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Ágnes Heller: "Philosophen stellen blöde Fragen"

04.08.2012 | 17:51 |  von Peter Bognar (Die Presse)

Die ungarische Philosophin Ágnes Heller spricht im "Presse"-Interview über ihr Leben, den jüdischen Glauben, auserwählte Menschen und die gegenwärtige politische Situation in Ungarn.

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Beginnen wir vielleicht bei den Anfängen. Wie haben Sie Ihre Kindheit verbracht?

Ágnes Heller: Ich bin als Einzelkind in einer jüdischen Familie aus der kleinbürgerlichen Intelligenz aufgewachsen. Meine Eltern hatten einander sehr gern. In dieser Hinsicht hatte ich also eine sehr angenehme Kindheit. Mein Vater war politisch sehr aktiv. So wusste ich schon mit vier Jahren, dass Hitler in Deutschland die Macht erlangt hat. Mein Vater holte mich nur ein einziges Mal von der Schule ab. Das geschah beim Anschluss Österreichs an Hitler-Deutschland, ich besuchte damals die dritte Klasse der Grundschule. Er erklärte mir, dass die Deutschen Österreich besetzt hätten. Ich habe also schon von klein auf über die Geschehnisse in der Welt Bescheid gewusst. Noch dazu hatten wir ständig Flüchtlinge bei uns. Ich kann mich noch gut an einen Mann erinnern, der aus Dachau zu uns kam. Mein Vater unternahm große Anstrengungen, den internierten Juden zu helfen. Er versuchte, ihnen entweder gefälschte Reisepässe oder die ungarische Staatsbürgerschaft mittels Scheinehen zu beschaffen. Da mein Vater nicht das Aussehen eines Juden hatte, fiel er den Deutschen nicht auf.

 

Wie haben Sie den Krieg erlebt?

Mein Vater wurde nach Auschwitz deportiert. Meine Mutter und ich schlugen uns irgendwie im Budapester Ghetto durch. 1944 und 1945 konnte ich dem Tod dreimal nur um ein Haar entrinnen. Man musste seinerzeit ständig auf der Hut sein, man wusste nämlich nie, was auf einen zukommt, die permanente Wachsamkeit bewirkte aber, dass man sich immerzu in einem erschöpften, dumpfen Zustand befand.

 

Wurde Ihnen damals geholfen?

Seltsamerweise waren uns ein deutscher Soldat und ein Mitglied der Pfeilkreuzler (vergleichbar mit den Nationalsozialisten in Deutschland; Anm.) die größte Hilfe. Meine Mutter und ich mussten ohne Schutzbrief irgendwie ins Budapester Ghetto gelangen. In unserer Not sprach ich einen deutschen Soldaten an. Wir hatten großes Glück, denn der Soldat erklärte sich bereit, uns zu begleiten. In Begleitung eines deutschen Soldaten war es möglich, zum Ghetto Zutritt zu erlangen. Bei der anderen Person handelte es sich um einen alten Pfeilkreuzler, der uns half, aus dem Ghetto wieder herauszukommen. Er gab uns den Rat, nach Palästina auszuwandern. Hilfe bekamen wir auch von der ehemaligen Arbeitgeberin meiner Mutter, die einen Hutsalon besaß. Ihr Mann war der Direktor eines Schweinemastbetriebs. Solange es möglich war, Pakete ins Ghetto zu schicken, bekamen wir von ihnen regelmäßig Lebensmittelpakete.

 

Nach dem Krieg folgten die Jahre an der Universität.

Ja, ich machte 1947 die Matura am Jüdischen Gymnasium, gleich darauf inskribierte ich an der Universität.

 

Hatten Sie zunächst nicht begonnen, Physik und Chemie zu studieren?

Ja, so war es.

 

Und was hat Sie zur Philosophie geführt?

Die Person von György Lukács (bedeutender ungarischer Philosoph [1885–1971]; Anm.). István Hermann, mein damaliger Freund und späterer erster Mann, hat mich zu den Vorlesungen von Lukács mitgenommen. Dort habe ich mich in die Philosophie verliebt. Die Philosophie hat mich fortan mehr interessiert als Physik und Chemie zusammengenommen.

Welche Philosophen hatten die größte Wirkung auf Sie?

Eine schwierige Frage! Ich war anfangs Marxistin. Hegel, Kant und Aristoteles waren für mich letztlich aber viel wichtiger als Marx. Aristoteles war das Thema meiner Doktorarbeit. Blicke ich auf mein gesamtes Leben zurück, dann hatten aber Kant und Kierkegaard die größte Wirkung auf mich.

 

Und wie sieht es mit den Zeitgenossen unter den Philosophen aus?

Da kann ich weniger von Wirkung sprechen. Viel eher habe ich einzelne Philosophen sehr gemocht. Foucault zum Beispiel war für mich wichtig. Es wäre aber eine Übertreibung zu sagen, dass er eine Wirkung auf mich ausgeübt hätte. Ich habe ihn als interessant empfunden, ebenso wie Habermas.

Haben Sie diese Personen auch persönlich kennengelernt?

Ja. Ich kannte auch Derrida persönlich. An ihm mochte ich vor allem die menschliche Seite. Sie haben mich eingangs über die Wirkung der Philosophen gefragt. Ich lernte meine Zeitgenossen zu spät kennen, als dass sie auf mich Wirkung hätten ausüben können.

Worin sehen Sie die Essenz der Philosophie?

Über kindliche Fragen nachzudenken – Fragen, die sich viele Menschen im Leben wie natürlich stellen: Was macht die Existenz aus? Was ist Wahrheit? Worin besteht das glückliche Leben? Worin liegt die Tugend? Was ist wichtig und was weniger wichtig? Es ist so wie bei Kindern, die ihren Eltern Löcher in den Bauch fragen. Leider gibt es viele Eltern, die diese Fragen entnervt als „blöd“ abtun. Wir Philosophen pflegen wie neugierige Kinder blöde Fragen zu stellen und auf diese dann auch selbst Antworten zu geben. Naturgemäß hat aber jeder Philosoph jeweils andere Antworten parat.

 

Wenden wir uns dem Judentum zu. Wie leben Sie Ihre jüdische Identität?

Ich ernähre mich weder koscher noch gehe ich in die Synagoge. Von den 613 jüdischen Geboten halte ich vielleicht 400 ein, den Rest nicht. Das heißt, dass ich Jüdin bin, allerdings nehme ich die religiösen Vorschriften nicht ganz so ernst. Dennoch finde ich den jüdischen Glauben fantastisch. Er ist für mich der beste Glaube, weil er Freiräume lässt und vielfältig interpretierbar ist. Denken Sie nur an die Zehn Gebote. Dort heißt es: „Du sollst nichts Falsches gegen deinen Nächsten aussagen“, was mit anderen Worten heißt, dass du zugunsten deines Nächsten Falsches aussagen darfst. Das ist wunderbar. Nirgendwo in der Bibel wird gesagt, dass man nicht lügen darf. Vom Menschen wird nur abverlangt, was er auch zu leisten imstande ist. Was ich sagen will: Niemand ist unfehlbar und makellos. Obwohl wir zerbrechliche Wesen sind, gab es in der Vergangenheit dennoch immer wieder Auserwählte und wahre Menschen. Das Eingeständnis dieser Zerbrechlichkeit macht den jüdischen Glauben so fantastisch.

 

Kennen Sie solche wahren Menschen?

Natürlich. In der Geschichte gab es etliche solcher Menschen. Darauf gründe ich meine Ethik. Ich bin der festen Überzeugung, dass es gute Menschen gibt. Für die Philosophie stellt sich hier aber nicht die Frage, ob es solche Personen gibt, sondern wie man zu einem auserwählten Menschen werden kann.

Ist dies auch die Richtschnur Ihres Lebens?

Obwohl er ein Atheist war, war mein Vater unendlich tugendhaft. Sein Beispiel halte ich mir stets vor Augen.

 

Machen wir nun einen Schwenk zur Politik. Wie beurteilen Sie die heutige Situation und Atmosphäre in Ungarn?

Die politische Situation und die Atmosphäre im Land gehen Hand in Hand. Es gibt sozusagen zwei Kulturen, politische Lager, in Ungarn, die einander gegenüberstehen. Zwischen diesen Polen gibt es leider kaum Berührungspunkte. Die Zweiteilung des Landes ist praktisch auf allen Ebenen des gesellschaftlichen Lebens zu beobachten.

 

Der Sozialpsychologe György Csepeli schrieb diesbezüglich, dass die Menschen die Politik als Glauben auffassen würden. Deshalb gäbe es zwischen den Lagern keine Durchlässigkeit. Wie sehen Sie das?

Dem kann ich nicht zustimmen. Während es in einem der beiden Lager (dem linksliberalen; Anm.) durchaus die Bereitschaft gibt, die Gegenseite zu verstehen, ist das andere Lager feindselig. So kommt es immer wieder vor, dass Personen, die nicht in das Schema (des rechten Lagers; Anm.) passen, als „Heimatverräter“ gebrandmarkt werden. Das Schlimme dabei ist, dass diese Menschen in ihrer Verblendung auch tatsächlich daran glauben.

 

Wie bringen Sie die Zeit zu, wenn Sie nicht arbeiten oder reisen?

Ich schwimme und wandere gern. Wenn ich in Budapest bin, unternehme ich mit meinen Freundinnen immer wieder große Spaziergänge. Im Sommer ziehe ich mich stets in das Börzsöny-Gebirge (im Norden Ungarns; Anm.) zurück, wo ich ein Bauernhaus habe. Dort erreichen mich Gott sei Dank auch keine E-Mails. Und dort habe ich auch Zeit zu schreiben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.08.2012)

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5 Kommentare
Gast: Bolta
11.08.2012 23:32
0 0

dass du zugunsten deines Nächsten Falsches aussagen darfst. Das ist wunderbar. Nirgendwo in der Bibel wird gesagt, dass man nicht lügen darf.

Ist doch wunderbar und sie handelt auch danach:

http://www.youtube.com/watch?v=IGt_YTsBDgs&feature=related

Gast: gedeon spilett
08.08.2012 15:49
0 0

kind geblieben

heller ist ein kind geblieben, das meint "über die welt bescheid zu wissen". dabei ist sie wirklich nur ein kleines, so ziemlich rechthaberisches maedchen...

Gast: Hungarian Voice
05.08.2012 18:31
1 0

Gutes Interview. Mit großem "Aber"

Das Interview zwigt die Arroganz der ungarischen Linken/Liberalen. Die meinen, sie könnten definieren, was kultivierte Rechte sind. Der gesprächsereite Linke und der verblendete Rechte, geht es noch arroganter? Das läuft so nicht.

Was Unversöhnlichkeit angeht, geben sich beide Seiten nicht viel. Aber das zu verstehen, müsste man mal etwas tiefer eintauchen, und nicht nur das Gewäsch der hiesigen Sprachrohre der ungarischen Linken lesen, die von Faschismus und Diktatur in Ungarn plärren. Aber das ist natürlich schwer...

Antworten Gast: Hungarian Voice
05.08.2012 19:43
0 0

Re: Gutes Interview. Mit großem "Aber"

Sorry für die Tippfehler...

Gast: M. Wolf
05.08.2012 17:50
1 1

Mein Vater holte mich nur ein einziges Mal von der Schule ab. Das geschah beim Anschluss Österreichs an Hitler-Deutschland, ich besuchte damals die dritte Klasse der Grundschule. Er erklärte mir, dass die Deutschen Österreich besetzt hätten. Ich habe also schon von klein auf über die Geschehnisse in der Welt Bescheid gewusst.

Als angejahrte sog. Philosophin sollte man zumindest wissen
dass man als dritte Klasse Grundschule
Kind über nichts in der Welt Bescheid weiss.
(möglicherweise ein
Übersetzungsmissverständnis)
Jedoch ihre hier dahingeplauderte
Moralphilosophie
ist mit Verlaub blosse Unmoral, sie verneint
das Ideal.