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David Schalkos Waldviertel: "Ich bin eigentlich nie da"

17.09.2012 | 18:16 |  von Ulrike Weiser (Die Presse)

Regisseur und Drehbuchautor David Schalko stattete mit der achtteiligen TV-Serie "Braunschlag" der Landschaft seiner Kindheit einen Besuch ab. Und hat Nützliches mit Angenehmem verbunden.

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Die Stille ist sonnmittäglich und selbstgenügsam. Gasthaus und Bar sind geschlossen, der Stiftsplatz mit Kirche und Gemeindeamt leer. Ab und zu brummt ein Auto vorbei, ansonsten aber ist der ganze Ort im „Pause“-Modus. David Schalko ist der Einzige, der auf der Straße zu sehen ist. Die Ruhe, sagt Schalko, habe aber nichts mit dem Sonntag zu tun: „Das ist hier immer so.“

Mit „hier“ ist Eisgarn gemeint, manchen eventuell besser als „Braunschlag“ bekannt. Die 694-Einwohner-Marktgemeinde (zu der u. a. auch Klein- und Groß-Radischen zählen) im nördlichen Waldviertel ist Hauptdrehort der gleichnamigen TV-Serie, die am Dienstag im ORF startet. Für sie ist der Regisseur und Drehbuchautor („Sendung ohne Namen“) in die Landschaft seiner Kindheit, der Ferien bei den Großeltern, zurückgekehrt. Und hat Nützliches mit Angenehmem verbunden: „Ich wollte einen klareren Zugang zu der Gegend bekommen – Kindheitserinnerungen funktionieren ja wie dreiminütige Super-8-Filme, die nicht die Gesamtheit zeigen.“

Die persönliche Mission wurde erfüllt, biografische Anspielungen finden sich aber nur in Details – Großmutters viele Katzen, eine Textilfabrik – wieder. Denn die Geschichte ist eher wild: Ein korrupter Bürgermeister (Robert Palfrader) und sein Freund, Discobesitzer (Nicholas Ofzarek) erfinden eine Marienerscheinung, um den Tourismus anzukurbeln und die durch windige Geschäfte ruinierte Gemeinde zu sanieren. Dazu gibt es heilende Meerschweinchen, Menschen in Hasenkostümen und Kellerverliesen. Und ja, getrunken wird auch viel.

 

Nicht noch ein Wunder

Dass Schalko selbst so etwas wie ein Marienwunder für Eisgarn geworden ist, das den Ort nun ein bisschen berühmt und ein bisschen reich macht, glaubt er nicht. Genauso wenig wie Eisgarns Bürgermeister Karl Mader (ÖVP). Natürlich hätten die viermonatigen Dreharbeiten der Region Geld gebracht (Hauptprofiteur war aber eher Litschau, wo die 60 Mann starke Crew untergebracht war). Aber Tourismuseffekte? Eher weniger. Anders als bei der pittoresken ORF-„Julia“-Serie in Retz wird Eisgarn nie erwähnt, und dass Menschen extra anreisen, um die, zugegeben, einzigartige Diskothek Löffler, die in der Serie eine wichtige Rolle spielt, zu besuchen, wagt nicht einmal Mader zu hoffen. Es hätte auch wenig Sinn. Sie ist seit zwanzig Jahren zugesperrt.

Kommen könnte man aber wegen der Leute. Die sind, findet Schalko, „vom Geld noch nicht so verdorben“ und „gelassen“. Beides habe man bei den Dreharbeiten beobachten können: „Die Menschen sind hilfsbereit. Der erste Satz ist nicht gleich: ,Das macht aber so und so viel.‘“ Bei der Arbeit sei das Team in Ruhe gelassen worden. Auch jetzt registriert der Bürgermeister weder „Euphorie noch Empörung.“ Bloß sehr viel Gleichmut: Ein Public Viewing zum Sendestart war zwar irgendwie geplant, kam aber doch irgendwie nicht zustande. Man werde sehen. Nur eines bereitet dem Bürgermeister noch Bauchweh: St.Pölten. Schalko spielt in „Braunschlag“ offen auf „Landesfürstenstrukturen“ an („die ich anhand von Niederösterreich erzählen kann, weil ich mich hier auskenne“) und auf den „Papa Staat“, der vom „Onkel“ (gut erkennbar: Erwin Pröll) und Raiffeisen gelenkt wird. „Ich habe Christian Konrad zufällig im Schweizerhaus gesehen, er hat sehr gut reagiert. Ich glaube, diese Menschen sind so mächtig, dass sie das mit viel Humor nehmen können“, sagt Schalko. Die niederösterreichische Filmförderung hat man aber nicht bekommen. Aus budgetären Gründen, wie es heißt.

 

Das letzte Tabu: Islam

Auch sonst sind empörte Reaktionen ausgeblieben. Etwa von der Kirche, die sich zuletzt von Regisseur Ulrich Seidl provoziert fühlte. In der Serie gibt es eine (relativ harmlose) Onanieszene eines Priesters im Beichtstuhl: „Ich glaube nicht, dass da etwas kommt, weil das in Wahrheit eh eine Werbeveranstaltung für die katholische Kirche ist. Die Dinge, die wirklich schlimm sind, wurden nicht thematisiert“, sagt Schalko. Echte Tabubrüche sähen anders aus: Das Islamthema etwa würde ihn reizen. Ein Projekt sei in der Schublade, aber: „Wenn man es jetzt macht, sieht es wie eine Reaktion auf das aus, was gerade passiert.“ Gemeint sind die blutigen Proteste gegen den Film „The Innocence of Muslims“. Auch wenn der Film schlecht sei, müsse er möglich sein, findet Schalko: „Ich nehme mir auch die Freiheit heraus, solche Dinge über die katholische Kirche zu schreiben, warum soll das beim Islam nicht möglich sein? Das ist ein Manko des Islams, nicht unserer Gesellschaft.“ Warum seien die Empfindlichkeiten religiöser Menschen immer mehr wert? „Da geht es einfach nur um Angstkonsequenzen. Aber, zugegeben, ich würde mich auch nicht in eine Moschee stellen und etwas Anti-Islamistisches sagen. Ich hätte auch Angst.“

 

Männerfreundschaft – im Film, in echt

Inzwischen sitzt Schalko nicht mehr am Stiftsplatz in Eisgarn, sondern im Freibad in Litschau. Im Ortszentrum ist das „Erpfl-Grätzl-Festl“ im Gange, in der Freizeitanlage einiges los. Im Bad wurde das Finale von „Braunschlag“ inszeniert, eine wichtige Szene der großen Männerfreundschaft in dieser Geschichte, die alles überlebt – Betrug, radioaktiven Müll. Auch in Schalkos Leben spielen Freundschaften eine Rolle. Manche sprechen von einer „Künstler-Clique“, die oft und gern zusammenarbeitet (Thomas Maurer, Thomas Glavinic, Benjamin Stuckrad-Barre etc.). „Natürlich ist es angenehm, wenn man weiß, wie jemand tickt“, sagt Schalko. „Aber ich besetze niemanden, weil er mein Freund ist.“ Österreich sei eben ein so kleines Land, dass es nicht ausbleibe, dass man „fünfzig Prozent der Leute, die auf Augenhöhe arbeiten, gut kennt“. Außerdem seien Kooperationen aufgrund von Freundschaft und ähnlichen Visionen Alltag in der Kunst.

Apropos ähnliche Visionen: Die „Braunschlag“-Hauptdarsteller und Schalko-Freunde Palfrader und Ofzarek zählen zu den gar nicht wenigen enthusiastischen, oft prominenten Waldviertel-Zweitwohnsitzern. Schalko hegt keine Rückkehrpläne. Das Waldviertel sei zu weit weg, zu kalt. Überhaupt, sagt er beim Wegfahren: „Ich bin nicht oft da, eigentlich nie.“

Auf einen Blick
Am Dienstagabend,startet um 20.15 Uhr auf ORF eins David Schalkos achtteilige Serie „Braunschlag“. Robert Palfrader versucht darin als Bürgermeister des gleichnamigen (fiktiven) Waldviertler Dorfes gemeinsam mit einem von Nicholas Ofczarek verkörperten Freund die marode Gemeindekasse mittels einer inszenierten Marienerscheinung aufzupäppeln. Die „Braunschlag“-DVDs haben sich bereits 15.000 Mal verkauft.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.09.2012)

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18 Kommentare
Gast: tiefenb
19.09.2012 20:28
0 0

"Schalko hegt keine Rückkehrpläne."

"Schalko hegt keine Rückkehrpläne."

Unterschied von Schalko zu Palfrader, Ofzarek, Hader, Wolf und Co. and W4-Promis ist, dass die dort nicht aufgewachsen sind. ;-)

"Braunschlag"

Langweilige Bedienung ausgewerkelter Rollenklischees, mit genretypischem ORF-Humor.
Vorhersehbare Witzchen, dargebracht von Darstellern, die sich nicht verstellen brauchen, sondern einfach sich selbst spielen.
Ein "Braunschlag" ins Wasser!

Antworten Gast: schlÄchter
20.09.2012 12:54
0 0

Re: "Braunschlag"

sg hijodeputin!
und zudem offenbar "abgekupfert":

http://de.wikipedia.org/wiki/Allein_unter_Bauern

episode "marienerscheinung"....

mfg
s.

Gast: woswasi2012
19.09.2012 14:34
2 0

Echt super Serie

Da werden die Waldviertler als immer besoffene Irre dargestellt. Scheint so, als hätt der werte Herr absolut keine Ahnung vom Waldviertel

5 3

Charisma im (Waldviertler) Keller

Habe eine Folge auf DVD gesehen:
Null Charisma der Schauspieler ( mit Ausname Ofzarek, der war aber auch schon besser) - Herrn Palfrader kann ich nicht bewerten, habe auch keine Ahnung warum uncharismatische und talentlose Laien da mitspielen müssen.

Null Charisma der halblustigen, zähen Geschichte.
Daher Null Charisma des Regisseurs ( ist der überhaupt einer? Ich habe da so meine Zweifel )
Film hat auch etwas mit Handwerk zu tun.
Anscheinend aber nicht für Gesinnungstreue im Politbiotop.

Antworten Gast: Bruder Kain
18.09.2012 11:30
3 1

Mitten im 8en auf ländlich...

Der Erfolg wird ähnlich sein.

Antworten Gast: uibel
18.09.2012 10:29
1 0

Re: Charisma im (Waldviertler) Keller

Nur um das einschätzen zu können:
welche der Unterhaltung dienende Miniserie findet unter Ihren strengen Augen Gefallen?

2 0

Re: Re: Charisma im (Waldviertler) Keller

Diese Serie setzt den Musikantenstadl mit anderen Mitteln fort. Für den, der den Musantenstadl "genial" findet, ist möglicherweise auch diese peinliche Kasperliade "genial". Darüber hinaus empfehle ich (unabhängig vom Inhalt!) einmal auf die Dialogführung zu achten. Texte aufsagen und monoton abspulen, um falsche Natürlichkeit vorzutäuschen, ist zwar leider eine Spezialität in vielen Österreichischen Filmen - kaschiert aber nur die nicht vorhandene Fertigkeit die Rolle und den Text mit Leben zu füllen. Und bitte nicht jetzt den Hinweis auf die Satire. Komödie und Satire erfordert weit mehr darstellerisches Vermögen und Ehrlichkeit, als so manches Drama. Tut leid, aber so kommen Hüttenabende oft natürlicher daher.

Re: Re: Charisma im (Waldviertler) Keller

So grotesk die Handlung gegen Schluss der Serie auch werden mag, so ist die Darstellung der Charaktere und der österr. Mentalität wohl so gelungen, dass der durchschnittliche "Aufrotfunkundgutmenschenschimpfer" dieser genialen Serie und deren genialen Schauspielern das "Charisma" abspricht. Mir scheint, da hat jemand ein neues Wort in seinen aktiven Sprachwortschatz aufgenommen.

großartige serie

Das ist mal ein pro-gis Argument

danke

habs schon lange auf dvd box gesehen. waren echt ein paar brüller dabei. schön das sich der orf sowas traut zu senden. bitte weiter so herr schalko.

Gast: gast:1
18.09.2012 07:03
4 6

Was

wäre der Herr Schalko eigentlich ohne den ORF?

Hat der auch anderswo irgendwelche Projekte laufen? Oder werkt er stets auf Kosten des Zwangsgebühren-Zahlers?

was an blödsinn

wird da den fernsehkonsumenten zugemutet. ich dachte nach all den eigenproduktionen des orf: schlimmer geht`s nimmer! doch!

Erwähnenswert wäre noch das auch im ...

... Waldviertel beliebte Pudern*), nicht nur das Onanieren:)

*)zitiert aus O-Ton Braunschlag

Gast: Bruder Kain
18.09.2012 01:44
4 1

Ich glaube, ich werde mir das nicht oft anschauen,

eigentlich nie.

Re: Ich glaube, ich werde mir das nicht oft anschauen,

Wenn man noch an Märchen wie Marienerscheinungen glaubt, dann ist diese Serie natürlich Teufelswerk.

Re: Ich glaube, ich werde mir das nicht oft anschauen,

Wenn man noch an Märchen wie Marienerscheinungen glaubt, dann ist diese Serie natürlich Teufelswerk.

Re: Ich glaube, ich werde mir das nicht oft anschauen,

sind eh nur acht folgen.