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Stau: Gekommen, um zu stehen

07.07.2012 | 16:43 |  Von Timo Völker (Die Presse)

Ich bin im Stau, holt mich hier raus! Stau – das sind immer die anderen. Uns selbst trifft dieses heimtückische Phänomen stets völlig unvorbereitet. Zum Glück sind wir nicht allein.

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Bei 32 Grad, die es an einem schönen Sommertag schnell einmal hat, heizt sich der Innenraum eines in der Sonne stehenden Autos in weniger als einer Stunde problemlos auf die doppelte Temperatur auf (und noch mehr, wenn der Lack in gedeckter Farbe gehalten ist). Das ist kein Ort, den ein Mensch freiwillig aufsucht, möchte man meinen, anders als die Sauna, in der die Hitze extrem trocken gereicht wird, die man jederzeit verlassen kann und bei der die kalte Dusche nie weit ist.
Klar hat der Mensch längst die Klimaanlage erfunden. Im Auto wird der Klimakompressor vom Motor angetrieben, der allein dafür gut sieben PS aufwenden muss, weshalb er das Standgas erhöht, wodurch die Abwärme zunimmt, was wiederum die Ventilatoren zur Erzeugung von Kühlluft auf den Plan ruft, die ebenfalls der Motor antrieben muss, der darauf mit der Erzeugung von noch mehr Hitze reagiert.
Die Maschine ist bald vollends damit beschäftigt, all die Wärme irgendwie aus ihren Ganglien zu kriegen, weshalb als Nächstes unvermeidlich die Abgasreinigung ihren Dienst versagt – es bewahrt sich das Sprichwort, wonach die Autoschlange eine giftige ist. Wer trotzdem draußen steht, in der Nähe der Kühler, den bläst es an wie aus einem Haarföhn auf Stufe drei, zusätzlich zum Asphalt, der durch die Sonneneinstrahlung längst so heiß ist, dass man mit den Flip-Flops kleben bleibt. Auch mit Klimaanlage kein Ort, den ein Mensch freiwillig aufsucht.
Und trotzdem zieht es jährlich Zehn- und Hunderttausende in den gemeinschaftlichen Stillstand, für den weder unsere Autos noch wir selbst gebaut sind. Der Stau auf der Urlaubsreise ist ein Schwager des Staus im Berufsverkehr – man kann darüber streiten, welcher der üblere Geselle ist. Für den Urlaubsstau spricht die Aussicht nach seiner Überwindung: endlich der Urlaub – oder auch dessen Ende. Wer aber Dienstagfrüh auf dem Weg in die Arbeit staut, dem bleibt neben der geraubten Zeit nur der Alltag. Staus zur Rushhour haben (bei uns) allerdings nur selten eine Dimension wie jener vor dem Oswaldibergtunnel bei Villach am 30. Juli des Vorjahres, als die Staulänge 60 Kilometer betrug (entspricht Wien–St. Pölten) und sich die Autos über sechs Stunden lang keinen Meter bewegten. Nachdem es aus dem Urlaub selbst meist ja nichts zu erzählen gibt, haben die Bedauernswerten wenigstens den Orden errungen, Teil der längsten bislang registrierten Autokolonne in Österreich gewesen zu sein. Um den Jahrestag des Rekordstaus in drei Wochen werden wir sehen, ob da noch mehr geht.

Viel hilft nichts. Der Stau ist eine Schicksalsgemeinschaft, aus der es kein Entrinnen gibt, weder während man darauf zusteuert, noch wenn man bereits darin verfangen ist: Die verlässlich blockierten Ausweichrouten gehören zur Dramaturgie. Und schon gar nicht, was die verkehrspolitische Perspektive angeht: Staus werden grundsätzlich mehr und immer länger, und der lindernde Effekt von zusätzlichen Straßen oder Tunnelröhren verpufft in Windeseile.
Der deutsche Mathematiker Dietrich Braess hat Ende der 1960er in einer Formel („Braess-Paradoxon“) nachgewiesen, was der Straßenbau unter Realbedingungen bis heute eifrig nachstellt: dass zusätzliche Kapazität in einem Wegesystem die Fließgeschwindigkeit reduzieren kann. Da helfen auch die bis zu 18 Fahrspuren nichts, mit denen sich der kanadische Highway 401 durch Toronto windet – mit stockendem Verkehr und täglicher Staugefahr als Markenzeichen. Sollte man sich beim Salzburger Tauerntunnel demnach also gleich dranmachen, eine dritte oder vierte Röhre zu bohren, um nicht bald wieder Staus von 40 Kilometer Länge zu produzieren, wie das im August 2008 (vor der Eröffnung der zweiten Röhre) der Fall war?
Nachdem sich am eigentlichen Grundübel, wonach wir zu viele zur gleichen Zeit am gleichen Ort sind, auf die Schnelle wenig ändern lässt, können wir uns genauso gut an das große Stehen vor dem Urlaub gewöhnen. Und genau das ist längst geschehen: Im Stau gehockt sind wir schon als Kinder, und nun bedenken wir unsere Kinder mit dem Ritual, nur dass die mit iPad und DVDs Zerstreuung und Ablenkung finden statt mit Papas bemühtem Ratespiel-Entertainment.
Das bestätigt auch Herbert Thaler, der den Organismus des Staus kennt wie wenig andere: Er ist Stauberater. Als Angestellter des ÖAMTC Salzburg schwingt er sich an den kritischen Tagen des Jahres – es sind genau die jetzigen – auf den Sattel seines Motorrads und tut, was in seiner Macht steht: Erklären, warum eigentlich alles steht, beraten, dass ausweichen vielleicht sinnlos ist, trösten, weil sich das Meer heute nicht mehr ausgehen wird, dehydrierte Hunde mit Wasser tränken, zurückgelassene Ehefrauen oder Kinder zustellen („das gibt es immer wieder“), Pannenhilfe leisten. „Die Menschen sind kaum grantig“, erzählt Stauberater Thaler, „man rechnet damit, stellt sich drauf ein.“ Im Nu sind Campingsessel und Sonnenschirme aufgestellt. „Ich habe schon größere Fußballspiele auf angrenzenden Wiesen gesehen“, so Thaler, man spiele Federball oder gehe fischen in einen nahe gelegenen Bach oder See. Einen Eindruck von Solidarität erlebe er, sagt Thaler, es spiele keine Rolle mehr, welches Auto man fahre oder aus welchem Land einer käme, Deutschland, Belgien, Niederlande, Dänemark, Österreich – einerlei.
Offen ist, wie lang die brütende Eintracht und stillschweigende Übereinkunft, nicht Amok zu laufen wie Michael Douglas in „Falling Down“, wirklich hält. Der italienische Regisseur Luigi Comencini hat sein bedrückendes Gesellschaftsbild („Der Stau“, 1978) nicht zufällig in eine Blechkolonne verortet – in einen Stau, der 36 Stunden dauert und den Menschen zunehmend seiner zivilisatorischen Errungenschaften beraubt (als erstes: Mitgefühl). Und wir waren nicht dabei, als am 14. August in der chinesischen Provinz Hebei der bisher längste Stau dieser Erde seinen Ausgang nahm: Er sollte laut „New York Times“ auf über 100 Kilometer Länge elf Tage dauern. 

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8 Kommentare

Selbst schuld, kein Mitleid!

Es ist doch jeder Jahr das gleiche mit diesen Vögeln. Nicht nur, dass sie genau zu Ferienbeginn auf Urlaub fahren, sie fahren auch immer genau am Wochenende. Also dümmer geht's wohl kaum.

Re: Selbst schuld, kein Mitleid!

...wo leben Sie? Wie Realitäsfremd sind Sie? in Italien zB können Sie fast nur von FR-SA-SO in Wochenschritten buchen. Was soll ich also tun?

Re: Re: Selbst schuld, kein Mitleid!

Das ist ja die nächste (bundesdeutsche) Eigenheit - man fährt dorthin auf Urlaub, wo möglichst viele Landsleute hinfahren. Mir kommt immer - pardon für den Ausdruck - das Kotzen, wenn ich im Urlaub bin und ich höre schon wieder Deutsche oder Österreicher um mich herum. Aber dieser Rudel- und Herdentrieb ist eben im Teutonen drinnen, da kommen wir nicht aus.

Mich würden keine 10 Pferde nach Italien bringen, wenn es um Urlaub geht - fahren Sie doch wo anders hin, da gibt's dann auch weniger Stau.

Und selbst wenn man unbedingt ins Land wo Wein fließt und Spaghetti auf Bäumen wachsen fahren muss, warum unbedingt am ERSTEN Ferienwochenende? Was hält davon ab, ein paar Wochen später zu fahren? Da höre ich selten von solchen Megastaus (60+ km)

Aber die eigenen Gewohnheiten als überholt anzusehen fällt ja eh allen Menschen schwer.

Dann tun wir besser gar nichts, und ergeben uns dem vermeintlichen "Schicksal" - außerdem freuen wir uns ja schon wieder auf Detlef und Olaf bei Kilometer 67... mal schauen, was sie dieses Jahr zu erzählen haben. - Schicksal eben, oder?

Verstehe das nicht!

Warum fährt man nicht einfach 1-2 Tage später?

Für mich ist jeder, der im Urlaubsstau steht, irgendwie selber schuld.

Zitat: "können wir uns genauso gut an das große Stehen vor dem Urlaub gewöhnen"

Wie gesagt - einfach 2 Tage später fahren, aber die meisten, vor allem die Bundesdeutschen, wollen ja unbedingt im Stau stehen... Aber die trinken auch Tomatensaft im Flugzeug und klatschen nach Landung... ist nicht alles gut, was die machen!

Re: Verstehe das nicht!

Siehe oben!

Hop ruck, g'schichtl druck


Gast: leser_4711
08.07.2012 11:43
1 0

schon Fanta-4 sagten..

"...du stehst nicht IM, du BIST der Stau.."

Von der letzten CD der Fantastischen 4...

STAU-Definition:

SPONTANES
TREFFEN
ALLER
URLAUBER

Dies ist leider nur eine Hilfskonstruktion, denn korrekt geschrieben müsste es ja heißen "sTaU" oder "STaU". Daher Großschreibung.