Indie-Queen“ – mit diesem Titel werden junge Schauspielerinnen bedacht, die es zum Kultstatus in unabhängigen Produktionen gebracht haben. Einigen davon gelingt der Sprung in den Mainstream – und diese Chance gibt es jetzt auch für Greta Gerwig. Die gebürtige Kalifornierin machte sich in der New Yorker Kunstfilmszene einen Namen, drehte inzwischen mit Natalie Portman, Helen Mirren und Ben Stiller. Doch keines dieser Projekte hatte für die 29-Jährige einen solchen Stellenwert wie ihre Arbeit mit Woody Allen in „To Rome With Love“.
Angeblich geht es ja recht schnell und einfach, wenn einen Woody Allen zum Vorstellungstermin einlädt...
Greta Gerwig:Das hatte ich auch von vielen Leuten gehört. Du kommst bei der Tür rein, er sieht dich kurz an und meint dann nach zwei Minuten „Danke und auf Wiedersehen“. Das lief auch bei mir so, aber danach wollte er, dass ich richtig für ihn vorspreche. Er gab mir sogar Regieanweisungen. Ich dachte mir: „Diese Rolle werde ich nie bekommen, denn sonst macht er so etwas nie.“ Es war nervenaufreibend.
Bei „To Rome With Love“ hat es geklappt. Bedeutet es heute noch so viel, wenn man bei Woody Allen mitspielen darf?
Doch, denn er hat mein ganzes Leben beeinflusst. Mehr als fast jeder andere Mensch. Ich wuchs in Kalifornien auf, aber ich betete ihn und seine ganzen Filme über New York an. Deshalb zog ich auch nach New York, ich las Bücher wie „Tod in Venedig“ und sah Filme wie Marcel Ophüls „Das Haus nebenan“, nur weil er sie in seinen Filmen empfahl. Er lieferte mir den Leitfaden für ein Leben, das ich nie hatte. Es war wirklich surreal, die Person zu treffen, die die meisten Entscheidungen meiner Biografie inspirierte.
Hatten Sie auch Erlebnisse wie seine Filmfiguren?
Nein, aber ich versuchte solche herbeizuführen. Ich wollte wie Annie Hall in „Der Stadtneurotiker“ sein. Ich kleidete mich wie sie, einmal versuchte ich wie sie Tennis in einem dieser Klubs zu spielen – obwohl ich für Tennis sonst gar nichts übrig habe. Solche Angewohnheiten habe ich inzwischen nicht mehr. Aber ich bin unglaublich dankbar, dass ich jetzt in einer Stadt lebe, die ich so sehr liebe.
Haben Sie das alles Woody Allen erzählt?
Nein, niemals! Das darf ich ihm nicht erzählen. Er müsste ja denken, ich sei eine Stalkerin.
Wurde der Dreh Ihren Erwartungen gerecht?
Ja und nein. Denn ich war so voller Ehrfurcht, dass ich alles nicht richtig wahrgenommen habe. Ich konnte kaum glauben, dass ich da mitmachen durfte. So muss es einem Athleten gehen, der bei den Olympischen Spielen antritt. Die ganze Zeit dachte ich: „Du musst diesen Tag überstehen. Hauptsache, du wirst nicht gefeuert.“ Im Nachhinein wünschte ich mir, ich hätte diese Woody-Allen-Momente noch mehr in mich aufgesogen und genossen. Doch auch wenn ich sehr ängstlich war, hatte ich viel Spaß bei der Arbeit mit meinen Kollegen.
Haben Sie einen Lieblingsmoment in den Woody-Allen-Filmen?
Wenn er am Ende von „Manhattan“ Mariel Hemingway verlassen will und ihr sagt, sie solle mit Jungs ihres Alters ausgehen. Daraufhin meint sie: „Hast du jemand gefunden, den du lieber magst als mich?“ Er ist sonst immer witzig und geistreich, aber dieser Moment steckt so voller Unschuld.
Woody Allen ist für seinen Hang zur Nostalgie bekannt. Zeigt sich der auch bei Ihnen?
Nicht so ausgeprägt. Wobei ich schon eine Vorliebe für ältere Filme oder Bücher habe. Dafür gibt es aber vor allem praktische Gründe. Denn das bedeutet, dass frühere Generationen schon die besten Sachen für mich zusammengesucht haben. Wenn ich dagegen bei einem modernen Filmfestival bin, dann mögen da gute Filme laufen, aber das Programm ist so riesig, dass ich davon völlig überwältigt bin.
Gibt es eine Erinnerung an Allen, die Sie nie vergessen werden?
Es war nichts Außergewöhnliches, aber wir drehten mitten in der Nacht bei Ruinen, und er ging vor mir eine Treppe hinunter. Plötzlich sagte er: „Das ist perfekt! Die maximale Chance hinzufallen.“ Und ich war total berührt. Denn er wusste nicht, dass ich in Hörweite war. Er wollte mit seinem Spruch keinen anderen Menschen unterhalten – nur sich selbst.
Greta Gerwig
Geboren am 4.August 1983 in Sacramento, Kalifornien, studierte Philosophie und Englisch in New York. Danach spielte sie Theater und startete mit ersten Filmen im Freundeskreis.
Karriere
Zunächst wirkte sie in mehreren Filmen der unabhängigen „Mumblecore“-Bewegung mit, die mit geringen Budgets und Handkameras arbeitete. Ihren Durchbruch hatte sie 2010 mit „Greenberg“. Aktuell spielt sie in Woody Allens „To Rome With Love“.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.08.2012)
Fleischer, Fische und Frauen
Prinz Charles bis Prinz PilsWie gut kennen Sie den Adel?
ImagekriseDas große Bieber-Bashing
Schöner MannBärte, Beaus und James Franco in Cannes
Modesünden Billboard Music Awards