In Ihrem neuen Erzählband geht es ausschließlich um Juden: Holocaust-Überlebende, die einen vermeintlichen früheren KZ-Wächter auf einem Seniorencamp ertränken, kiffende Ultra-Orthodoxe, einen jüdischen jungen Mann, der in einer Peepshow von Rabbinern heimgesucht wird, eine jüdische Siedlerin, die nach dem Tod von Mann und Kindern so verhärtet ist, dass sie einer anderen Frau die Tochter wegnimmt. Ist das Jüdische Ihr Lebensthema?
Nathan Englander: Ich sehe mich nicht als jüdischen Schriftsteller. Meine Stadt war jüdisch, meine Uni, dann ging ich nach Jerusalem, dort waren auch Juden – warum sollten meine Figuren nicht jüdisch sein? Das ist einfach ein ganzes Universum für mich, mein Hintergrund. Mich zu fragen, warum so viele Juden in meinen Erzählungen auftauchen, wäre, wie wenn ich Italo Calvino fragen würde: Warum schreiben Sie über so viele Italiener?
Sie sind in einem kleinen Ort im Bundesstaat New York aufgewachsen, in einer sehr orthodoxen jüdischen Familie; wann wussten Sie, dass Sie Bücher schreiben wollen?
Autoren haben normalerweise zwei Antworten auf diese Frage, erstens: Ich war ein unglückliches Kind, zweitens: Ich entdeckte die Bücher.
Waren Sie ein unglückliches Kind?
Entweder war ich eins, oder mein Gehirn erinnert sich nur an die unglücklichen Dinge. Es gibt Fotos von mir, auf denen ich lache, es muss also auch schöne Momente gegeben haben. Aber ich war einfach in der falschen Welt.
Eine ganz vom jüdischen Glauben beherrschte; heute sehen Sie sich als Atheisten?
Hätte ich andere Lehrer, andere Rabbis gehabt, vielleicht wäre ich sehr religiös geblieben. Aber ich hatte sehr viele Fragen, und das waren nicht die Fragen, die sie hören wollten.
Kann die Qualität religiöser Lehrmeister wirklich ein entscheidendes Argument für oder gegen einen Glauben sein?
Es kann das entscheidende Argument für oder gegen die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe, einem Set von Autoritäten, sein. Ich rede hier nicht von meinem jetzigen erwachsenen Ich, sondern von meiner Reaktion als Jugendlicher. Da ich bei meinen Lehrern keine Antworten fand, wandte ich mich schließlich der Literatur und dem Rest der Welt zu, um diese Antworten zu bekommen. Wer weiß, vielleicht hätte es in jedem Fall so geendet. Aber ich glaube, unter anderen Umständen wäre ich innerhalb der Herde geblieben. Jedenfalls verlief so das Leben fast aller meiner Schulkameraden.
Und wie lösten Sie sich schließlich aus Ihrem strengreligiösen Umfeld?
Ich war in der Vorstellung erzogen worden, dass Judentum keine Geschichte ist, kein Hintergrund, nur eine Religion. Also ist man entweder religiös oder nicht jüdisch. Bei meinem Studium in Jerusalem traf ich zum ersten Mal auf ein kulturelles Judentum, auf Leute, die Hebräisch sprechen, kollektive Erinnerungen und eine gemeinsame Tradition haben, die jüdische Geschichte inwendig kennen, aber ein säkulares Leben leben. Als ich das kennenlernte, habe ich die Religion aufgegeben.
In einer Erzählung geht es um einen jungen Mann, der fast nichts über die Vergangenheit seiner Familie weiß; wie steht es in diesem Punkt mit Ihnen?
In meinem Erzählband handeln einige Geschichten von der Natur von Geschichten, denn das berührt mich persönlich sehr. Ich bin in einem langweiligen kleinen Ort aufgewachsen, wo es kein Stadtzentrum gab. Man konnte nur fernsehen oder ins Einkaufszentrum gehen. Als ich dann zu schreiben anfing, war ich besorgt: Worüber kannst du schreiben, wenn du keine Erfahrungen hast? Ich habe Freunde, die auf der Grundlage ihrer Familiengeschichte Romane à la „Buddenbrooks“ verfassen können. Alles, was ich weiß, würde nie eine Erzählung füllen. Meine Familie ist schon sehr lange in Amerika, wenn Bekannte fragen, wo meine Familie vor New York war, dann sage ich: Boston. Wir glauben, wir haben unsere Wurzeln im ehemaligen Österreich-Ungarn, aber das ist auch schon alles. Wie ist es, seine Geschichte zu verlieren? Und was bedeutet es, neue Geschichten zu gestalten? Es geht mir dabei um Erinnerung und Wahrheit: Wenn Geschichten sich verändern, ist das nicht Lüge, es kann immer noch die Wahrheit sein.
In der titelgebenden Geschichte Ihres Erzählbandes, „Worüber wir reden, wenn wir über Anne Frank reden“, spielen ein liberales und ein orthodoxes jüdisches Ehepaar, was sie das „Anne-Frank-Spiel“ nennen: Sie versuchen sich vorzustellen, ob ihr Ehepartner sie, wären sie in Nazi-Deutschland auf der Flucht, verstecken würde. Auch hier geht es um das Wie der Erinnerung, die Veränderung einer Geschichte, jener von Anne Frank?
Ja, und in Holland fragte mich ein Holocaust-Überlebender: Wie benutzen Sie Anne Frank, was hat dieser Name in Ihrem Titel zu suchen? Für diesen Überlebenden ist der Name eine Person, er war sehr skeptisch. Ich erklärte ihm, dass ich aus einer anderen Welt komme, dass ich wissen möchte: Was passiert mit der Geschichte von Anne Frank 40, 50, 60 Jahre später, in New York und anderswo? Was bedeutet es überhaupt für Millionen Juden, ein hübsches zwölfjähriges Mädchen zum Gesicht für einen Genozid zu machen? Der Titel ist natürlich einerseits eine Hommage an Raymond Carvers „Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden“, aber gleichzeitig ist es der buchstäblichste Titel, den ich je geschrieben habe. Einmal habe ich in einer katholischen Schule in San Francisco gelesen, in einer wunderschönen, reichen Gegend, und ein Lehrer kam nachher zu mir und sagte: Viele meiner Schüler glauben, Anne Frank ist eine literarische Figur.
Auch in Österreich hat sich bei einer Lesung ein Mann über Ihren Umgang mit dem Namen Anne Frank aufgeregt.
Das stimmt. Als ich den Mann so reden hörte, habe ich mich gefragt: Was glaubt dieser Mann schützen zu müssen, und vor wem? Es ist doch merkwürdig: Ein Österreicher beschützt Anne Frank – vor der Luft, vor mir... Aber Anne Frank gehört niemandem. Und natürlich gehört sie gleichzeitig uns allen, so wie uns unsere Gedanken gehören. Die für mich tiefste, schönste Geschichte in diesem Band ist jene von Rena, einer der ersten Siedlerinnen im israelisch besetzten Ostjerusalem. Nachdem sie im Krieg ihren Mann und ihre Söhne verloren hat, nimmt sie einer anderen Jüdin die Tochter weg, wobei sie sich auf einen ominösen, längst vergessenen Vertrag beruft.
Diese Erzählung hat eine geradezu biblische Wucht, wie wurde sie aufgenommen?
Wie sich herausstellte, funktioniert sie wie ein Rohrschachtest (ein in der Psychoanalyse angewendetes Verfahren, bei dem die Testperson Tintenklecksmuster deutet, Anm.d.Red.). Viele Leser sind zu mir gekommen, Rechte haben es als ganz rechte Erzählung verstanden, Linke als ganz linke Erzählung, und dann gab es wieder andere, die aus der Geschichte das genaue Gegenteil ihrer eigenen Position herauslasen. Mich selbst hat diese Geschichte während des Schreibens so aufgeregt wie noch keine andere. Ich bin aufgewachsen in einer Welt aus Schwarz und Weiß, ich bin besessen von dem, was dazwischen ist.
Es ist eine schreckliche und zugleich beklemmend schöne Parabel für einen hoffnungslosen Konflikt.
Ja, ich hatte diese düstere Vorstellung von einem unendlichen Konflikt und dachte mir, warum mache ich nicht aus der endlosen Geschichte eine kurze Geschichte, mit einem Ende? Wobei Konflikt eigentlich nicht das richtige Wort ist. In Jerusalem gibt es keinen Konflikt, das gibt es nur, wenn Leute im selben Spektrum sind, man kann zum Beispiel, wenn man im selben Taxi sitzt, darüber streiten, welcher der richtige Weg zum Flughafen ist. Aber die Palästinenser und die Juden sind buchstäblich nicht in derselben Realität, Al-Quds und Jerusalem sind nicht dieselbe Stadt. Ich glaube, viele der Fragen, denen ich in meinen Erzählungen nachgehe, kommen aus meiner Zeit in Jerusalem. Da habe ich gelernt, dass es zwar so etwas wie Wahrheit gibt, aber zugleich viele Realitäten. Und ich versuche zu verstehen, wie multiple Realitäten funktionieren. Das hat auch politische Bedeutung: Bevor man verhandelt, muss man verstehen, dass man nicht im selben Raum lebt.
1. . . ob Ihnen die Religion manchmal fehlt?
Nein. Die jüdische Kultur ist zentral für mein Leben, die jüdische Religion fehlt mir nicht. Als meine Frau und ich heirateten, hatten wir aber jede Menge Elemente der jüdischen Tradition bei der Hochzeit, so wie die meisten säkularen Juden in New York.
2. . . was Ihre religiöse Schwester von Ihren Büchern hält?
Sie ist stolz und unterstützt mich sehr, sie kommt zu meinen Lesungen, fliegt zur Premiere meines Stücks nach New York. Meine Mutter hat uns mit Respekt für die Künste erzogen. Zwischen Literatur und Religiosität muss es keinen Konflikt geben.
3... ob Sie auch wie einer Ihrer Helden den Tod als Autor fürchten?
Ich versuche, nicht narzisstisch daran zu denken, wie ich gelesen werde, interessanter daran ist die Frage, wie Ästhetik funktioniert, schreibe ich für heutige Menschen, für später? Das beschäftigt mich schon.
1970
Nathan Englander wird in New York City geboren und wächst in einer jüdisch-orthodoxen Gemeinde auf Long Island auf. Er studiert jüdische Geschichte und englische Literatur in N.Y. und Jerusalem.
1999
Sein Erzählband „Zur Linderung unerträglichen Verlangens“ erntet großen Erfolg. Mittlerweile haben es schon etliche seiner Kurzgeschichten in die jährliche Anthologie „Best American Short Stories“ geschafft.
2007
Der Roman „Das Ministerium für besondere Fälle“ erscheint. Englander hat lange recherchiert, das Buch behandelt das Verschwindenlassen von 30.000 Regimegegnern im Argentinien der Militärdiktatur und das kollektive Gedächtnis des Landes, in dem die Vergangenheit noch nicht aufgearbeitet ist.
2012
„What We Talk About When We Talk About Anne Frank“ erscheint, seit September ist die deutsche Übersetzung erhältlich (Luchterhand).
("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.09.2012)
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