Sie war Muse von David Lynch, Regisseurin, Stilikone und Topmodel. Aber vor allem ist Isabella Rossellini bekannt als Tochter zweier Film-Mythen: Ingrid Bergman und Roberto Rossellini.
Für welche Generation sind Liebe und Beziehungen komplizierter: für Ihre oder die der 30-Jährigen, der Ihre Tochter angehört?
Isabell Rossellini: Ich glaube, in den 60ern waren Beziehungen am schwierigsten, weil sich die Strukturen im Umbruch befanden. Meine Tochter ist verlobt, ich bin sehr zuversichtlich, dass ihre Ehe lang halten wird. Elettra arbeitet und studiert, sie ist sehr feministisch, aber sie möchte auch eine ganz traditionelle Familie aufbauen, etwas, das ich ja nie gehabt habe. Ich bin überzeugt: Diese Generation ist wesentlich konservativer als wir damals in den 60ern.
Ihre Eltern trennten sich, als Sie fünf waren. Haben Sie Erinnerungen an diese Zeit?
Wenig. Meine Mutter war ein Jahr nach der Scheidung wieder verheiratet. Daher blieben wir Kinder zwei Jahre lang mit einem Kindermädchen im Hotel Rafael in Rom, gegenüber der Wohnung meines Vaters! (lacht) Vor dem Hotel Rafael lauerten uns ständig Paparazzi auf, überallhin folgte uns die Presse. Ganz so wie heute bei Brad Pitt und Angelina Jolie. Die Welt da draußen habe ich als aggressiv empfunden.
Hat die Trennung Sie sehr mitgenommen?
Mir war es fast wichtiger, dass die Filme meines Vaters erfolgreich sind und sie anerkannt werden. Das hat mich mehr beschäftigt als ihre Scheidung. Ich war ein echtes Vatertöchterchen.
Wo fühlen Sie sich heute zugehörig?
Meine Mutter lebte in Paris, mein Vater in Rom, und wir Kinder pendelten zwischen ihnen. Englisch habe ich erst mit 19 gelernt, in New York, wo ich dann auch anfing, fürs Fernsehen zu arbeiten. Jetzt lebe ich schon seit fast 40 Jahren in den USA. Aber die Zeit, die den größten Einfluss auf mich hatte, war meine Teenagerzeit, war Rom.
Sie waren in eindrucksvollen Filmen zu sehen. Sind es viele Angebote, die Ihnen heute ins Haus flattern?
Schön wär's. Je älter man wird, desto weniger werden die Filme, für die man dich haben will. Es lohnt sich für mich nicht einmal mehr, einen Agenten zu beschäftigen. Vielleicht wären sie auch genervt, weil ich keine Lust habe, Gastauftritte in TV-Serien zu geben oder in Sitcoms aufzutreten. Das machen die Älteren oft – oder spielen Theater.
Wäre das nichts für Sie?
Ich habe es probiert, aber es fällt mir schwer, wahrscheinlich, weil Englisch nicht meine Muttersprache ist. Im Theater hängt so viel von der Stimme, den Nuancen ab. Da fällt mit Fotografie oder Bildsprache leichter. Wenn ich Englisch rede, muss ich immer kleine Tänzchen nebenbei aufführen. Französisch, Englisch und Italienisch spreche ich alle flüssig, aber irgendwie ist keine Sprache wirklich meine geworden.
Hat Ihr Vater Ihre Filmerziehung beeinflusst?
Lustigerweise wollte er gar nicht, dass wir Kinder Filme schauen. Zuhause herrschte bei dem Thema eine unglaubliche Spannung: Denn meine Mutter war ja förmlich aus Amerika vertrieben worden, als die Affäre mit meinem Vater an die Öffentlichkeit kam. Daher hegte mein Vater immer eine große Abneigung gegen Hollywood und kommerzielle Filme. Die einzige Ausnahme war Charlie Chaplin. Von ihm stand sogar ein Foto auf seinem Schreibtisch, samt Autogramm und Widmung.
Dass Sie die Tochter der legendären Ingrid Bergman sind, ist bekannt. Haben Sie von ihr Dinge, die weniger bekannt sind?
Ein paar deutsche Wörter. Meine Großmutter war ja Deutsche. Bis heute ist in unserer Familie ein Wort haften geblieben, das wir alle benutzen: „Gebiss“.
Sie haben ein ungewöhnliches Hobby: Sie richten Blindenhunde ab.
Hunde sind das Größte. Die Beziehung zu Hunden erreicht eine andere Ebene von Zuneigung als die zwischen Menschen. Dass ich Blindenhunde erziehe, ist eigentlich nur eine Maßnahme, damit ich nicht weiter streunende Hunde bei mir aufnehmen. Wenn ich einen fand, nahm ich ihn mit, bis das Haus voller Hunde war und meine Haushälterin mit Kündigung drohte. Da dachte ich mir, es wäre gut, da etwas Ordnung hineinzubringen. Ich bilde die Hunde für eine Stiftung aus. Sie kommen als Welpen zu mir, ich ziehe sie auf und bilde sie aus, und wenn sie mich dann verlassen, trifft es mich nicht so schlimm.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.09.2012)
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