Er heißt Jockel Weichert und bestellt sich einen Caffè (Kaffee!) Latte im Glas. Den schwäbischen Akzent hat er vor langer Zeit abgelegt, daher spricht er reinstes Hochdeutsch. Mittlerweile könne Weichert auch das machen, was in Wien vor zehn Jahren keine bequeme Angelegenheit gewesen sei: öffentlich für die deutsche Fußballmannschaft jubeln.
Am Dienstag ist es wieder so weit. WM-Qualifikation in Wien, Österreich gegen Deutschland. „Ich würde den Österreichern einen Sieg gönnen“, sagt Weichert dazu, „es würde der Welt zeigen, dass der österreichische Fußball besser wird.“ Halten wird er aber zu Deutschland. Wie hunderte andere Deutsche, die sich am Dienstag Abend im Lokal „Adria Wien“ am Donaukanal treffen werden. Eingeladen zum „Piefke-Public-Viewing“ hat die „Piefke-Connection“, ein Netzwerk für in Österreich lebende Deutsche, die Weichert vor vier Jahren gegründet hat.
Anstoß war die Fußball-EM 2008. Bis dahin hat sich Weichert bei Fußballgroßereignissen viele „depperte Sprüche“ anhören müssen, erzählt er. Dass die Deutschen immer unverdient im Finale gewesen seien, zum Beispiel. So habe er beschlossen, Fußball mit seinesgleichen zu schauen. Mittlerweile gehen die Treffen der „Piefke-Connection“ über Fußball hinaus, es werden Tipps ausgetauscht, alle sind per Du und werden nicht mit dem Magistertitel angesprochen. Im Netzwerk Xing sind heute über 1600 Mitglieder in der „Piefke-Connection“ vernetzt, auf Facebook sind es weitere 500.
Weichert lebt seit 1999 in Österreich, der Job hat ihn ins Land gespült. Heute führt er eine eigene PR-Agentur und vernetzt freiberuflich Neoösterreicher mit deutschem Migrationshintergrund. Die „Piefke-Connection“ hat seit Bestehen für ein entspanntes Verhältnis zwischen beiden Ländern gesorgt, meint Weichert. Zu den Piefke-Viewings und den Stammtischen kämen schließlich auch Österreicher.
Nicht ganz so deutschenfreundlich wie an der Donau wird es im „Roten Bogen“ am Gürtel zugehen – dort laden die Macher des Satiremagazins „Hydra“ zum Public Viewing. „Zuerst nehmen sie uns unsere Strandliegen in Italien weg, dann unsere Studienplätze und bei jedem Fußballgroßereignis den Gruppenplatz, der moralisch den Österreichern gehören würde“, heißt es von den Veranstaltern, die „den Triumph unserer Nudeltruppe heraufbeschwören“ wollen. Das soll so gehen: Zwei Kommentatoren, ein Deutscher (analytisch, nüchtern) und ein Österreicher (ein leidenschaftlicher Piefke-Hasser) liefern sich eine Doppelconference nach Vorbild des Songcontest-Kommentars von Grissemann und Stermann. Wobei das mit dem Deutschenhass freilich nicht ganz ernst gemeint ist.
Und den Fans in Schwarz-Rot-Gold scheint das Piefke-Bashing sogar zu gefallen: Sie haben beim letzten Public Viewing von Österreich gegen Deutschland der Hydra-Truppe den Großteil der Gäste gestellt. „Die Deutschen sind da unbeirrbar, es ist ihnen egal, wenn sie verspottet werden, sie wissen ja, dass sie am Ende sowieso gewinnen“, meint Curt Cuisine, der Mastermind der „Hydra“.
Und als Fan in Rot-Weiß-Rot auf die Niederlage zuzusteuern, umgeben von triumphierenden Deutschen, ist mit Anti-Deutsche-Kommentar wohl leichter zu ertragen. Vor allem aber mit einer großen Portion Spaß. Und Selbstironie. Auf beiden Seiten.
Großes Piefke-Public-Viewing. Adria Wien, Donaukanal, Salztorbrücke, 1020. Ab 18 Uhr, der Eintritt ist frei. „Cor-Do-Ber“ (sic!), Public Viewing. Roter Bogen, Lerchenfelder Gürtel 36, 1070, ab 20 Uhr, der Eintritt ist frei.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.09.2012)
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