Die Stille ist sonnmittäglich und selbstgenügsam. Gasthaus und Bar sind geschlossen, der Stiftsplatz mit Kirche und Gemeindeamt leer. Ab und zu brummt ein Auto vorbei, ansonsten aber ist der ganze Ort im „Pause“-Modus. David Schalko ist der Einzige, der auf der Straße zu sehen ist. Die Ruhe, sagt Schalko, habe aber nichts mit dem Sonntag zu tun: „Das ist hier immer so.“
Mit „hier“ ist Eisgarn gemeint, manchen eventuell besser als „Braunschlag“ bekannt. Die 694-Einwohner-Marktgemeinde (zu der u. a. auch Klein- und Groß-Radischen zählen) im nördlichen Waldviertel ist Hauptdrehort der gleichnamigen TV-Serie, die am Dienstag im ORF startet. Für sie ist der Regisseur und Drehbuchautor („Sendung ohne Namen“) in die Landschaft seiner Kindheit, der Ferien bei den Großeltern, zurückgekehrt. Und hat Nützliches mit Angenehmem verbunden: „Ich wollte einen klareren Zugang zu der Gegend bekommen – Kindheitserinnerungen funktionieren ja wie dreiminütige Super-8-Filme, die nicht die Gesamtheit zeigen.“
Die persönliche Mission wurde erfüllt, biografische Anspielungen finden sich aber nur in Details – Großmutters viele Katzen, eine Textilfabrik – wieder. Denn die Geschichte ist eher wild: Ein korrupter Bürgermeister (Robert Palfrader) und sein Freund, Discobesitzer (Nicholas Ofzarek) erfinden eine Marienerscheinung, um den Tourismus anzukurbeln und die durch windige Geschäfte ruinierte Gemeinde zu sanieren. Dazu gibt es heilende Meerschweinchen, Menschen in Hasenkostümen und Kellerverliesen. Und ja, getrunken wird auch viel.
Nicht noch ein Wunder
Dass Schalko selbst so etwas wie ein Marienwunder für Eisgarn geworden ist, das den Ort nun ein bisschen berühmt und ein bisschen reich macht, glaubt er nicht. Genauso wenig wie Eisgarns Bürgermeister Karl Mader (ÖVP). Natürlich hätten die viermonatigen Dreharbeiten der Region Geld gebracht (Hauptprofiteur war aber eher Litschau, wo die 60 Mann starke Crew untergebracht war). Aber Tourismuseffekte? Eher weniger. Anders als bei der pittoresken ORF-„Julia“-Serie in Retz wird Eisgarn nie erwähnt, und dass Menschen extra anreisen, um die, zugegeben, einzigartige Diskothek Löffler, die in der Serie eine wichtige Rolle spielt, zu besuchen, wagt nicht einmal Mader zu hoffen. Es hätte auch wenig Sinn. Sie ist seit zwanzig Jahren zugesperrt.
Kommen könnte man aber wegen der Leute. Die sind, findet Schalko, „vom Geld noch nicht so verdorben“ und „gelassen“. Beides habe man bei den Dreharbeiten beobachten können: „Die Menschen sind hilfsbereit. Der erste Satz ist nicht gleich: ,Das macht aber so und so viel.‘“ Bei der Arbeit sei das Team in Ruhe gelassen worden. Auch jetzt registriert der Bürgermeister weder „Euphorie noch Empörung.“ Bloß sehr viel Gleichmut: Ein Public Viewing zum Sendestart war zwar irgendwie geplant, kam aber doch irgendwie nicht zustande. Man werde sehen. Nur eines bereitet dem Bürgermeister noch Bauchweh: St.Pölten. Schalko spielt in „Braunschlag“ offen auf „Landesfürstenstrukturen“ an („die ich anhand von Niederösterreich erzählen kann, weil ich mich hier auskenne“) und auf den „Papa Staat“, der vom „Onkel“ (gut erkennbar: Erwin Pröll) und Raiffeisen gelenkt wird. „Ich habe Christian Konrad zufällig im Schweizerhaus gesehen, er hat sehr gut reagiert. Ich glaube, diese Menschen sind so mächtig, dass sie das mit viel Humor nehmen können“, sagt Schalko. Die niederösterreichische Filmförderung hat man aber nicht bekommen. Aus budgetären Gründen, wie es heißt.
Das letzte Tabu: Islam
Auch sonst sind empörte Reaktionen ausgeblieben. Etwa von der Kirche, die sich zuletzt von Regisseur Ulrich Seidl provoziert fühlte. In der Serie gibt es eine (relativ harmlose) Onanieszene eines Priesters im Beichtstuhl: „Ich glaube nicht, dass da etwas kommt, weil das in Wahrheit eh eine Werbeveranstaltung für die katholische Kirche ist. Die Dinge, die wirklich schlimm sind, wurden nicht thematisiert“, sagt Schalko. Echte Tabubrüche sähen anders aus: Das Islamthema etwa würde ihn reizen. Ein Projekt sei in der Schublade, aber: „Wenn man es jetzt macht, sieht es wie eine Reaktion auf das aus, was gerade passiert.“ Gemeint sind die blutigen Proteste gegen den Film „The Innocence of Muslims“. Auch wenn der Film schlecht sei, müsse er möglich sein, findet Schalko: „Ich nehme mir auch die Freiheit heraus, solche Dinge über die katholische Kirche zu schreiben, warum soll das beim Islam nicht möglich sein? Das ist ein Manko des Islams, nicht unserer Gesellschaft.“ Warum seien die Empfindlichkeiten religiöser Menschen immer mehr wert? „Da geht es einfach nur um Angstkonsequenzen. Aber, zugegeben, ich würde mich auch nicht in eine Moschee stellen und etwas Anti-Islamistisches sagen. Ich hätte auch Angst.“
Männerfreundschaft – im Film, in echt
Inzwischen sitzt Schalko nicht mehr am Stiftsplatz in Eisgarn, sondern im Freibad in Litschau. Im Ortszentrum ist das „Erpfl-Grätzl-Festl“ im Gange, in der Freizeitanlage einiges los. Im Bad wurde das Finale von „Braunschlag“ inszeniert, eine wichtige Szene der großen Männerfreundschaft in dieser Geschichte, die alles überlebt – Betrug, radioaktiven Müll. Auch in Schalkos Leben spielen Freundschaften eine Rolle. Manche sprechen von einer „Künstler-Clique“, die oft und gern zusammenarbeitet (Thomas Maurer, Thomas Glavinic, Benjamin Stuckrad-Barre etc.). „Natürlich ist es angenehm, wenn man weiß, wie jemand tickt“, sagt Schalko. „Aber ich besetze niemanden, weil er mein Freund ist.“ Österreich sei eben ein so kleines Land, dass es nicht ausbleibe, dass man „fünfzig Prozent der Leute, die auf Augenhöhe arbeiten, gut kennt“. Außerdem seien Kooperationen aufgrund von Freundschaft und ähnlichen Visionen Alltag in der Kunst.
Apropos ähnliche Visionen: Die „Braunschlag“-Hauptdarsteller und Schalko-Freunde Palfrader und Ofzarek zählen zu den gar nicht wenigen enthusiastischen, oft prominenten Waldviertel-Zweitwohnsitzern. Schalko hegt keine Rückkehrpläne. Das Waldviertel sei zu weit weg, zu kalt. Überhaupt, sagt er beim Wegfahren: „Ich bin nicht oft da, eigentlich nie.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.09.2012)
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