Innenarchitekt darf er sich nennen. Möbeldesigner. Tänzer auch. Regisseur. Maler. Buchautor. Schuhdesigner. Letztere Bezeichnung ist zwar neu, soll allerdings im Jobcluster des Christopher Ciccone dauerhaft Platz finden. Früher hat Ciccone auch designt, getanzt und (Musik-)Filme gedreht, allerdings hatte er damals nur eine einzige Kundin: seine ältere Schwester, die Sängerin Madonna.
Ciccone steht im weitläufigen Zelt vor dem Wiener Museumsquartier, hinter ihm werden in einer Reihe die blonden Models in weißen Unterhosen, Unterhemden und Kniestrümpfen geschminkt. Im Rahmen der Vienna Fashion Week hat Ciccone Samstagabend seine erste Schuhkollektion vorgestellt. Leistbar sollen seine Kreationen sein, erzählt er, zugänglich für jedermann. Die Schuhe sind sportlich, nicht arg bunt, wobei er sehr wohl mit Farben gearbeitet hat. Das Modell, das Ciccone selbst trägt, erinnert eindeutig an die Treter der heutigen Neo-Dandys – oder an den Unterweltschurken Al Capone.
Als die slowakische Schuhfirma Novesta mit der Frage an ihn herangetreten ist, ob er nicht Interesse an einer eigenen Kollektion habe, habe Ciccone erst einmal seinen Schrank geleert und seine Schuhe begutachtet: Wie wurden sie hergestellt, mit welchen Materialen, welchem Design? Bei seiner eigenen Kollektion habe sich Ciccone von der Kunst inspirieren lassen, wie er sagt. Seine Gemälde beispielsweise sind zwar farbenfroh, aber er scheint nicht verschwenderisch mit Pinselstrichen umzugehen. Dieser stoische Zugang gilt auch für die Schuhkollektion des 51-Jährigen.
Ciccone – er ist höflich und wirkt ruhig, lässig – stand lange Zeit im Schatten seiner berühmten Schwester. Er war ihr persönlicher Assistent, hat ihre etlichen Häuser eingerichtet, einige ihrer Musikvideos dirigiert und hatte auch die Oberhoheit über ihre (Bühnen-)Kleidung. Diese Zeit wolle er zwar nicht missen, wie Ciccone in mehreren Interviews und in seinem 2008 erschienenen Buch „Life With My Sister Madonna“ (auf Deutsch: „Meine Schwester Madonna und ich“) erzählt. Letzten Endes aber könne Madonna diktatorische Züge aufweisen. In anderen Worten: keine leichte Arbeitgeberin.
Der Bruch mit ihr kam, als Madonna vor zwölf Jahren den britischen Regisseur Guy Ritchie heiratete. Man kann nicht sagen, dass sich Ciccone und Ritchie mochten. Ganz im Gegenteil. In seinem Buch beschreibt er Ritchie als einen homophoben Menschen (Ciccone ist homosexuell), der einen Keil zwischen ihm und seiner Schwester getrieben hat.
Die Ehe ist mittlerweile zwar geschieden, Ciccones Beziehung zu Madonna ist aber – auch nach Erscheinen des für Madonna teils unschmeichelhaften Buches – nicht mehr so gut wie einst. Das dürfte allerdings nicht der einzige Grund sein, warum Christopher Ciccone nicht ausschließlich als „Madonnas Bruder“ wahrgenommen werden will. Seine vielseitige Arbeit als Künstler ist ein Zeichen dafür. Für die nächste Saison wolle er viel mehr mit Leder arbeiten, erzählt Ciccone. Er denke auch an das Kreieren von Accessoires. Seine erste Kollektion jedenfalls wurde nach der Fashion-Show zufrieden beklatscht. Das Besondere an diesen Schuhen sei erst einmal, dass sie von ihm designt wurden. Zudem habe er jeden Schuh von Grund auf neu kreiert – statt ein Grundmodell immer wieder anders zu interpretieren. Und genau das unterscheide ihn auch von anderen Schuhdesignern.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.09.2012)
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