19.06.2013 12:31 Merkliste 0

Barbaros Cakir: Von Izmir nach Innsbruck

01.09.2012 | 18:15 |  von köksal baltaci (Die Presse)

Barbaros Cakir ist der einzige türkische Bergführer sowie Snowboardlehrer Tirols. Berge bedeuten für ihn Freiheit – und eine Möglichkeit, die Integration von Migranten voranzutreiben.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Er ist ein Kind des Meeres und wurde zum Freund der Berge. Jetzt lassen sie ihn nicht mehr los. Eine große Liebe – allerdings erst auf den zweiten Blick. Denn als Barbaros Cakir vor acht Jahren für sein Studium aus der Türkei nach Innsbruck kam, haben ihn „die Berge fast erdrückt“, wie er sagt. Der 36-Jährige wuchs in der Küstenmetropole Izmir auf – heute ist er der einzige türkische Bergsportführer, Personal Trainer sowie Snowboardlehrer Tirols.

„Ich war an die Weite des Meeres gewöhnt“, sagt Cakir. „Daher habe ich in Tirol von Anfang an jede Gelegenheit genutzt, um auf die Berge zu gehen. Ich glaube ja fest daran, dass der geistige Horizont eines Menschen auch von seinem Blickfeld abhängt. Zudem habe ich auf 2000 Meter Höhe etwas Trost gefunden und versucht, die Sehnsucht nach meiner Heimat zu stillen.“

Die Jahre vergingen, und aus dem Hobby wurde eine Leidenschaft – mittlerweile sogar sein Beruf. Cakir, der einen Abschluss in Gesundheits- und Leistungssport hat, gründete zusammen mit der Hobbysportlerin Sabine Tschiderer den Sportverein Akut und konnte nach und nach immer mehr Türken dafür begeistern, Bergtouren zu machen und Ski bzw. Snowboard zu fahren. „Der Vorwand, dass es keine türkischen Lehrer gibt, galt schließlich nicht mehr.“


Mundpropaganda. Zu seinen Kunden zählen aber nicht nur Migranten aus der Türkei und anderen Ländern; mehr als die Hälfte der Teilnehmer an seinen Bergtouren sind Einheimische. Vermittelt werden sie ihm vom Land und der Sportunion Tirol, mit der sein Verein zusammenarbeitet. „Immer mehr Menschen erreichen uns auch über Mundpropaganda“, so Cakir. Wanderungen und Bergtouren seien der perfekte Ausgleich sowohl zu körperlich anstrengenden Berufen als auch zu Bürojobs, bei denen die Bewegung auf der Strecke bleibe. „Leute, die erkennen, wie gut ihrem Körper und Geist die Natur tut, erzählen das weiter und motivieren Freunde und Bekannte, ebenfalls an Touren teilzunehmen.“


Unerledigte Mission. Ein Türke als Bergführer – für manchen traditionsbewussten Tiroler ein ungewohnter Anblick. „Es kam schon mal vor, dass sich manche anfangs etwas skeptisch zeigten, aber nach einer gemeinsamen Tour waren jegliche Berührungsängste verflogen“, sagt Cakir. „Türken und Tiroler, die einen Berg hinaufsteigen, schnell per Du sind, einander helfen, zuhören und einen schönen Tag miteinander verbringen – das ist gelebte Integration, die mir ein Anliegen ist und die ich fördern will.“

Und die der Grund dafür ist, dass er trotz attraktiver Angebote aus der Türkei nicht in seine alte Heimat zurückkehren will. „Ich könnte jederzeit nach Izmir zurückkehren und an meiner Stammuniversität zu unterrichten beginnen. Ein konkretes, ausgesprochen lukratives Angebot liegt vor“, verrät Cakir. „Aber ich spüre, dass ich in Österreich mehr gebraucht werde als in der Türkei. Ich habe in Tirol den Anfang für etwas sehr Wertvolles gemacht, das ich nicht einfach so stehen und liegen lassen will.“

Das positive Feedback der Menschen sei die größte Motivation weiterzumachen. „Um den Leuten zu helfen, ein gesünderes Leben zu führen und meinen Beitrag zur Integration zu leisten. Mein Motto lautet: Wer die Natur liebt, liebt auch die Menschen. Das will ich den Leuten näherbringen. Irgendwann, wenn ich der Meinung bin, dass ich in diesem Punkt meine Mission erfüllt habe und es in Österreich genug Leute mit Migrationshintergrund gibt, die meinen Job machen, werde ich in die Türkei zurückkehren.“

Eine Vision, die schneller zur Wirklichkeit werden könnte, als Cakir vielleicht denkt. Denn in Niederösterreich haben Ende Juni 15 Männer und Frauen aus 14 Nationen – darunter die Türkei, Iran, Russland, Indien, der Kongo und auch Österreich – im Rahmen eines Pilotprojektes die mehrmonatige Ausbildung zum Wanderführer begonnen. Die rund 400 Euro teure Ausbildung wird vom österreichischen Integrationsfonds bezahlt. Das Wissen vermitteln Experten des Alpenvereins Niederösterreich, der Naturfreunde und des Verbands alpiner Vereine. Im Basisseminar werden Tourenplanung, Orientierung, Erste Hilfe und Wetter- bzw. Naturkunde unterrichtet sowie wird über die rechtliche Verantwortlichkeit der Bergführer informiert. Bereits nach dem Abschluss der Grundausbildung können die Teilnehmer selbstständig Wanderungen in der engeren Umgebung organisieren und durchführen, um das Erlernte auch gleich praktisch anzuwenden.


Migranten in Vereinen.
„Die Ausbildung vermittelt darüber hinaus auch Hintergrundwissen über Traditionen, Kultur und Lebensweise im ländlichen Raum und führt so zu einem besseren gegenseitigen Verständnis“, sagt Michael Huber-Strasser, Leiter des Integrationszentrums Wien. „Die Teilnehmer bringen individuelle kulturelle Besonderheiten und Erfahrungen in die Gruppe ein. So profitieren alle Teilnehmer – auch jene, die aus Österreich stammen – vom interkulturellen Austausch.“

Ein erklärtes Ziel des Projekts ist auch die Einbindung von Migranten in Vereine wie etwa in den Österreichischen Alpenverein. „Die Mitgliedschaft in einem Verein fördert die Integration“, sagt Huber-Strasser. „Dass sich traditionelle Vereine für Migranten öffnen, ist ein wichtiger Schritt.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.09.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

Mehr auf DiePresse.com

1 Kommentare
Gast: Es ist alles sehr kompliziert
03.09.2012 19:42
0 0

Bitte mehr von solch wunderbaren Artikeln....

Die Leser sind ganz scharf auf diese Themen....