Das Glücklichsein ist für Ihr spätes Debüt als Autor nicht unbedingt ein leichtes Thema. Wie kam es dazu?
Sepp Forcher: Nur, wenn man es als Generalthema nimmt. Die Rechtsanwälte leben sehr gut von Unzufriedenen im Glücksbereich. Der heutige Mensch will alles total haben, und das klappt halt nur selten. Ich hingegen lasse nur rein persönliche Erfahrungen Revue passieren. Ich habe mich gefragt, was die großen Glücksmomente meines Lebens waren. Es waren sehr oft schlichte Erlebnisse, wie das erste Häferl Kakao, die sich in mir eingebrannt haben. Diese kleinen Momente haben sich summiert. Für mich musste es nie der große Glücksrausch sein.
Albert Schweitzer hat so schön formuliert, dass der Mensch zwar stets wisse, wann er unglücklich, aber selten, wann er glücklich ist. Ist das Glück nicht prinzipiell etwas, das man erst in der Retrospektive erkennt?
Nicht unbedingt. Wenn man im Leben eine Leidenschaft gefunden hat, kann man Glück sicher auch im Augenblick genießen, wie etwa das stets fanatische Stehplatzpublikum in der Wiener Staatsoper. Ich hab es zunächst nicht einmal als Glück empfunden, dass ich „Klingendes Österreich“ machen darf. Es war für mich eher eine Belastung zu Beginn.
Aber irgendwann muss doch der Punkt gekommen sein, an dem es ein Genuss war, diese Sendung zu moderieren und zu gestalten?
Vor etwa zehn Jahren kam der. Da hatte ich das Gefühl, die Sendung ist wirklich mein Kind und es geschieht, was ich mir vorstelle. Seither macht es mir richtig Freude.
Ist das Bedürfnis nach individuellem Glück nicht etwas sehr Heutiges?
Der Glücksbegriff ist natürlich einer ständigen Veränderung unterworfen. Meine Großmutter hat sicher nie diese Empfindung artikuliert. Meine Mutter auch nicht. Heutzutage versteht man unter Glück nicht eine einfache Freude, sondern will, dass es eine Art elektrische Entladung ist.
Theodor Fontane sagte einst, das man, wenn man glücklich ist, nicht versuchen sollte, noch glücklicher zu werden.
Ich glaube, das ist die Krankheit unserer Zeit. Viel zu viele laufen Klischees von Glück nach. Auch der Versuch, den glücklichen Moment festzuhalten, ist ein Irrweg, geradeso, als ob man versuchen würde, mit bloßen Händen fließendes Wasser zu fassen.
Sie sind seit 1956 glücklich verheiratet. Was ist das Geheimnis dieser langen Ehe?
Wir haben das Glück gehabt, die meiste Zeit unseres Lebens gemeinsam gearbeitet zu haben. Jeder hat wirklich schuften müssen. Unsere Existenz haben wir uns vom Nullpunkt aus erarbeitet. Wir waren nie spekulativ, fanden immer unser Auskommen mit dem, was wir selbst geschaffen haben.
Als Arbeiter in Kaprun verdienten Sie erstmals so viel, dass Sie von Paprikaspeck auf Leberkässemmeln wechselten. Wie war das?
Ein intensiver Genuss. So ein guter Leberkäse ist ja heute noch eine Delikatesse, die es nirgends gibt auf der Welt. Der Wohlstand hat uns leider so überrollt, dass man diese Dinge nicht mehr wirklich wertschätzt. Auch die Extrawurst. Die beste Extrawurst hat es immer in Wien gegeben, gerade bei den kleinen Fleischhauern. Der Rentabilitätswahnsinn hat vieles ausradiert. Dafür haben jetzt alle ein Eigenheim und ein Auto. Ich nicht ausgenommen. Ich bin ein leidenschaftlicher Autofahrer. Aber komisch ist schon, dass der große wirtschaftliche Erfolg zu so viel Unzufriedenheit geführt hat. Wir leben in einem Zeitalter der Dekadenz, keine Frage. Viele große Kulturen sind schon durch den Wohlstand ruiniert worden.
Sie schreiben, dass Sie als Arbeiter in Kaprun als einzigen Luxusgegenstand den Faust von Goethe im Rucksack gehabt haben. Wie kam's ?
Den hat mir ein Freund geschenkt. Dieses Exemplar habe ich bis zum heutigen Tag. Der erste Teil ist hinreißend. Da bekommt man ein wunderbares Gefühl dafür, was Sprache sein kann. Vom zweiten Teil haben mir viele abgeraten. Das hat mich herausgefordert, und ich habe begriffen, dass das eine ganz andere Art von Buch ist, obwohl noch ein paar wenige Charaktere aus dem ersten Teil herumspazieren.
Sie haben Ihren Lebensunterhalt meist durch schwere körperliche Arbeit verdient. Trotzdem waren Sie immer ein fleißiger Leser. Woher kam diese Lust?
Auslöser war ein Wiener Ehepaar, dass mir als Kind den „Robinson Crusoe“ und die „Griechischen Heldensagen“ geschenkt hat. 1945 hat in Pfarrwerfen eine SS-Hochgebirgsscharfschützenkompanie ihr Quartier geräumt. Ein Offizier sagte, ich könne mir dort holen, was ich mag. Andere haben sich Waffen genommen, ich mir Bücher. Unter anderem Nietzsches „Also sprach Zarathustra“. Vor Kurzem hab ich mir den Zarathustra wieder hergenommen und das, was ich als 15-Jähriger unterstrichen habe, überprüft. Es hat mich dann ganz schön erstaunt. So blöd war ich gar nicht.
Sie haben die Gnade des wilden Lesens erfahren. Ist Ihnen das bewusst?
Natürlich. Mit diesem Drill zur Klassifizierung, diesen Anleitungen zum Sezieren von Texten bringt man im Gymnasium junge Leser um. Die Germanisten sind gestörte Leser. Sie sind Textpathologen. Nicht mehr genußfähig!
Was nicht viele wissen, Sie haben durchaus Sinn für abstrakte Malerei und sind nicht nur ein Opernliebhaber, sondern hören auch Schönberg durchaus gern. Wie kam das?
Ähnlich wie beim Lesen habe ich alles in wildem Durcheinander kennengelernt. Freunde von mir haben sich gewundert, dass ich die „Bagatellen“ von Webern kenne. Ich kenne sie nicht nur, ich mag sie. Zum ersten Mal hab ich sie in einer totalen herbstlichen Stille auf dem Dachstein gehört. Da hab ich auch Schönberg und Bartok gehört, und mir ist der Knopf aufgegangen. Es mögen mich manche für einen Almöhi halten, trotzdem weiß ich um die Schönheit dieser Musik.
Was macht die Faszination der Bergwelt für Sie aus?
Ich habe sehr viele Gipfel bestiegen. Wenn man da oben steht, sieht man ein Gipfelmeer. Spätestens da erkennt man, dass die Lebensspanne eines Menschen zu kurz ist, um diese unendliche Bergwelt wirklich zu erfassen. Die Geschichte des Alpinismus ist eigentlich ziemlich kurz. Die Engländer haben damit begonnen, sie sagten, die Alpen wären der „Playground“ der Europäer. Die Deutschen haben diese sportliche Einstellung ernst und die Italiener chauvinistisch übersteigert. Wenn man jetzt jammert, dass die Gletscher zurückgehen, kann ich nur sagen, es ist nicht so lange her, da hat man geklagt, das sie wachsen. Wenn der Alpenmohn nun 500 Meter weiter oben blüht, kann das doch nicht schlecht sein.
Ist Angst eine Art Bedürfnis des modernen Menschen?
Manchmal könnte man das glauben. Ich reagiere anders. Wenn ich zu viel Panikmache und Krisengeschrei orte, drehe ich das Radio ab, schlage die Zeitung zu. Ich frage mich manchmal, wie könnte sich der Mensch ohne Gewalt in eine Zufriedenheit zurückentwickeln, die nicht so materiell geprägt ist?
Gerd Bacher hat Sie 1986 persönlich für „Klingendes Österreich“ ausgesucht. Was schätzen Sie an ihm?
Er hat mich schon in den Fünfzigerjahren mit seinem journalistischen Stil überzeugt. Später, als ich ihn persönlich kennengelernt habe, sah ich, dass er ein Machtmensch ist. Es muss solche Leute geben. In unserer Demokratie gibt es leider einen Mangel an solchen Menschen. Es ist ein böses Zeichen, wenn ein Frank Stronach Zuspruch bekommt. Er ist doch bloß ein Macher. Ihm fehlt vieles zum Bacher'schen Format.
Sie präsentieren in Ihrer Sendung stets sortenreine Volksmusik. Haben die alten Formen, eingezwängt zwischen volkstümlicher Musik und Popmusik, noch Zukunft?
Volksmusik hat Zukunft, weil sie eine Vergangenheit hat. Es haben alle aus der Volksmusik geschöpft – Dvořák, Beethoven, Mozart. Leider kapieren so viele den Unterschied zwischen traditioneller und kommerzieller Volksmusik nicht. Die Kastelruther Spatzen mögen honorige Leute sein, aber was sie musikalisch machen: kein Kommentar.
Hilft Wünschen in diesem Leben?
Es gibt zu viel wunschloses Unglück. Ich finde, es muss immer ein Türl offen bleiben. Der unerfüllte Wunsch ist die offene Tür für die Fantasie in die Zukunft.
1955Nach der Arbeit im Kraftwerksbau wird Forcher mit seiner Frau Helli (Hochzeit 1956) Hüttenwirt.
1976beginnt die Arbeit für den ORF, zuerst im Radio, ab 1986 im TV mit der Sendung „Klingendes Österreich“.
2012 Sein Buch „Einfach glücklich“ erscheint am 31. August im Verlag Brandstätter (160 Seiten, 19,90 €).
("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.08.2012)
Fleischer, Fische und Frauen
Prinz Charles bis Prinz PilsWie gut kennen Sie den Adel?
ImagekriseDas große Bieber-Bashing
Schöner MannBärte, Beaus und James Franco in Cannes
Modesünden Billboard Music Awards