Wo sonst sollte man sich wilde Verfolgungsjagden liefern, wenn nicht in Hollywood? Nur, dass das in der Realität nicht immer ganz so sicher und folgenlos abgeht wie im Filmstudio. Pop-Phänomen Justin Bieber erwischte Anfang Juli „nur“ die Polizei, nachdem er sich „wie ein Verrückter“ (so ein Polizeisprecher) mit seinem Fisker Karma auf dem Freeway 101 nordwestlich von Los Angeles mit mehr als 160 km/h durch den Verkehr geschlängelt hatte – verfolgt von einer Horde Paparazzi.
Einer der Fotografen, die Bieber damals gefolgt waren, steht nun am Freitag vor Gericht. Paul Raef, ein 30-jähriger Freiberufler, ist der Erste, der nach dem neuen Anti-Paparazzi-Gesetz verurteilt werden soll, das seit 2010 in Kalifornien gilt. Biebers Verfolger könnte demnach bis zu ein Jahr Gefängnis drohen, außerdem Geldstrafen in Höhe von 3500 Dollar. Der beruft sich indes auf die Pressefreiheit und wehrt sich gegen die Vorwürfe.
Die neue Regelung ist die Verschärfung eines Gesetzes, das 1999 in Kraft trat, nachdem Prinzessin Dianas Fahrer auf der Flucht vor Fotografen in Paris in eine Tunnelwand gekracht war. Die neue Version macht es nun leichter zu klagen und sieht vor allem härtere Strafen für Fotografen vor, die waghalsige Manöver riskieren, um ihre „Zielobjekte“ in die Enge zu treiben. Den Entwurf für die härtere Gangart hat noch Arnold Schwarzenegger in seiner Amtszeit als Gouverneur unterschrieben – und dabei wohl auch eigene Erfahrungen eingebracht. Zwei Fotografen waren einst bereits zu 60 und 90 Tagen Haft verurteilt worden, weil sie ihn und seine Familie im Auto gejagt hatten.
Hollywoodreife Szenen sozusagen, die offenbar immer wieder vorkommen. Kollegin Reese Witherspoon wäre einmal fast von der Straße abgedrängt worden. Scarlett Johansson baute beim Versuch, den Fotografen auszuweichen, einen Unfall, und Lindsay Lohan, verlässliche Lieferantin kompromittierender Bilder, wurde allein 2005 zwei Mal auf der Flucht bei einem Unfall verletzt. Über Cameron Diaz äußern sich die Paparazzi von Los Angeles sogar anerkennend: Sie fahre so verrückt, dass es ihr regelmäßig gelinge, die SUVs der Fotografen abzuhängen.
Das Geschäft mit den Schnappschüssen wächst: Klassische Medien nehmen die Bilder ebenso ab wie die immer größere werdende Zahl an Onlineportalen, die sich auf Celebrity-News spezialisiert haben. Vor Kurzem ist mit Corbis eine der angesehensten Fotoagenturen der Welt eingestiegen: Sie hat Splash News gekauft, den internationalen Marktführer für Paparazzifotos. Corbis-Chef Gary Shenk schätzt, dass zwischen 50 und 60 Prozent aller Fotos, die weltweit an die Medien verkauft werden, Fotos aus dem Unterhaltungsbereich seien. Der größte Teil, so Shenk zum „Spiegel“, stamme von Paparazzi. Wer als Erster abdrückt, kassiert – ob es dem Fotografierten gerade gelegen kommen mag oder nicht.
Kaum ein Bild ist dabei spektakulär. Stars beim Eis essen, beim Einkaufsbummel – oder dabei, wie sie ihre Kinder von der Schule abholen. Für Halle Berry ist die ständige Belagerung der Grund, warum sie nun mit ihrer vierjährigen Tochter nach Frankreich übersiedeln will, wo ihr neuer Lebensgefährte lebt – oder er ist zumindest ein gutes Argument im Streit mit ihrem Exmann, mit dem sie gerade vor Gericht die Frage des Umzugs klärt. Das Leben mit Stalkern und Paparazzi sei gefährlich, klagt sie, vor allem für ein Kind. Auch hier ist das Gericht am Zug.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.08.2012)
Justin Bieber: Von ''YouTube'' zum Millionär




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