Die ramponierten Kästen, sagt Moriz Piffl, die kommen noch weg. Überhaupt kämen noch jede Menge ausgesuchter neuer – alter – Möbel von der Caritas, Tische und Kredenzen, schließlich soll alles hübsch sein für die Gäste, die man ab Freitag (zumindest) eine Woche lang beherbergen will. Im Mehlspeisen-Pop-up mit dem etwas irreführenden Namen „Vollpension“. In dem Senioren für jüngere Gäste backen sollen – und dazu vielleicht auch ein bisschen aus ihrem Leben erzählen.
Die Idee dazu sei entstanden wie jene zu ihrem erfolgreichen Maßjeans-Unternehmen „Gebrüder Stitch“, sagt Moriz Piffl (33): Bei einem Kaffee mit seinem Partner Michael Lanner (34) im Café Phil, jener Gumpendorfer Mischung aus Café, Möbelgeschäft, Buchladen, Platten- und DVD-Geschäft mit Wohnzimmeratmosphäre, das die beiden als ihr Lieblingscafé bezeichnen. „Irgendwie haben wir dort über Gastrokonzepte gesprochen und darüber, wo es die beste Mehlspeis gibt. Nämlich nicht im Sacher, sondern bei der Oma oder der Tante.“
Piffls nächster Gedanke sei dann gewesen, „dass ich seit zehn Jahren in Wien lebe, und hier keine älteren Menschen kenne. Dass man als Junger in der Stadt wenig Kontakt zu Älteren hat – und dass die oft wohl ein bisschen einsam sind.“ Sie hätten, sagt Piffl, „ja öfter Ideen, die dann wieder verschwinden. Aber diese hat uns nicht losgelassen.“ Als er und sein Partner Michael Lanner „24 Stunden vor Abgabetermin“ durch Zufall vom heurigen Social-Design-Schwerpunkt der Vienna Design Week erfuhren, war das Projekt geboren.
Gesucht werden nun also ältere Leute, „die gern und gut backen und etwas zu erzählen haben“. Ein paar Interessenten gebe es schon, und es zeichne sich ab, „dass jeder ein, zwei Spezialmehlspeisen hat. Bei meiner Oma in Salzburg sind es zum Beispiel Schokoroulade und Esterházytorte“, erzählt Piffl. Seine zweite Großmutter, die in Graz lebte, sei gestorben, als er fünf war. „Ich habe zwei Erinnerungen an sie: Dass ich bei ihr auf dem Schoß an der Nähmaschine saß. Und dass sie Rehrücken gebacken hat.“
Michael Lanners Großmutter ist für Mokkacremeroulade und weihnachtlichen Bananenpudding bekannt. „Wenn die Familie zusammen kommt, dann bei der Oma in St. Martin am Tennengebirge zum Essen.“ Auch Linzerschnitten habe sie im Programm. „Die, wie der Insider weiß, mit der Zeit immer besser werden, und die deshalb oft die Reise von Salzburg mit nach Wien angetreten haben.“
Dass sie, bei aller Sehnsucht junger Städter nach der duftenden Welt in Omas Küche, auch Klischees bedienen, ist den beiden Jeans-Schneidern bewusst. „Nicht jede Oma muss gut backen. Aber wir nehmen das in Kauf, wenn es provoziert, ist es okay – und vielleicht auch ein Einstiegspunkt.“ Schließlich gehe es ebenso um Austausch (auch mit Männern). „Ich denke mir oft, wenn ich mit Älteren zusammen bin, dass da schon schlaue Erfahrungen dabei sind“, sagt Piffl.
An zwei Abenden werde es deshalb einen „Seniorenklub“ geben, an dem Pensionisten interviewt werden. Den ersten moderiert FM4-Moderator Herr Hermes, die Video-Lebenslauf-Website Whatchado, die sonst eigentlich bei der Berufsorientierung helfen will, nimmt die Erzählungen auf. Piffl: „Für uns ist es ein Experiment und ein Abenteuer. Wenn es super läuft, könnten wir uns vorstellen, daraus ein dauerhaftes Konzept zu entwickeln.“
Die „Gebrüder Stitch“, die normalerweise Maßjeans produzieren, suchen backfreudige ältere Menschen für ihr Kuchen-Pop-up. Bei Interesse:
vollpension@gebruederstitch.com, Tel. +43/(0)680/236 59 13. Ort: Hosenlabor in der Mariahilferstraße 101, geöffnet (für alle) von 28. September bis 7.Oktober jeweils von 12 bis 20 Uhr.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.09.2012)
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