Er heißt Lothar, lebt nicht mehr in Deutschland, sondern in Budapest, und er stellt die Joghurts in seinem Kühlschrank immer in einer ordentlichen Reihe auf, sortiert nach Ablaufdatum, das älteste vorn. Nur dass der Lothar kein pensionierter Buchhalter ist. Sondern pensionierter Weltfußballer, der sich falsch verstanden fühlt.
Lothar Matthäus war Weltmeister, Europameister, mehrfacher deutscher und einmal italienischer Meister. Und er hat sich als erster – lange mit dem Österreicher Wolfgang Ruiner als Kontaktmann bei der „Bild“ – mit dem Boulevard eingelassen. Fühlte sich dann schlecht behandelt und falsch dargestellt. Und will nun mit einer „Reality-Doku“ zeigen, wie er wirklich ist – auch den Wiener Opernball besuchte er dafür mit Kamerateam im Schlepptau. „Es kann eine Gelegenheit sein, das schiefe Bild von mir wieder geradezurücken“, glaubt Matthäus.
Das Ergebnis wurde von Vox auf einen Sendeplatz am Sonntagabend um 23.15 Uhr verbannt (Vox-Chef Kai Sturm: „Ein Zeichen dafür, dass wir nicht glücklich mit dem Programm sind“) und müsste eigentlich in den Umkleidekabinen der Euro verpflichtend gezeigt werden („Merke: Wenn du jemals als Trainer Karriere machen willst, aber sonst nichts zu sagen hast, dann sag lieber nichts.“).
Lothar der Echte also hält Ordnung in seinem Kühlschrank in Budapest, wohin er sich vor der deutschen Presse geflüchtet hat. Der Einkauf wird an imaginären Linien ausgerichtet. Linien seien wichtig für ihn, erklärt er, auch der Fußballplatz bestehe ja zum größten Teil aus Linien, und die hat er nun offenbar auch im Kopf. Es sei ihm wichtig, dass er Übersicht habe. Aber: „Ab und zu darf auch mal was anders stehen, also so ist es nicht.“
Flexibel zeigt sich der 51-Jährige auch anderswo. Von Beckenbauer habe er gelernt, dass das Frühstück die wichtigste Mahlzeit des Tages sei. Also frühstückt er. Er brät Eier, verhaut sie, erklärt, sie trotzdem zu essen, nur um sie wenig später seiner kranken Freundin Joanna, einem polnischen Unterwäschemodel, vorzusetzen. Er selbst macht sich neue. „Wenn du deine Eier nicht isst, bekommst du keinen Tee.“
Krank ist Joanna deshalb, weil sie zur Berlinale-Party bei minus 17 Grad keine Strumpfhosen zum kurzen weißen Kleid getragen hat. Das wäre ein Stilbruch, hatte Matthäus erklärt, ihr das Tragen selbiger verboten und ihr stattdessen ein deutsches Sprichwort beigebracht: „Wer schön sein will, muss leiden.“ Wenig später rapportiert die 28-Jährige Halsschmerzen. Matthäus: „Das Problem mit euch Frauen ist, ihr habt immer zu wenig an.“
Das war dann auch schon das unfreiwillige Highlight. Den gemeinsamen Skiurlaub bricht Matthäus ab – irgendjemand will ihn kennenlernen, er hofft, wieder einmal, auf einen Trainerjob. Muss man mit ihm Mitleid haben? Denn ja, natürlich wird Lothar Matthäus schlecht behandelt. Mit einer süffisanten Stimme aus dem Off, die ihn aufs Korn nimmt. „Der Lothar kann schon sehr unterhaltsam sein“, befand der zuständige Redakteur der Sendung gegenüber dem „Spiegel“. „Vor allem wenn er Englisch spricht mit seiner Freundin Joanna.“
Irgendwie ist die Show jedenfalls erhellend: Dass sich der Boulevard für jemanden interessiert, heißt nicht, dass sein Leben nicht langweilig ist. Nächste Woche bereiten sich Matthäus und Joanna Tuczynska auf Vox übrigens auf den Opernball vor.
„Lothar – Immer am Ball“ heißt die sechsteilige „Personality-Doku“ über das Leben des Lothar Matthäus (51). Den Auftakt am Sonntag (23.15 Uhr, Vox) vermasselte dem ehemaligen zweifachen Weltfußballer allerdings ausgerechnet ein Fußballspiel: Seine Doku startete, während noch das Elfmeterschießen zwischen Italien und England lief – 2,8 Prozent Marktanteil.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.06.2012)
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