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Elton John zum Lesen: Drogen, Aids, Entziehungskur

17.07.2012 | 18:30 |  von Teresa Schaur-Wünsch (Die Presse)

Elton John erzählt in seinem Buch schonungslos über sich als Süchtigen und Homosexuellen. Und appelliert an die Menschen, mehr Mitgefühl zu zeigen.

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Wer Elton John kennt, der hat auch schon einmal etwas von Ryan gehört. Ryan White war 13 Jahre alt, als man ihm 1984 erklärte, dass er sterben würde. Er war über ein Blutgerinnungsmittel mit HIV infiziert worden. Sechs Monate gab man ihm, fünf Jahre lebte er noch, und am Ende war er unfreiwillig so bekannt geworden, dass die USA ein Gesetz nach ihm benannten. Der Teenager wurde berühmt, weil er in die Schule gehen wollte – was Schulbehörden und Eltern anderer Kinder in Panik zu verhindern versuchten.

Mit Ryan Whites Geschichte beginnt Elton John sein Buch, das gestern weltweit gleichzeitig erschien. Es ist keine Autobiografie geworden; die Musik, mit der der Brite so berühmt geworden ist, kommt so gut wie nicht vor. Stattdessen erzählt der 65-Jährige von Aids, von seinem persönlichen Feldzug gegen die Krankheit – und damit zwangsläufig auch vom Ringen mit sich selbst. Dass er sich selbst nicht mit HIV infiziert hat, schreibt er, „war ein wahres Wunder“. Als das Virus in den Achtzigerjahren auftauchte, war John dabei, in jener Drogensucht zu versinken, die 1974 bei den Aufnahmen zu „Caribou“ in Kalifornien begonnen hatte. Inzwischen war er „völlig abhängig von Kokain, Alkohol und schließlich Essen. Das wuchs sich zur Bulimie aus. Abgesehen von der Faulheit machte ich mich jeder der einzelnen sieben Todsünden schuldig.“

Um ihn herum starben währenddessen seine Freunde an Aids. Der Sänger ging zu Beerdigungen, weinte manchmal wochenlang. „Doch mein Verhalten änderte ich nicht. Es wurde sogar nur noch schlimmer. Ich nahm noch mehr Drogen, um den Schrecken des Ganzen auszublenden. Ich hatte ungeschützten Sex mit wechselnden Partnern und erhöhte so drastisch das Risiko, mich mit derselben Krankheit anzustecken, die meine besten Freunde tötete.“ Dass der gefeierte Star Hilfe brauchen könnte, gestand er sich lange nicht ein. Er glaubte, schreibt er, er wäre „intelligent und reich und berühmt genug, um mein Leben selbst wieder in den Griff zu bekommen“.

Dass er heute gesund und clean ist, führt er auf Ryan White zurück, jenen außergewöhnlichen amerikanischen Teenager, mit dem er sich angefreundet, den er bis zu seinem Tod begleitet hatte. „Ich war extrem selbstsüchtig und selbstzerstörerisch“, erinnert er sich heute. „Erst mit Ryans Tod wachte ich auf.“ Dabei half, dass sich sein damaliger Freund selbst einer Entziehungskur unterzog. Elton John blieb zunächst brüskiert zurück, besuchte aber seinen Freund, wenig später checkte er selber in einer Institution ein. „Im Juli 1990 begab ich mich auf eine Entziehungskur. Ich bin unglaublich stolz, dass ich heute sagen kann, dass ich seitdem vollkommen clean bin.“

Das Wichtigste an seinem Aufenthalt sei gewesen, glaubt er, „dass ich für alle, mit denen ich zu tun hatte, nicht Elton John der Rockstar war. Ich war nur Elton. Elton, der Süchtige.“ Dass man ihm damals vorurteilsfrei und bedingungslos zur Seite stand, sollte für ihn ähnlich prägend sein wie seine Begegnung mit Ryan White, der, so schildert es Elton John, selbst der übelsten Schikane mit Verständnis begegnet war.

Wenig später gründete er seine eigene Aidsstiftung, inspiriert von persönlichen Freunden wie Prinzessin Diana oder Elizabeth Taylor, zwei Vorreiterinnen auf dem Gebiet. Bis heute bereut der Sänger, nicht früher in den Kampf eingestiegen zu sein. „Ich war ein Star. Ich hatte jede Menge Geld. Ich hatte mächtige Freunde. Ich war schwul.“ Manchmal, sagt er, scherze er darüber, „dass ich die akzeptable Form des Schwulseins verkörpere, den kumpelhaften, nicht bedrohlich wirkenden Typ, den auch eine eher konservative Hausfrau gern zum Abendessen einladen würde“. Wenn er früher begonnen hätte, glaubt er, hätte er schon in den Achtzigerjahren etwas gegen die Stigmatisierung ausrichten können, unter der Schwule zu leiden hatten. Es sei genau diese Stigmatisierung, die Aids am Leben erhalte.

Dazu muss man übrigens gar nicht auf die Straßenkinder der Ukraine schauen, auf die vergewaltigten Frauen Südafrikas oder die Homosexuellen, denen in Thailand Gefängnis droht, und deren Situation der Sänger und Aktivist schildert. Es reicht auch ein Blick nach Washington D. C., wo drei Prozent der Einwohner HIV-positiv sind, die meisten arm und schwarz. Elton John nennt das eine „Krise der Menschlichkeit“.

„Um es einmal ganz direkt zu sagen: Wenn wir gegenüber schwulen Männern, armen Leuten, ethnischen Minderheiten, Prostituierten, Straftätern und Drogenabhängigen dasselbe Mitgefühl an den Tag legen würden wie gegenüber Kindern, gäbe es in Amerika kein Aids mehr.“ Das sind wohl nicht die Worte von Elton John, dem Popstar – da spricht Elton, der ehemalige Süchtige.

Auf einen Blick

Der britische Musiker Elton John schreibt in seinem ersten Buch über Drogen, die Krankheit Aids (und seine Aidsstiftung) sowie über seine Homosexualität. „Love is the Cure“ ist gestern, 17. Juli, weltweit gleichzeitig erschienen. Hoffmann und Campe Verlag, 224 Seiten, 20,60 Euro.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.07.2012)

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