Paris. Ein „normaler“ Präsident wollte er sein, der sich im Gegensatz zu seinem hyperaktiven und nach Glanz und Glamour heischenden Vorgänger Nicolas Sarkozy ganz auf die trockenen Amtsgeschäfte zu konzentrieren beabsichtigte. Doch diese an sich relativ einfache Aufgabenstellung will François Hollande nicht so recht gelingen – und einen wesentlichen Anteil an dieser Fehlentwicklung trägt Hollandes Lebensgefährtin Valerie Trierweiler. Denn was Frankreichs Staatsoberhaupt an überschüssiger Energie vermissen lässt, macht seine First Lady mehr als wett.
Trierweiler ist Journalistin beim „Paris Match“, Frankreichs Pendant zum deutschen Boulevardblatt „Stern“. Doch damit will sich die 47-Jährige offenbar nicht zufriedengeben. Medienberichten zufolge verhandelt Trierweiler momentan mit Canal Plus, dem größten Bezahlsender des Landes, über eine eigene Fernsehsendung. Demnach soll die Show alle zwei Monate ausgestrahlt werden. Canal Plus bestätigte die Gerüchte, bezeichnete die Gespräche aber als „informell“.
Die Angelegenheit ist aus zwei Gründen heikel. Erstens, weil sie die Frage nach der journalistischen Unabhängigkeit aufwirft – kann eine Fernsehjournalistin objektiv über die Arbeit ihres Partners berichten? Aus der Perspektive der französischen Öffentlichkeit wiegt der zweite Einwand allerdings schwerer: Wie unabhängig ist ein Präsident, dessen Partnerin in einer TV-Show das eine oder andere Thema vorgibt?
Dass diese Frage nicht hypothetisch ist, belegt die sogenannte „Twitter-Affäre“: Trierweiler hatte im Juni per Kurznachricht eine wahlkämpfende Politikerin von Hollandes Parti Socialiste angepatzt. Wie es der Zufall so wollte, handelte es sich bei der vernaderten Kandidatin ausgerechnet um Hollandes Verflossene Ségolène Royal – und seither rätselt Frankreich darüber, ob der mächtigste Mann im Staat seine Lebensgefährtin im Griff hat – oder vice versa.
Klar ist, dass die Franzosen derartige Vorgänge nicht goutieren. Umfragen zufolge lehnten mehr als zwei Drittel der Wähler Trierweilers Einmischung in den regionalen Wahlkampf ab. Klar ist weiters, dass Hollandes Stern nicht mehr so hell leuchtet wie noch im Juni – die Zustimmungsrate des Präsidenten ist über den Sommer von 61 auf 46 Prozent abgestürzt. Ob für diesen Image-Crash Trierweilers Eskapaden oder doch eher die sich verschlechternden Konjunkturdaten verantwortlich sind, darüber lässt sich in Paris momentan trefflich streiten.
„Als ob nichts geschehen wäre“
Klar ist allerdings auch, dass in Frankreich die Berufstätigkeit von Frauen als selbstverständlich (und wünschenswert) gilt. Dass eine First Lady in der Arbeitswelt verankert bleibt, ist demnach alles andere als ein Skandal. Selbst Carla Bruni, die Ehefrau von Nicolas Sarkozy, ließ es sich nicht nehmen, während der Amtszeit ihres Mannes nebenher zu verdienen. Die Chanteuse brachte im Juni 2008, nur vier Monate nach der Hochzeit mit Sarkozy, ihr drittes Album heraus. Titel: „Comme si de rien n'était“ – „Als ob nichts geschehen wäre“.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.09.2012)
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