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Wolf Suschitzky: „Ich wollte nie ein Künstler sein“

28.08.2012 | 17:28 |  Von Julia Kastein (Die Presse)

Wolf Suschitzky, aus Wien gebürtiger Kameramann in London, feiert am Mittwoch seinen 100. Geburtstag. Ihm scheint der Rummel zu seinem Geburtstag fast ein wenig peinlich. Der „Presse“ erzählte er sein Schicksal.

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Im Bücherregal in seiner Dachgeschoßwohnung (mit Blick auf einen Kanal in Londons „Little Venice“) reihen sich die ersten Glückwunschkarten. Die British Academy of Film and Television Arts verlieh ihm im Juli das britische Gegenstück des Oscar für sein Lebenswerk und zeigte bei der Feier seinen berühmtesten Film, den Thriller „Get Carter“ mit Michael Caine. Die renommierte Photographers' Gallery plant einen Empfang im September. Der österreichische Botschafter in London überreichte ihm das Verdienstkreuz erster Klasse. Die Grazer Galerie Remixx zeigt gerade seine wichtigsten Fotografien. Wer 100 Jahre alt wird, muss sich feiern lassen – doch Wolf Suschitzky scheint der Rummel fast ein wenig peinlich.

„In all den schönen Reden hab' ich mich gar nicht wiedererkannt“, meint der schmale Mann in weißem Hemd und geblümter Steppweste und zwinkert verschmitzt hinter seiner Brille: „Alter ist kein Verdienst. Ich habe einfach Glück gehabt.“

Der Satz ist typisch für den gebürtigen Wiener, der Englisch mit leichtem Schmäh und Deutsch mit englischem Einschlag spricht. („Mein Deutsch ist ein bisschen rostig“, scherzt er, „dabei lebe ich doch erst 77 Jahre hier.“) Die Charaktereigenschaft, die ihm dabei hilft, scheinbar mühelos zu altern, ist wohl Bescheidenheit – gepaart mit Humor und Großzügigkeit. Der Witwer lebt allein („Meine Gefährtin seit über 20 Jahren hat noch ihre eigene Wohnung“, betont er), hat ein besseres Gedächtnis als so mancher 50-Jährige und steigt manchmal sogar noch die vier Stockwerke zur Straße hinunter: „Hinauf nehme ich aber den Aufzug.“

Ist Suschitzky stolz auf sein Lebenswerk als Kameramann und Fotograf? „Stolz?“, er windet sich förmlich in seinem Schreibtischsessel: „Nein. Ich freue mich, wenn etwas gut gelingt.“

Im Wohnzimmer hängt eines seiner Lieblingsfotos: das Porträt eines Gorillamännchens im Londoner Zoo, auf dessen Fell der Schatten der Käfigstäbe liegt. „Ich wollte Zoologie studieren, aber das war praktisch nicht möglich, weil man keine Juden aufgenommen hat in der Uni Wien, damals schon, und es gab einen Numerus clausus. Ich habe mir sowie gedacht: Was fang ich an mit Zoologie? Und Fotografie ist etwas, was man überall machen kann, wenn man die Sprache ein bisschen beherrscht.“

Suschitzky verließ Wien 1934, kurz nach der Machtübernahme der Austrofaschisten. Zuvor hatte sein Vater, der im Arbeiterbezirk Favoriten eine sozialdemokratische Buchhandlung und den Anzengruber Verlag betrieb, wegen des wachsenden Antisemitismus und der politischen Lage Selbstmord begangen. „Ich musste weg aus Wien“, sagt Suschitzky. Viel lieber erzählt er aber von glücklicheren Zeiten seiner Kindheit: Dass die Kollegen in der Bundeserziehungsanstalt Breitensee neidisch waren, weil er als Konfessionsloser (sein Vater hatte die jüdische Gemeinde verlassen) nicht am Religionsunterricht teilnehmen musste und stattdessen im Garten spielen konnte. Dass er viele Bücher, darunter damals verbotene wie „Ulysses“, „viel zu früh gelesen“ habe, dank seines Vaters: „Er hat das Buch damals aus der Schweiz besorgt. Später habe ich dann bei der ersten Verfilmung mitgemacht, mit Joseph Strick.“ Suschitzky schmunzelt: „Es war ein ehrlicher Versuch, eine unmögliche Sache zu machen.“

Über eine Zwischenstation in Holland
landete der junge Mann mit der Rolleiflex in London und begann auf der Charing Cross Road zu fotografieren: „Die hat mir so gut gefallen, wegen meinem Vater. Die ganze Straße war voll mit Buchhandlungen.“ Diese Aufnahmen, meint er, gehörten immer noch zu seinen besten: „Als Außenseiter hat man einen ganz anderen Blick auf die Dinge, man sieht das Besondere im Alltäglichen.“ Durch diese Bilder wurde der britische Dokumentarfilmer Paul Rotha auf ihn aufmerksam, mit dem er dann Dutzende Filme drehte, über jugendliche Kriminelle, Bergarbeiter, irische Zigeuner.

Seine eigene Rolle in diesen Produktionen spielt er herunter: „Ich wollte nie ein Künstler sein. Sondern nur ein guter Handwerker.“ Umso mehr freue es ihn, dass sowohl Sohn Peter als auch Enkel Adam erfolgreiche Kameramänner geworden sind: „Es muss in den Genen sein, vielleicht. Aber sie haben mich schon längst überflügelt.“

Anders als viele jüdische Emigranten, die nach dem Holocaust nie wieder in ihre Heimat zurückkehrten, besuchte Suschitzky Österreich schon ein paar Jahre nach Kriegsende: „Zum Maturatreffen. Es war sehr nett. Man hat keinen Antisemitismus gezeigt. Ich weiß genau, dass ein oder zwei meiner Mitschüler Nazis waren, aber sie haben sich sehr gut benommen.“ Ob er selbst keinen Zorn spüre? „In mir ist nicht viel Zorn. Höchstens Verachtung.“

Wenn nach all den Feiern wieder etwas Ruhe eingekehrt ist, will Suschitzky sich seiner neuesten Errungenschaft widmen: seiner ersten digitalen Spiegelreflexkamera. „Die habe ich mir selbst zum Geburtstag geschenkt“, meint er fast ein bisschen verschämt: „Ich weiß noch gar nicht recht, wie die funktioniert. Ich muss erstmal das Manual studieren.“ Das Lebenswerk von Wolf Suschitzky ist noch nicht vollendet.

Zur Person
Wolf Suschitzky, geboren am 29. August 1912 in Wien, emigrierte 1934 nach London. Er war Kameramann für fast 200 Filme, darunter Klassiker wie „Entertaining Mr. Sloane“ und „Theatre of Blood“. Daneben ist er Fotograf: Die Tate Gallery zeigt derzeit einige seiner Bilder in der Gruppenschau „Another London“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.08.2012)

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1 Kommentare
Gast: Der Simmeringer
29.08.2012 10:05
2 0

Typisch

Zum 100er das Verdienstkreuz. Wohl aus der Zeitung erfahren, der Herr Botschafter. Das ist Österreich!