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Wie sich die Wut zu Geld machen lässt

28.07.2012 | 17:16 |  von Siobhán Geets (Die Presse)

Zwei Werber gründeten die erste Schimpfhotline Deutschlands, in Berlin kann man sich beim "Speedhating" vergnügen. Liegt der Trend zum Geschäft mit dem Hass daran, dass die Menschen wütender werden?

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Hallo, hier ist Schimpf-los“, sagt Ralf Schulte, wenn er das Telefon abhebt. Dann bricht eine Flut von Schimpfwörtern über ihn herein. Doch das stört ihn nicht. Im Gegenteil, denn er verdient sogar Geld damit. Für 1,49 Euro pro Minute kann man Schulte und seine Kollegen beleidigen, 16 bis 18 Stunden täglich. Vor zwei Wochen hat er gemeinsam mit seinem Kollegen Alexander Brandenburger, beide arbeiten als Werber in Hessen, eine Hotline eingerichtet, die es frustrierten Menschen erlaubt, „mal so richtig Dampf abzulassen“. Sie bezeichnen sich als Ventil für die Wut der Anrufer, als „verbale Sparringpartner“. Die Anrufe werden auf die Handys von Bekannten und Freunden weitergeleitet, die für das Duo arbeiten, ein halbes Dutzend etwa. „Es kann uns immer treffen“, sagt Schulte. Beim Bügeln. Beim Fernsehen. Oder im Meeting. „Dann sollte man den Anruf lieber weiterleiten.“

Ein bis zwei Minuten dauern die Wutausbrüche meist, besonders kreativ sind die Anrufer dabei nicht. Oft sind es Klassiker wie Arschloch oder Depp – „die Leute kommen schnell ins Stocken, weil ihnen nichts mehr einfällt“, sagt Schulze. „Denken Sie nach!“, ruft er dann, „Was fällt Ihnen noch ein?“ Andere schimpfen eine halbe Minute durch: „Da merkt man, die haben sich was überlegt, die sind gut vorbereitet.“

Zum Wohle der Gesellschaft. Seit die beiden die Hotline gegründet haben, haben ein paar Dutzend Menschen angerufen, mehr Männer als Frauen, viele in mittlerem Alter. „Oft werden wir gefragt, wer diese Menschen sind“, erzählt Schulte. Er kann es auch nicht sagen. Nur so viel: „Der Verdacht, dass viele Banker aus Frankfurt dabei sind, lässt sich nicht bestätigen.“

Schulte und Brandenburger ließen sich von einer Psychologin beraten, legten Richtlinien fest. „Wenn wir es mit einem echten Problemfall zu tun haben, dann verweisen wir die Person an die Seelsorge“, sagt Schulte. Aber wie merkt man, dass man es mit einem „echten Problemfall“ zu tun hat und wo liegt die Grenze? „Wenn jetzt einer sagen würde, dass er die ganze Welt hasst und am liebsten alle mit einer Pumpgun erschießen würde, wäre das eine klare Grenzüberschreitung“, meint Schulte, „Wir sind da sehr vorsichtig.“

Die Betreiber meinen, die Schimpf-los-Hotline trage zum Wohl der Gesellschaft bei: „Wir tun etwas Positives. Es tut gut, ab und zu Dampf abzulassen, seiner Wut freien Lauf zu lassen, ohne dass es jemandem schadet.“ Statt seine Wut aus dem Büro mit nach Hause zu nehmen und den Partner anzuschnauzen, könne man ja einfach bei ihnen anrufen, meint Schulte, „das schont die Umwelt“. Natürlich kann man auch beim Telefonanbieter anrufen und die Serviceperson anbrüllen, diese legt dann aber oft auf. „Bei uns“, sagt Schulte, „hat das keine Konsequenzen.“

Vertreter der deutschen Seelsorge bezweifeln die guten Absichten der Betreiber und kritisieren die mangelnde Beratung: Schimpf-los wäre nur auf das Geld aus, frustrierte Wutbürger sollten sich lieber professionell beraten lassen. Schulte sieht das nicht so eng. Bei der Seelsorge werde einem geraten, ausgeglichener zu werden, es werde suggeriert, dass es an einem selbst liege, und nicht an der Umwelt. „Wir sagen dagegen: ,Okay, du bist wütend, lass es raus, schäm dich nicht! Wir verurteilen niemanden.‘“

Auch Christa Pölzlbauer vom österreichischen Bundesverband für Psychotherapie sieht die Sache entspannt: „Reden ist immer besser als Schweigen.“ In Internetforen, wo sich die Leute sonst die Wut von der Seele schreiben, gebe es schließlich auch keine Beratung durch Experten. Was dem Abladen von Frust dient und niemandem schadet, sei sinnvoll.


Dating? Speedhating! Liegt der Trend zum Geschäft mit dem Hass daran, dass die Menschen tatsächlich wütender werden? Pölzlbauer meint, dass das durchaus der Fall ist: „Die Leute sind heute wütender, weil sie sich eher wehren und nicht mehr so autoritätshörig sind wie früher.“

Schulte und Brandenburger sind nicht die Einzigen, immer mehr junge Menschen verarbeiten ihren Zorn im kreativen Prozess und gründen wutbasierte Unternehmen. Das „Speedhating“, das mittlerweile den deutschsprachigen Raum erreicht hat, unterscheidet sich zwar nicht in der Aufmachung, wohl aber im Inhalt vom „Speeddating“. Während es bei Letzterem darum geht, möglichst vielen Menschen in kurzer Zeit möglichst viel von sich zu erzählen, spricht man beim Speedhating über Dinge, die man hasst. Für Cliff Gloom, der Speedhating-Abende in Berlin organisiert, sollen diese Events vor allem eines: Spaß machen. Man trifft sich in einem Lokal, sitzt sich gegenüber und regt sich gemeinsam über ein Thema auf. Im Zweifelsfall gibt es eine Mappe mit Tipps, was man noch alles hassen könnte. Nach drei Minuten wechseln die Männer zum Tisch mit der nächsten Dame. Wird aus zornbedingtem Herzklopfen mehr, tauscht man die Telefonnummern aus. „Unsere Erfolgsquote ist ganz gut“, sagt Gloom „einige unserer Teilnehmer sind mittlerweile seit Längerem zusammen“.

Vielleicht ist Speedhating also gar keine so schlechte Idee, vorausgesetzt, man hasst dieselben Dinge – gemeinsame Feinde verbinden. Für Pölzlbauer kommt es weniger auf die Form der Begegnung an als darauf, wie man aufeinander zugeht. „Das Speedhating“, meint die Psychotherapeutin, „ist anscheinend ein gelungener Gag.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.07.2012)

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6 Kommentare

solange es menschen gibt

die dafür bezahlen, jemanden anzurufen, um ihren hass auf weissgottwenoderwas los zu werden: warum nicht? her mit der kohle, her mit der marie, das beste geschäft ist und bleibt die faulheit und dummheit anderer. gratulation zur geschäftsidee!

Gast: lächerlich
29.07.2012 13:30
0 0

lächerlich...

...ist, dass sie es nicht mal schaffen diesen "Brockenenglisch"en Begriff korrekt abzuschreiben.

Re: lächerlich...

Adjektive schreibt man Ihrer Meinung nach also groß?

Antworten Antworten Gast: Johann S
29.07.2012 15:44
0 0

Re: Re: lächerlich...

Da gbt es einige Ausnahmen.

Danke für die Aumerksamkeit.

Antworten Gast: Johann S
29.07.2012 14:45
0 0

Re: lächerlich...

Schon registriert,natürlich Speed,trotzdem skurill.
Fr Gr

Gast: Johann S
28.07.2012 18:57
3 0

Eigentlich

ein alter Hut.
Der bayrische Kabarettist Gerhard Polt,hat schon vor Jahren den Sketch "Die Verantwortungsnehmer"gestaltet.
Da musste sein Mitarbeiter Drohbriefe und Anderes abarbeiten.
Neu ist lediglich das Brockenenglisch"Speethating".
Lächerlich