Es war bei der Ruhrtriennale 2005. Der Schauspieler Sven-Eric Bechtolf hatte ein Singspiel geschrieben und suchte dafür einen Komponisten und Musiker. Irgendwann spielte ihm dann jemand das Stück „Schreibt die Ortsbäuerin“ der Osttiroler Musikband Franui vor. Und damit war es um Bechtolf geschehen. „Das Stück hat ihn umgeblasen – so hat unsere Zusammenarbeit begonnen“, erzählt Andreas Schett, der Leiter des zehnköpfigen Ensembles aus Bläsern, Harfe, Hackbrett, Zither und Gesang, das seinen Ausgang in Osttirol genommen hat. Und das nun erstmals bei den Salzburger Festspielen auftritt – deren schauspielerische Leitung Bechtolf seit 2011 innehat.
Die Mitglieder von Franui – benannt nach einer Wiese im heimatlichen Innervillgraten – spielen seit 20 Jahren zusammen. „Steine und Herzen“ hieß das erste gemeinsame Projekt von Bechtolf und Franui. „Die zehn Vorstellungen waren mäßig erfolgreich“, erinnert sich Schett im Gespräch mit der „Presse“. „Das Schönste war, dass ich Franui kennengelernt habe“, sagte Bechtolf den Osttirolern zum Abschied. Und setzte hinzu: „So schnell werdet ihr mich nicht mehr los.“ Projekt um Projekt folgte, die Freundschaft zwischen dem Hamburger Bürgerssohn und der „kleinbäuerlichen Abkunft aus Osttirol“ wuchs.
Franui wurde mit ungewöhnlichen musikalischen Auseinandersetzungen mit Brahms' „Deutschen Volksliedern“ oder den „Mahlerliedern“ bekannt. Und als Bechtolf Schauspielchef in Salzburg wurde, entstand ein neues gemeinsames Projekt: Am 23. August hat „Meine Bienen. Eine Schneise“ von Händl Klaus mit der Musik von Andreas Schett und Franui bei den Salzburger Festspielen Premiere.
Um das Thema Bienen kreist der Trompeter und Komponist, seit er ein kleines Kind ist. Sein Vater war Imker, der Bub hatte immer seine eigenen Bienenstöcke. Und er musste auf die Bienen aufpassen, wenn sich ein Schwarm aufmachte, den Stock zu verlassen. Einmal passierte es: Ein Schwarm war unterwegs und flog geradewegs auf die örtliche Schützenkompanie zu, die bei einem Begräbnis Aufstellung genommen hatte. Die in der Sommerhitze nach Schweiß stinkenden Männer – der Feind schlechthin für die sonst friedliebenden Bienen. „Da werden sie aggressiv“, weiß Schett über das Volk. Ein alter Schütze nahm den kleinen Buben zur Seite und befahl ihm, zwei Topfdeckel zu holen, sie im gleichmäßigen Rhythmus zu schlagen und damit die Bienen nach Hause zu holen. Der Trick funktionierte, der bedrohlich summende Schwarm entfernte sich von den Schützen.
Ein Schlüsselerlebnis, zu dem es Jahre später im Gymnasium so etwas wie ein Déjà-vu für ihn gab, erzählte Schett: „Da bin ich in der griechischen Mythologie auf eine Stelle gestoßen, wo die Göttin Rhea mit zwei Bronzedeckeln einen Rhythmus klopfte, um den Bienen den Weg zu weisen.“ Jahrtausende altes Wissen hatte es zu den Innervillgratener Schützen geschafft. Der Mann, der dem kleinen Andreas damals den rettenden Rat gab, war übrigens der Großvater von drei Musikern, die nun bei Franui mitmachen.
Für den 1971 geborenen Musiker und Publizisten, der wie seine Freunde der Osttiroler Heimat längst den Rücken gekehrt hat und heute in Wien lebt, schließt sich so ein Kreis. „Ich wollte immer schon ein Stück über Bienen machen“, erzählt der Künstler, der auch Ko-Intendant der Festspiele Erl und der Festspiele Südtirol/Toblach ist.
Mit dem Dramatiker Händl Klaus – wie Schett ein Osttiroler – war er in Sachen Bienen gleich auf einer Wellenlänge. Da hat es sich gut getroffen, dass Bechtolf ihn fragte, ob er nicht bei den Festspielen mitmachen wolle. Die Arbeit in Salzburg freut ihn. „Aber es ist nicht so, dass ich dabei vor Ehrfurcht erschaudere.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.08.2012)
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