Sein Revier war früher der Elfmeterraum auf dem Fußballplatz. Jetzt ist es die ganze Welt. Vor allem jene Teile, die sich nicht hinter Mauern und Dächern verstecken: alles, was „draußen“ ist auf dem Planeten. Kein kleines Wohnzimmer, das sich Bobby Dekeyser vor einigen Jahren vorgenommen hat einzurichten – mit Outdoor-Möbeln. Und in dem er heute von einer in die andere Ecke jettet. Er bewegt sich gern. Im Kopf wie in der Luft. Fixes Büro hat er keines. Bewusst, sagt er. Schließlich sind seine Fixpunkte nicht die Orte, sondern die Menschen, die ihn begleiten. Ansonsten: „Ich hänge an nichts“, sagt Dekeyser. Und meint die Dinge. „Das eigene Flugzeug habe ich mir geleistet, aus logistischen Gründen.“ Schließlich war er allein im letzten Monat in 20 Ländern unterwegs, wie er dem „Schaufenster“ erzählt. Vor über 23 Jahren hätte er damit nicht gerechnet. Als er da lag, im Krankenhaus in München, das halbe Gesicht zertrümmert. Damals gründete er „Dedon“, vom Spitalsbett aus. Ohne nur irgendwie zu ahnen, dass es Outdoor-Möbel sein sollten, mit denen er so erfolgreich wird.
In Leuven wurde Dekeyser geboren. Aufgewachsen ist er in Belgien, Österreich und Deutschland. Neun Schulen besuchte er in jungen Jahren, um später überhaupt in keine mehr zu gehen. Denn gemeinsam hatten die Schulen eines: Das Klassenzimmer war ihm immer zu eng. Das Bauchgefühl leitete ihn in eine größere Welt. Zumindest so lang und breit wie ein Fußballfeld war sie. Ein Nachwuchswettbewerb führte den jungen Torwart nach New York. Und da traf er selbst einen Mutmacher – Pelé. „Folge einfach deinem Traum. Dann kann alles passieren“, riet er ihm. Und als Jean-Marie Pfaff, die belgische Torwartlegende, ihn mit 19 Jahren plötzlich zu Bayern München lotste, da schien Pelé schon ziemlich früh recht zu behalten. Doch: Bevor die Karriere noch richtig in die Gänge kommen konnte, prallte ein Ellbogen in sein Leben. Ein Gegenspieler zertrümmerte sein halbes Gesicht. Im Krankenhaus gefesselt – seine Karriere war trotz allem erst am Anfang – entschied er sich, das Unvernünftige zu tun. „Ich habe mich schlecht behandelt gefühlt“, erklärt Dekeyser. Die Zeitungen, nicht der Verein selbst, verrieten, dass sein Torwartnachfolger schon bestellt war. „Es war natürlich eine wirtschaftlich sinnlose, unvernünftige Entscheidung.“ Und die führte ihn schnurstracks ins Unternehmertum. Der Name „Dedon“ war schneller gefunden als der Plan, womit man eigentlich Geld verdienen wollte. Doch heute weiß er, viele Jahre Erfahrungen, Höhen und Tiefen später: Er hat das Richtige getan.
Folge dem Instinkt. Dann darf man auch mit dem Falschen anfangen: Ski wollte man verkaufen, das war die ursprüngliche Idee. Mit Airbrush-Motiven dekoriert. Sie stapelten sich in einem 1000-Quadratmeter-Kuhstall. Und wurden nicht weniger, weil keiner sie wollte. Zum Glück kam irgendwann Dekeysers Schwester mit einer Bastgiraffe aus Madagaskar nach Hause. Und die wollten plötzlich alle. 15.000 Stück wurde sie à 50 Euro los. Das rettete das junge Unternehmen. Und Dekeyser hatte endlich Ruhe, sich Größerem zu widmen: Dem Wohnzimmer draußen, also den Outdoor-Möbeln. Und bald hatte er auch das Zeug dazu: eine passende Synthetikfaser. Sein Onkel arbeitete in der Kunststoffbranche. Gemeinsam tüftelten sie am Material, das schließlich so wurde, dass es auch erfolgreich werden konnte: weich und stark zugleich. Und natürlich absolut wetterbeständig. Fehlte nur noch die Technik, die aus dem Material auch Möbel entstehen lässt. Auf den Philippinen fand er, was er suchte: die Flechtkunst. „Dort sind die besten Flechter der Welt“, erzählt Dekayser. Und noch ganz andere Dinge zu Hause. „Die Liebenswürdigkeit, die offenen Augen, das Verspielte.“ All das hat Dekeyser fasziniert. Und seitdem kommen die Dedon-Produkte auf der Insel Cebu auf die Welt. Die Idee war fertig geschmiedet. Dedon war bereit. Und irgendwann war auch die Welt so weit.
Der Erfolg kam, als Hervé Lampert kam. Vom Praktikanten zum CEO, eine Karriere, wie sie Dekeyser nur gefallen konnte. Er sollte die Produktion aufbauen. Und auch diese Entscheidung fällte nicht Dekeysers Vernunft, sondern sein Gefühl. „Ich verlasse mich auf die Intuition, auf diesen Moment, in dem man weiß, ob etwas richtig ist oder nicht.“
Heute arbeiten auf Cebu fast 2000 Mitarbeiter. Das Flechten hat Dedon von ihnen gelernt. Und auch die Kunst der Improvisation, das Neugierigbleiben. „Wir sind damals nicht gekommen als Allwissende. Wir lernen zehnmal mehr von den Bewohnern dort“, sagt Dekeyser. Auch von jenen, die es viel schlechter haben als die Mitarbeiter in der Dedon-Produktion. Jene, die auf Müllhalden hausen müssen. „Dort kann jeder alles. Einfach, weil sie es können müssen.“ Mit seiner Stiftung „Dekeyser & Friends“, in die ab 2012 zehn Prozent der Gewinne fließen, hat er 500 Menschen vom Müll in ein würdiges Zuhause umgesiedelt. Die Stiftung hat sich zum Ziel gesetzt, junge Menschen aus aller Welt ihren Träumen ein wenig näherzubringen. Indem man sie mit erfahrenen Persönlichkeiten zusammenbringt.
Bewegungsdrang. „Im ganzen Leben ist es entscheidend, in Bewegung zu bleiben“, sagt Dekeyser. Wahrscheinlich wäre auch der Elfmeterraum im Stadion für ihn zu wenig Auslauf gewesen. Und stillstehen darf auch das Geld nicht, befindet er. Vor allem auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten. „Nichts ist fix. Außer die Bewegung und die Kreativität. Alles andere ist Scheinsicherheit“, sagt Dekeyser. Und sieht, dass viele Jugendliche zwar reisen und von Ort zu Ort hüpfen. Aber vor allem mit der Maus durchs Internet. „Im Internet macht man keine realen Erfahrungen. Sondern die Erfahrungen anderer.“ Mit dem Rucksack in die wirkliche Welt würde Dekeyser sie am liebsten schicken. So wie er anfangs sich selbst und seine Familie aus Deutschland in eine neue Welt verfrachtet hat, auf die Philippinen.
Viel Zeit im Flugzeug hat Dekeyser schon immer verbracht. Früher hat er bei den Stewardessen nicht nur einmal humpelnd einen Bänderriss fingiert, um vielleicht kulanterweise ein Businessclass-Upgrade zu bekommen. Diese Zeiten sind vorbei. Heute hat er sich selbst upgegradet – zum eigenen Jet. Mit ihm fliegt er zu den Menschen, um „mit ihnen an Ideen herumzuspinnen. Bis jemand sagt: He, das geht zu weit.“ Eine neue Abzweigung in seiner Biografie ist schon in Sicht: „Mich zieht’s in Richtung Film. Kürzlich war ich beim Dreh. Ich spiele einen Österreicher in einem Baseball-Match. Zehn Minuten lang.“
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