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Oma lernt Rad fahren

18.08.2012 | 17:56 |  von eva winroither (Die Presse)

Das Radfahren ist fixer Bestandteil unserer Alltagskultur. Trotzdem kann es nicht jeder Österreicher. Waltraud Spielauer hat es mit 59 Jahren doch noch gelernt.

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Und dann war da immer dieses blöde Gefühl im Bauch. Wenn das Gespräch mit Freunden und Bekannten auf das Thema „Fahrrad“ gekommen ist, hat sich Waltraud Spielauer schnell ein paar Ausreden zurechtgelegt. Antworten auf die Frage, ob man heuer schon mit dem Rad unterwegs gewesen sei. Antworten auf die Frage, ob man neuerdings mit dem Rad zur Arbeit fahre und Antworten auf die Frage, ob man beim nächsten Fahrradausflug mitkommen wolle. „Ich habe dann immer gesagt, ich kann nicht mitfahren, weil es mir der Arzt verboten hat“, sagt Spielauer, kurze rote Haare und nicht nur Oma, sondern sogar schon Uroma in Wien. Bis sie schließlich vor einigen Wochen beschlossen hat, sich nicht länger zu verstecken und einen Fahrradkurs zu belegen. Waltraud Spielauer ist seit Kurzem 59 Jahre alt.

Jetzt steht sie mit ihrem Radfahrlehrer Bernhard Dorfmann sowie zwei weiteren jungen Frauen auf der Donauinsel und lernt, sich auf dem Rad fortzubewegen. Aufsteigen, Absteigen, Gleichgewicht halten – bloß nicht unsicher werden, wenn der Gegenverkehr kommt. Warum sie in ihrer Kindheit nie Rad fahren gelernt hat, das weiß Spielauer bis heute nicht. „Meine Eltern haben es mir einfach nie beigebracht“, erzählt die Beamtin. „Am Geld kann es nicht nicht gelegen sein. Vielleicht hatten sie Angst?“

Wie vielen Menschen es ähnlich wie Waltraud Spielauer geht, darüber gibt es kaum Statistiken. Aber entsprechende Einträge sind in Foren schnell gefunden. „Wieso können so viele Kinder nicht Rad fahren?“ steht da. Und „Wie um Himmels willen soll ich jetzt schnell und vor allem heimlich Rad fahren lernen?“, schreibt eine 30-Jährige. Auch Bernhard Dorfmann kennt diese Geschichten: „Meiner Erfahrung nach können viele Leute, die in der Motorisierungswelle der 1960er groß geworden sind, nicht Rad fahren. Auch in vielen Migrantenfamilien ist das ein Thema“, sagt Dorfmann. Er bietet jetzt zweiwöchige Radfahrkurse für solche Menschen an. 95 Prozent seiner Kunden sind Frauen.

Lügen, um nicht aufzufallen. Gemeinsam haben die Nichtradfahrer den langjährigen Erklärungsnotstand. Sie können es nicht, es ärgert sie, sie genieren sich und erfinden Geschichten, um nicht aufzufallen. „Ich habe immer gesagt, ich habe keine Lust“, erzählt Spielauers Kurskollegin Monika, 35 und Ärztin von Beruf. Ihre Kollegin Tanja, 34, kichert zustimmend. Als kleines Mädchen hat Monika auf ihrer ersten Fahrradausfahrt einen Unfall gehabt. Danach ist sie nie wieder aufgestiegen.

Auch Spielauer hat sich jahrelang über sich selbst geärgert. Fahrradausflüge mit der Familie waren für sie einfach nicht möglich. Dabei ist „Fahrradfahren ein fixer Bestandteil unserer Kultur“, sagt sie. „Jedes Kind kann das.“ Nur sie konnte es nicht. Auch wenn sie immer wieder versucht hat, es zu lernen. Einmal als ihre Kinder klein waren, ein anderes Mal hat sie ihr Mann auf das Fahrrad gesetzt.

„Probier's halt einmal mit Stützen. Lass dich doch am Packelträger von deinem Mann festhalten“, hätten ein paar Eingeweihte spöttisch gesagt. Die Fahrt endet mit einem Sturz. Danach war es mit dem Radfahren endgültig vorbei.

„Erwachsene lernen das Radfahren nicht mehr einfach so“, sagt dazu Bernhard Dorfmann. Schuld daran sei die Angst der Erwachsenen vor einem Sturz. Sie klammern sich viel zu sehr am Lenker fest. „Kinder wackeln sich einfach so durch. Wenn Erwachsene aber das Radfahren lernen, dann muss man sie im Kopf austricksen.“

Gefahren wird am Schluss. In seinen Kursen geht Dorfmann daher spielerisch vor. Zuerst müssen die Teilnehmer mit einem Roller das Kurvenfahren üben, in zahlreichen Übungen werden ihnen Gleichgewicht und ein Gefühl für das Gefährt vermittelt. Erst viel später bekommen sie ein niedriges Rad in die Hand gedrückt, aber noch immer dürfen sie nicht aufsitzen. „Die Kursteilnehmer dürfen keine schlechten Erfahrungen mehr mit dem Rad machen“, sagt Dorfmann. Aufsitzen dürfen die Radfahrschüler daher erst, wenn sie die Schwingungen des Rades ausbalancieren können. Bei Spielauer war es immerhin bereits nach drei Tagen so weit. Eine ziemlich große Leistung, wie auch Dorfmann findet. Nicht bei allen geht es so schnell.

Als eine Mischung aus Angst und Freude würde die Wienerin ihre ersten Sekunden auf dem Rad beschreiben: „ein unglaubliches Gefühl.“ Auch ihre Kolleginnen Tanja und Monika kommen aus dem Schwärmen nicht mehr heraus. „Super“, „tolles Gefühl“, „so stolz auf uns“, sagen sie. Sie sind offensichtlich sehr erleichtert.

Im nächsten Schritt müssen die drei Frauen jetzt an Fahrpraxis gewinnen. Die Fahrversuche sehen noch zittrig aus. Noch immer steigt Spielauer ab, wenn ihr andere Radfahrer entgegenkommen. In den Wiener Stadtverkehr dürfen die drei noch länger nicht.

„Das kommt erst mit der Zeit“, sagt Dorfmann. Er empfiehlt lange Fahrten auf Radwegen und in der Natur. Dann sollten sie es nach einigen Monaten genauso können, als wären sie schon seit der Kindheit gefahren. Entsprechende Motivation ist bei den dreien jedenfalls vorhanden. Zu ihrem Geburtstag hat sich Spielauer gleich ein eigenes Rad gekauft. „Ein größeres Geschenk hätte ich mir gar nicht machen können.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.08.2012)

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