da schon eher ein Auge zu. „Das widerspricht aber dem Grundgedanken“, so Dax, der hauptberuflich Biofische bei Bauernmärkten verkauft.

Daher sind die einzelnen Aufgaben in Arbeitskreise gegliedert: etwa AK Einkauf, AK Ladendienst, AK Speisereise oder AK Finanzen. Dass die Lebensmittel vorrangig aus biologischem Anbau und so regional wie möglich sein sollen, versteht sich dabei von selbst. Auch verarbeitete Produkte findet man dort eher selten. Stattdessen stehen in den Regalen große Kübel mit Dinkelreis, Buchweizen, Amaranth, Dörrobst und Soja. Bauernbrot gibt es ebenso wie Biobier, Bergkäse oder Tomatenpflanzen. Eine große Waage und eine Getreidemühle gehören zur Grundausstattung.


Erste vegane Kooperative. Derzeit zählt der Verein Bioparadeis an die 50 Mitglieder. Es waren aber schon einmal wesentlich mehr. Immerhin ist Bioparadeis zumindest in Österreich die Mutter aller Lebensmittelkooperativen. Seit etwa zehn Jahren organisieren sich dort vorrangig Studenten ihren Speiseplan. „Wir sind immer gewachsen. Wenn es aber mehr als 50 Leute sind, dann ist es zu aufwendig. Wir haben ja keine professionelle Logistik dahinter.“

Also haben sich aus dem Verein, der sein Lager im 18. Bezirk hat, wiederum andere abgespalten – etwa die Kooperative D'Speis in Rudolfsheim-Fünfhaus. Immerhin wohnen auch die Vereinsmitglieder über die ganze Stadt verstreut. Denn geliefert wird bei den Kooperativen nicht. Die Mitglieder müssen sich – zu fixen Öffnungszeiten – ihre bestellte Ware in einem kleinen Lager abholen, das von jenen aufgesperrt wird, die dem Arbeitskreis Ladendienst angehören.

Derzeit gibt es in Österreich etwa eine Handvoll Lebensmittelkooperativen. Die meisten davon sind in den letzten ein bis zwei Jahren entstanden. Neben dem Bioparadeis und der D'Speis gibt es noch die Möhrengasse in Wien Leopoldstadt, den Marktplatz Staw in St. Andrä-Wördern, den Krautkoopf in Graz und die Selbstversorgergemeinschaft in Schwaz in Tirol. Ende Mai soll in Wien die erste vegane Lebensmittelkooperative aufsperren. „Wir suchen noch ein Lager im 16., 17. oder 18. Bezirk“, sagt dazu Mitinitiatorin Barbara Dörrich.

Die einzelnen Kooperativen tauschen sich auch untereinander aus. Man kennt sich privat, die meisten neuen Mitglieder kommen via Mundpropaganda. „Wir sind eine Community und essen auch öfter gemeinsam“, so Dax. Er schätzt, dass sich in Wien derzeit rund 250 Menschen mittels Kooperative ernähren.

Der persönliche Kontakt ist aber auch für das Funktionieren des Vereins wichtig. Immerhin basiert viel auf Vertrauen und ehrenamtlicher Arbeit. Dass jemand etwa bei der Bezahlung schummelt, die mittels Kassabuch funktioniert, ist noch nie vorgekommen. „An den Regalen ist der Einkaufspreis angeschrieben. Die meisten runden das dann schon ein bisschen auf“, sagt Janet Wissuwa von der Kooperative D'Speis. Sie selbst ist dort seit einem Jahr Mitglied, weil sie „wissen will, wo die Lebensmittel herkommen“.


Solidarische Landwirtschaft. In Deutschland, vor allem aber auch in den USA und Japan gibt es diese Form der Lebensmittelbeschaffung schon länger. Dort ist auch die verschärfte Version, die Solidarische Landwirtschaft oder Community-Supported Agriculture (CSA), weiter verbreitet. Dabei arbeitet die Kooperative so eng mit einzelnen Bauern zusammen, dass bereits ein Jahr im Voraus vereinbart wird, was angebaut werden soll. Der Verein finanziert sozusagen den Bauern und steigt dann je nach Erntejahr einmal besser, einmal schlechter aus. In Österreich macht das etwa seit rund eineinhalb Jahren der Gemüsehof Ochsenherz in Gänserndorf.

Prinzipiell betonen diese alternativen Programme gerne, dass sie für alle offen sind. Dennoch findet man zumindest bei den Wiener Lebensmittelkooperativen meist den gleichen Typ Mensch: junge Menschen, oft Studenten, die mit Konsum und Kommerz eher wenig anfangen können und wohl auch nichts dagegen hätten, wenn die Welt ein bisschen besser, grüner, romantischer und friedlicher wäre. Oder, wie es Dominik Dax ausdrückt: „Die Menschen, die in den Biosupermarkt gehen, haben wenig Zeit und viel Geld. Und die, die Mitglied einer Lebensmittelkooperative sind, haben wenig Geld und dafür viel Zeit.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.05.2012)

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