David fotografiert Paulina seit sie 17 ist. Er ist Fotograf, sie die eineiige Zwillingsschwester seiner Freundin. Die Bilder zeigen eine hübsche, lebenslustige Frau beim Erwachsenwerden. Bis zu dem Tag, als in ihrer Brust ein kleiner, schnell wachsender Knoten gefunden wird. Diagnose: Brustkrebs. In den darauffolgenden Wochen durchlebt die junge Amerikanerin knapp vor ihrem dreißigsten Geburtstag eine Brustamputation und den Beginn ihrer Chemotherapie. Und lässt sich von David fotografieren. Für beide ist der Griff zur Kamera ein Versuch, die Normalität zurückzuerobern. Er ist es als Fotograf gewöhnt, sich Furcht einflößenden Dingen zuerst durch das Objektiv zu nähern. Und Paulina will ein Zeichen setzen, ihrem veränderten Körper wieder näherkommen, der neuen Realität ins Auge blicken. Trotz und wegen und mit ihrer Narbe.
Verharmlosende rosa Schleife. Über Nacht und aus dem gemeinsamen Versuch zweier Freunde, mit der Krankheit und ihren Folgen umzugehen, entstand das „Scar Project“. Paulina folgen zahllose Leidensgenossinnen. Erst sind es Freunde, dann Frauen aus der Umgebung, dann kommen sie aus ganz Amerika. Sie alle sind jung, die Diagnose Brustkrebs trifft die meisten vor ihrem 35. Geburtstag. Sie sind in den Medien unterrepräsentiert, im öffentlichen Bewusstsein kaum vorhanden. Nach wie vor gilt Brustkrebs als Krankheit der Großmütter und Mütter. Dass er längst auch Schwestern, Freundinnen und Töchter erreicht hat, wird gern verdrängt. Betäubt von den gerade rund um den Weltbrustkrebstag am 1. Oktober allgegenwärtigen Pink Ribbons wird das Thema abstrahiert. Viele der erkrankten Frauen empfinden die rosa Schleifchen als Verharmlosung einer tödlichen Krankheit. Eine der Teilnehmerinnen des „Scar Project“ bringt es auf den Punkt: „Wenn ein Mann Prostatakrebs hätte, käme irgendjemand auf die Idee, ihm ein rosa T-Shirt und einen Teddybären zu schenken?“ Und obwohl jeder in groben Zügen weiß, wie Brustkrebs entsteht, wie er sich im Körper verhält und welche Therapieformen existieren, gibt es doch kaum Menschen, die wissen, wie Brustkrebs im echten Leben aussieht. Wie ein weiblicher Körper aussieht, dem seine wesentlichen weiblichen Attribute genommen wurden. Junge Frauen, die anstatt Körbchengröße B zwei Narben haben.
Das gesellschaftliche Bewusstsein dahingehend zu schärfen, dafür kämpfen David Jay und seine sogenannten „Scar Girls“. Inzwischen hat er über hundert betroffene Frauen fotografiert. Seine Models wollen mehr als überleben. Sie wollen das Erlebte teilen, Augen öffnen, Mut machen. Sylvia, eines der „Scar Girls“, erzählt: „Ich hatte gerade die Diagnose bekommen und keine Ahnung, wie lange ich noch leben würde. Ich wollte etwas tun, damit ein Teil von mir bleibt, selbst wenn ich nicht mehr sein sollte.“ Was es bedeutet, mit jungen Krebspatientinnen zu arbeiten, war David Jay anfangs nicht klar. „Ich wollte ehrliche, schonungslose Bilder machen, die eine Wirklichkeit fernab der Pink Ribbons zeigen. Bis zu dem Zeitpunkt hatte ich in meiner Arbeit die gängige Vision von Schönheit abgebildet. Das hier war völlig anders. Das Licht mit dem ich arbeite ist – im Gegensatz zu meinen alltäglichen Jobs – darauf ausgerichtet, Narbe und Hautstruktur in allen Details möglichst genau darzustellen.“
Aber die Frauen kommen, um sich nach all den Torturen wieder schön zu fühlen. Die Bilder sind für sie mit ein Weg, ihrer Weiblichkeit wieder ein Stück näher zu kommen. „Oft erzählen sie, dass ich der Erste bin, der sie nach ihren Operationen nackt sieht. Sie haben sich noch nicht getraut, in den Spiegel zu sehen, sich vor ihrem Mann auszuziehen oder nackt vor den Kindern zu stehen.“
Nicht selten ist der Fotograf auch Zeuge, wenn Frauen in seinem Studio eine Katharsis erleben. Zum Beispiel Rachel (Name von der Red. geändert). Sie hatte es satt, als Opfer gesehen zu werden, wollte nicht mehr tapfer oder schwach sein. Und konnte keine Pink Ribbons mehr sehen. „Ich wollte etwas, das dem, was ich erlebt hatte, nahekommt. Etwas anderes, Ehrliches. Krebs macht uns allen Angst. Aber man trauert um noch so viel mehr, wenn man als junge Frau an Brustkrebs erkrankt.“
Weibliche Würde trotz allem. Das Shooting läuft gut, es wird gelacht. Doch als sie David über die Schulter blickt, während er die Bilder auf seinen Computer lädt, bricht sie zusammen. „Mich anstatt im Spiegel auf einem Foto zu sehen, wie einen x-beliebigen Menschen auf der Straße, war zu viel für mich. Auf einmal war da alles, was ich in den vergangenen Monaten nicht wahrhaben wollte, direkt und unwiderruflich sichtbar. Ich fühlte die ganze Bürde, die der Krebs in mein Leben gebracht hatte, in diesem einen Moment. Ich sah diese Stärke in mir, die ich davor gefühlt, aber noch nicht gesehen hatte. Ich bin David dankbar, dass er mir in der Situation Raum gegeben hat, um diese Gefühle zu verarbeiten.“ Die Fotos von Rachel, die Teil des Buches „The Scar Project“ und der gleichnamigen Ausstellung sind, zeigen sie in genau diesem Moment. Tränen strömen über ihre Wangen, während sie voll trotzigem Stolz in die Kamera blickt.
Ihre zerbrechliche Schönheit, ihr Mut, ihre trotz allem weibliche Würde ist, was die „Scar Girls“, abgesehen von ihren körperlichen Narben, eint. Das Fotoprojekt ist eine gnadenlose Erinnerung an Brustkrebs in all seiner Härte. Die Krankheit hinterlässt viel mehr Narben, als jene, die für die Außenwelt sichtbar sind. Wie sich das Leben dieser Frauen für immer verändert, lassen diese Bilder nur ansatzweise erahnen.
www.thescarproject.org
Buch: „The Scar Project: Breat Cancer is Not a Pink Ribbon (Vol. 1)“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.09.2012)
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