Ein grobkörniges Foto auf Twitter ist bisher alles, was es an Bildern von Anja Pärsons kleinem Wunder gibt. Die ehemalige Spitzensportlerin aus Schweden kontrolliert sehr bewusst, wie viel von ihrem Privatleben sie mit der Öffentlichkeit teilen will. Doch seit sie zu Sommerbeginn in einem offenherzigen Radioprogramm „ganz neue Seiten“ von sich enthüllte, ist es vorbei mit dem großen Versteckspiel.
Jetzt wissen alle Schweden, dass Pärson lesbisch ist, dass sie Mutter wurde, und alle lieben sie dafür. Trotz ihrer Skitriumphe war Pärson in ihrer Heimat nie uneingeschränkt populär, zu kratzbürstig trat sie auf, zu hart war ihre Schale. Doch seit sie sich bloßstellte, hat sie die Herzen ihrer Landsleute erobert. „Fantastisch, Anja“, war die einhellige Reaktion auf ihr landesweites Outing, und ein großes „Grattis“, wie die Schweden sagen, zum Mutterglück.
Knapp drei Wochen ist es her, dass die 31-Jährige auf Twitter mitteilte, dass der „feinste kleine Junge in die große Welt“ gekommen sei („Die Presse“ berichtete). „Glücklicher kann ich nicht werden.“ Dass es ihre Partnerin Filippa war, die das Kind zur Welt brachte, ging daraus nicht hervor, war aber zu errechnen. Ihr Radioprogramm zehn Tage davor hatte sie mit der Ankündigung beendet: „Seit neun Monaten weiß ich, was ich künftig tun werde: Ich werde Mama!“ Doch noch im März war sie Rennen gefahren, ohne Babybauch.
Nach dem Sommer werden Anja, Filippa und Söhnchen in ein Haus in Schweden ziehen, „jetzt kann ich endlich Wurzeln schlagen“, sagt Pärson. Die letzten Jahre hat die Großverdienerin aus Steuergründen in Monaco gelebt, von der Beziehung zu Filippa Rådin wussten nur wenige Vertraute und ein paar aus dem Skimilieu, und sie hielten dicht. Bis sich Pärson nun auf den „steilsten Hang der Karriere“ wagte, wie sie ihren Auftritt im populären Radioprogramm „Sommer“ diese Woche bezeichnete. Dort erörtern Prominente 90 Minuten lang zu selbst gewählter Musik selbst gewählte Themen. Pärsons Thema war Filippa.
Sie traf die heute 39-Jährige, weil sie immer Probleme hatte, „passende Jeans für meinen Slalom-Hintern“ zu finden und in ihrer Not die Inhaberin von Umeås schickster Modeboutique anrief. „Mich traf der Schlag“, fühlte sie, als sie Filippa sah, doch ehe von Liebe die Rede war, vergingen Jahre.
Da war es Filippa, die zur Sache kam: „Ich glaube, ich liebe dich.“ Auch Pärson war verliebt, das wusste sie, aber sie war „doch nicht lesbisch“. Sieben Jahre lang hatte sie eine Beziehung mit einem ihrer Trainer gehabt. „Ich war mit einem Traum aufgewachsen, wie mein Prinz aussehen sollte, und ich weigerte mich, mir meine Liebe einzugestehen.“
Zwischen der Einsicht und dem Mut, die Beziehung publik zu machen, lagen fünf Jahre. „Verliebt zu sein und davon nichts zu erzählen, ist hart“, doch sie hatte keine Lust, statt über Rennerfolge plötzlich über ihr Liebesleben Auskunft geben zu müssen. Darum schwieg sie, bis ihre Karriere zu Ende war. Drei Monate nach ihrem letzten Rennen war sie bereit.
Obwohl: Ganz glücklich war sie damit nicht. „Ist es gerecht“, fragte sie, „dass man sich rechtfertigen muss, wenn man mit einer Person des eigenen Geschlechts zusammenlebt?“ Dabei ist Schweden in der Beziehung ziemlich weit, viele Sportlerinnen sind offen lesbisch. Schwule haben es schwerer. Zwar erntete Fußballer Anton Hysen Anerkennung für sein Outing, doch er ist nur Zweitligaspieler. Dem Publikumsterror in den großen Arenen will sich auch in Schweden kein Spitzensportler aussetzen.
Pärson wusste, dass es eine Frage der Zeit war, ehe die Boulevardpresse vom Baby Wind bekäme. Mit ihrem Radioauftritt behielt sie die Kontrolle, wie so oft auf den Skipisten, wenn sie in den wichtigsten Rennen ihre besten Leistungen abrief. Vereinnahmt werden will sie nicht. „Auf einer Pride-Parade werdet ihr mich nicht sehen, ich bin keine Ikone, ich bin ich, Anja.“
Anja Pärson wurde 1981 in Tärnaby geboren und ist Schwedens erfolgreichste Sportlerin. Sie gewann Olympiagold im Slalom von Turin 2006, ist siebenfache Weltmeisterin, holte 19 WM- und Olympiamedaillen und gewann zweimal den Gesamtweltcup. Von März 1998 bis März 2012 nahm sie an 381 Weltcup-Rennen teil und gewann 42. Und sie ist die einzige Läuferin, die in jeder Disziplin Weltmeisterin wurde. Sie beendete ihre Karriere heuer mit einem achten Platz im Super-G beim Weltcupfinale in Schladming.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.07.2012)
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