Sigourney Weaver sollte Journalistin werden. Wenn ein Interviewer nicht aufpasst, dann ist es die 62-Jährige, die die Fragen stellt. Nur mit einem sanften Hinweis lässt sie sich zum Anlass des Gesprächs zurückführen, dem Mystery-Thriller „Red Lights“ (Kinostart: 14. August), in dem sie als Forscherin vermeintlich übernatürliche Phänomene aufdeckt. Dabei ist eigentlich sie selbst die außergewöhnliche Erscheinung – seit mehr als 30 Jahren ist sie mit hochkarätigen Rollen präsent und lässt dabei doch keine Spur von Ego oder Arroganz erkennen.
Angeblich haben in Hollywood ältere Schauspielerinnen Probleme, gute Rollen zu finden. Aber Sie sind alle paar Monate mit neuen Filmen im Kino präsent.
Sigourney Weaver: Die interessanten Rollen sind zwar seltener, aber dafür sind sie reizvoller. Ich persönlich finde, dass ich nach meinem 40. Lebensjahr meine besten Arbeiten abgeliefert habe. Wobei ich natürlich vernachlässigbare Projekte angeboten bekam, in denen ich nur irgendwelche alten Drachen hätte spielen sollen.
Haben Sie eine Erklärung für Ihre Karriere?
Vielleicht hatte ich einen Riecher für die richtigen Drehbücher. Aber dass ich gute Skripts bekam und mit guten Regisseuren arbeitete, hat natürlich vor allem mit Glück zu tun. Ansonsten wollte ich nie Renommee-Schauspielerin sein, die nur in anspruchsvollen Projekten auftritt. Ich liebte es, auch bei großen Popcorn-Filmen mitzumachen.
Gab es ein besonderes Kriterium, weshalb Sie „Red Lights“ drehen wollten?
Der Film hat einige höchst interessante Prämissen. Zum Beispiel, dass wir Menschen uns einfach nicht mit unserer unglaublichen Welt zufriedengeben wollen. Die Sehnsucht, andere Dimensionen zu betreten, ist eine gewaltige Triebkraft in unserer Psyche. Das ist ja auch ein Grund, weshalb es die Unterhaltungsindustrie gibt und warum Leute Drogen nehmen. Heutzutage verspüre ich eigentlich keine Sehnsucht mehr nach Dingen, die wir nicht sehen können. Ich empfinde nur Mitleid mit Menschen, die von diesen „spirituellen Unterhaltern“, wie es sie in den USA massenweise gibt, ausgenutzt werden.
Sie selbst glauben also nicht an übernatürliche Phänomene?
Ich hoffe, dass Besucher von anderen Planeten um uns herumschweben. Ich selbst habe noch kein Ufo gesehen, aber eine sehr gute Freundin von mir schon. Sie ist eine sehr intelligente, hellsichtige Person. Und auch keine schwere Trinkerin. Sie und ihre Familie sahen bei einem Italienaufenthalt eine fliegende Untertasse, die ganz in ihrer Nähe 40 Minuten lang in der Luft schwebte. Ich hoffe daher, dass es irgendwann zu meinen Lebzeiten zu einer Zusammenarbeit zwischen den Menschen und den fremden Lebensformen kommt, die uns derzeit womöglich beobachten.
Und wenn diese Besucher feindselige Aliens sind?
Dann muss ich meine Karatekünste einsetzen. Wenn jemand meiner Familie zu nahe treten würde, mache ich ihm das Leben schwer.
Sind Sie religiös erzogen worden?
Meine Eltern waren Atheisten – damit war das zwangsläufig ausgeschlossen. Wobei mein Vater in der Unterhaltungsindustrie arbeitete (als Chef des Senders NBC – Anm. d. Red.). Für ihn hatte Kunst eine magische Wirkung auf die Menschen. Letztlich glaubte er auf seine Weise an unsichtbare Energien.
Es gibt noch ein übernatürliches Phänomen, um das sich auch der Film dreht – ein Leben nach dem Tod. Wie stehen Sie dazu?
Ich habe vor Kurzem einen sehr guten Freund von mir, einen Kinderbuchautor, verloren. Und ganz ehrlich, jedes Mal, wenn ich mich in der Natur aufhalte und einen Vogel sehr intensiv singen höre, glaube ich, das sei mein Freund, der mir auf diese Weise „Hallo“ sagen möchte. Ich weiß, das ist eine kindliche Einstellung. Aber ich vermisse ihn eben sehr, und indem ich diese Kreaturen vermenschliche, spüre ich den Verlust weniger stark. Allerdings weiß ich: Es gibt keine wissenschaftlichen Untersuchungen zu diesem Thema. Und daher müssen wir davon ausgehen, dass nichts weiter existiert. Wir können bloß hoffen und glauben.
Wie ist es mit der Schauspielerei? Lässt sich die rational einordnen?
Nicht wirklich. Man wird hier von Emotionen und Kräften erfasst, die außerhalb der Kontrolle liegen. Und man sehnt sich danach, sich ihnen preiszugeben. Je länger ich als Schauspielerin arbeite, desto wohler fühle ich mich dabei. Meine Aufgabe besteht einfach darin, das zuzulassen.
So bleibt nur noch eine Himmelsmacht – die Liebe. Im Oktober feiern Sie und Ihr Mann, Regisseur Jim Simpson, den 28.Hochzeitstag. Sind Sie erstaunt, dass Ihre Ehe so lange gehalten hat?
Das sind wir beide. Vor allem, weil wir das Zeitgefühl dafür verloren haben. Wenn man in einer harmonischen Ehe ist, dann verstreicht alles so schnell. Es ist, als seien es 12, nicht 28 Jahre. Ich schätze mich einfach glücklich, dass ich diesen wunderbaren Mann gefunden habe. Jim ist so interessant, er ist ein brillanter Regisseur, er hat mich immer unterstützt, und ich kann mit ihm viel Spaß haben. Das sind seine Verdienste, nicht meine. Ich bin nur dankbar.
1949
wurde Sigourney Weaver in New York City geboren.
1977
gab sie ihr Filmdebüt mit einer kleinen Nebenrolle in Woody Allens „Der Stadtneurotiker“.
1979
gelang ihr mit der Hauptrolle in Ridley Scotts Sci-Fi-Streifen „Alien“ der internationale Durchbruch.
1984
heiratete sie den Regisseur Jim Simpson. Die beiden sind bis heute ein Paar. 1990 wurde ihre gemeinsame Tochter geboren. Weaver hat einen Universitätsabschluss in Englisch.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.08.2012)
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