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Woody Allen: "Liebe ist die Nummer vier"

21.07.2012 | 17:38 |  von Rüdiger Sturm (Die Presse)

Eine neue Dokumentation versucht, Woody Allen zu ergründen. Im Interview mit der »Presse am Sonntag« erklärt er manches selbst: Warum er seine Filme nicht anschaut und warum er als Kind ins Kino floh.

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Wer Woody Allen beim Wort nimmt, der könnte depressiv werden. Kaum ein Regisseur trägt beim Interview so viel Weltschmerz zur Schau wie der 76-Jährige. Aber dabei darf man sich nicht irreführen lassen. In all diesen Ausführungen schwingt stets eine Mischung aus Ironie mit, und gelegentlich tritt ein lausbübischer Ausdruck in sein Gesicht. Jetzt versucht der Film „Woody Allen: A Documentary“, Leben und Wesen des Autors und Regisseurs zu ergründen. Aber keiner kann das besser als Woody Allen selbst.

 

Ihre Karriere erreicht gerade neue Höhen: In diesem Jahr gab es schon einen Oscar, Ihr aktueller Streifen „To Rome with Love“ sorgt für die ersten Einspielrekorde, und jetzt werden Sie auch noch in einer Dokumentation gefeiert. Bedeutet Ihnen das etwas?

Woody Allen: Nein. Nicht einmal das Finanzielle, denn ich bekomme ja nichts von dem Geld. Ich kriege nur meine Gage. Auch Kritiken interessieren mich nicht. Ich lese grundsätzlich nicht, was über mich geschrieben wird. Denn das ist eine große Falle. Du bist auf einmal von deiner eigenen Person besessen: Oh, dieser Mensch denkt, ich bin ein Genie, und der andere hält mich für einen Dummkopf. So etwas blockiert nur deinen Arbeitsprozess. Auf einmal denkst du: Oh, ich sollte dies und das schreiben, weil es den Leuten gefällt. – Ich dagegen mache meine Filme, bringe sie raus, lese nichts dazu und schaue mir keinen davon an.

 

Warum schauen Sie Ihre Filme nicht an?

Weil ich die meisten gar nicht mag. Meine Frau übrigens auch nicht. Bei „Manhattan“ zum Beispiel bat ich den Verleiher, ihn gar nicht ins Kino zu bringen, weil ich so unzufrieden war. Ich bot den Leuten an, den nächsten Film umsonst zu drehen. Aber man hat nicht auf mich gehört, und der Film war ein enormer Erfolg.

 

Das sollte doch Ihre Zweifel zerstreut haben.

Überhaupt nicht. Ich finde es deprimierend, wenn die Leute meine Filme loben. Denn dann habe ich das Gefühl, dass alle zu viel Rücksicht nehmen. Mir ist es lieber, wenn ich mit einem Film zufrieden bin und der Rest der Welt ihn für schrecklich hält. Denn dann weiß ich zumindest, dass ich einen guten Job gemacht habe – nach meiner Ansicht.

 

Aber diese enttäuschten Hoffnungen stören Sie nicht?

Nein, denn letztlich wollte ich in meinem Job nichts Großes erreichen. Natürlich hoffe ich dann doch insgeheim bei jedem Film, dass er trotzdem ein Klassiker wird. Aber wenn ich dann sehe, was ich mache, zerplatzen alle Illusionen. Ich bete bloß noch, es möge keine Peinlichkeit daraus werden.

Die Dokumentation zeigt, wie wichtig Ihnen das Schreiben ist, während Sie mit dem Regieführen eher „Katastrophen“ verbinden. Warum eifern Sie nicht den großen Autoren nach und schreiben Romane?

Weil ich mehr Begeisterung fürs Showbusiness habe. Als Junge habe ich nie Bücher gelesen, ging nur ins Kino. Erst mit 18 fing ich an, mich mit Literatur zu beschäftigen. Aber kein Buch hat mir je so viel Vergnügen bereitet wie ein Film.

 

Ist das der Grund, warum Sie jedes Jahr einen neuen drehen?

Das Filmemachen ist eine wunderbare Fluchtmöglichkeit. Als ich ein kleiner Junge war, floh ich zu Fred Astaire und Cary Grant ins Kino, um dem Leben mit seinen ganzen Problemen zu entkommen. Jetzt tue ich das immer noch – nur auf der anderen Seite der Kamera. Es ist nicht sonderlich anstrengend. In welchem Job hast du nur mit einem Projekt pro Jahr zu tun? Ein Arzt zum Beispiel behandelt 10.000 Patienten, ein Lehrer unterrichtet unzählige Schulstunden. Ein Regisseur, der behauptet, er hätte Stress, nimmt sich viel zu wichtig. Ich dagegen darf mit Schauspielerinnen wie Penélope Cruz drehen, ich arbeite mit Kostümen und Musik. Und mit Filmen wie „To Rome with Love“ fröne ich meiner romantischen Sehnsucht nach Europa. Für mich war es immer fortschrittlicher, sexuell freizügiger und faszinierender als Amerika. In meinen jungen Jahren erlebte ich es zum ersten Mal, aber ich hatte nicht den Mut, dorthin umzusiedeln.

 

Aber welchen Problemen wollen Sie entkommen? Ihr Leben klingt doch nach einem wahr gewordenen Traum.

Wenn ich mich mit meinen Filmen beschäftige, vergesse ich, dass das Leben eigentlich eine traurige Angelegenheit ist. Eigentlich könnte es wunderschön sein, aber überall sehe ich Armut und Krankheit. Über uns allen schwebt ein Damoklesschwert. Wenn Sie wissen würden, dass Sie nach diesem Interview vom Bus überfahren werden, würde Ihnen nicht einmal unser Gespräch Spaß machen. So viele Leute werden religiös und erfinden sich ein Märchen, das ihnen über dieses Dilemma hinweghelfen soll. Oder sie denken, sie müssen reich und mächtig werden oder große Kunst schaffen. Doch was hilft es ihnen, dass wir ihre Bücher lesen oder ihre Musik hören? Sie bleiben trotzdem mausetot. Eines Tages wird diese Welt ausgelöscht sein, und irgendwann auch unser ganzes Universum.

 

Fürchten Sie sich vor dem Tod?

Ständig. Wenn ich Husten bekomme, dann sehe ich mich schon an Lungenentzündung sterben. Dabei bin ich im Grunde kerngesund. Es gibt auch keinen Grund zur Sorge, zumindest genetisch betrachtet. Meine Mutter wurde 94, mein Vater 101. Und ich bin jetzt 76, da habe ich also noch einige Zeit vor mir.

 

Was schätzen Sie am meisten im Leben?

Luft. Oder sagen wir: Gesundheit. Das ist das Wichtigste. Das sagte schon mein Vater, aber damals wollte ich ihm nicht glauben. An zweiter Stelle kommt Wissen, dann Geld und Nummer vier ist die Liebe.

 

In dieser Reihenfolge?

Ich denke schon. An der Reihenfolge von Gesundheit und Wissen würde ich nicht rütteln. Geld ist auch viel, viel wichtiger, als ich annahm. Und erst wenn du gesund bist, über Wissen verfügst und finanziell sichergestellt bist, dann kannst du Liebe finden.

 

In letzterer Hinsicht waren Sie ja erfolgreich. Seit 1997 sind Sie mit Soon Yi-Previn verheiratet. Warum hat es nach etlichen gescheiterten Beziehungen doch geklappt?

Das ist ein reiner Glücksfall. Wenn mir jemand gesagt hätte, dass ich eines Tages mit einer viel jüngeren Partnerin die Erfüllung finde, die sich überhaupt nicht für das Showbusiness interessiert und nur einen Teil meiner Filme gesehen hat, den hätte ich für verrückt erklärt. Ich hätte nie geahnt, dass so ein Mensch für mich ideal geeignet ist. Das ist letztlich auch das Gute bei der Liebe: Äußere Unterschiede, ob Alter, Hautfarbe oder Religion, sind völlig irrelevant.

Wie kommt eigentlich Ihre Frau mit Ihrer pessimistischen Lebenseinstellung zurecht?

Sie lässt sich davon nicht beeindrucken. Mit allen Problemen kommt sie besser zurecht. Sie hat auch mehr Energie, während ich schwächle. Wenn ich einen Pustel am Finger bekomme, sehe ich mich schon mit einem Bein im Grab. Wenn man bei ihr dagegen einen Flecken auf der Lunge findet, sagt sie nur: „Warten wir, bis die Röntgenaufnahmen zurückkommen. Vorher mache ich mir keine Sorgen. Warum sollte ich mir zwei Tage graue Haare wachsen lassen, wenn es dazu vielleicht keinen Anlass gibt?“ Ich dagegen würde tagelang im Labor sitzen, um auf die Aufnahmen zu warten. Ich falle einfach viel leichter auseinander.

 

Wollen Sie nichts von der Einstellung Ihrer Frau übernehmen?

Ich wünschte, ich könnte es. Aber es geht nicht. Ich müsste wohl den anonymen Hypochondern beitreten.

 

Wenn eines Tages das Damoklesschwert fällt, was soll auf Ihrem Grabstein stehen?

„Hier liegt Woody Allen. Na und?“

1935
wurde Woody Allen im New Yorker Stadtteil Brooklyn geboren.

1977
feierte er mit „Der Stadtneurotiker“ seinen internationalen Durchbruch. Er spielte darin die Hauptrolle, schrieb das Drehbuch und führte Regie. Der Film wurde mit vier Oscars ausgezeichnet, darunter in den Kategorien „Bester Film“, „Beste Regie“ und „Bestes Originaldrehbuch“.

2012
Am 31. August startet in Österreich sein neuer Film „To Rome with Love“ mit Jesse Eisenberg, Ellen Page und Penélope Cruz in den Hauptrollen. Derzeit läuft eine Dokumentation über sein eigenes Leben im Kino. Woody Allen, der auch regelmäßig Klarinette in einer Jazzband spielt, ist seit 1997 mit Soon-Yi Previn verheiratet, die beiden haben zwei Adoptivkinder.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.07.2012)

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2 Kommentare

na und, mittelmässig komisch, und das Komischste ist dass er seine Art für wahnsinnig witzig hält und dann muss man doch lachen

er ist Woody und erlaunbt sich alles, weil er so hilflos wirkt, das ist sein Chuzpe.

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Re: na und, mittelmässig komisch, und das Komischste ist dass er seine Art für wahnsinnig witzig hält und dann muss man doch lachen

es ist dieses banale neurotische Verhalten, das gleichzeitig das alltäglichste Unheil bejammert und ironisch distanziert. Ein Mann aus dem Stättel New York-Luschany...