Wien. Die Eintrittskarte in den Orient ist flüssig: Rosenwasser bringt einen schlagartig in eine andere Welt. Auf den Händen vor dem Essen zum Beispiel. Oder im Champagner, mit Granatapfelsaft. Henna-Tattoos und Wasserpfeifen tun ihr Übriges.
Gereicht wurde all das am Mittwochabend im „Aux Gazelles“, jenem weitläufigen Etablissement, das am Fuß der Mariahilfer Straße marokkanisches Restaurant, Club, Austernbar, Teesalon und Hamam vereint, und das seit jeher mit Bar am Life Ball vertreten ist. Und das 2013 auch die VIP-Gäste des 21. Life Balls bekochen wird, der, nach dem Elemente-Zyklus, sein neues Thema hat: tausendundeine Nacht.
Um das bekannt zu geben, hatten die Organisatoren Sponsoren und Unterstützer wie Teppichhändler Ali Rahimi ins „Aux Gazelles“ gebeten. Der riesig gewordenen Veranstaltung bewusst zum Trotz im kleinsten Kreis und mit der Bitte um viel Zeit. Um zu essen, zu plaudern und Parvis Mamnun zu lauschen, der die erste Geschichte las, mit der Scheherazade den König unterhält, um ihr Leben zu retten. Schon das erste Gedicht darin sei „Zeile für Zeile eine Metapher für den Life Ball“, findet Organisator Gery Keszler.
Nichtsdestotrotz, glaubt „Aux Gazelles“-Chefin Christine Ruckendorfer, begebe man sich damit auf heikles Gebiet. So unterschiedlich der Orient von Marokko bis Malaysien sei – „Schwulsein ist überall verpönt.“ Sex vor der Ehe auch, HIV sowieso. Es ist Zeit, dass man das anspreche. Ruckendorfer selbst kennt vor allem Marokko gut. Dort hatte sie vor mehr als zehn Jahren einen „tollen Mann“ kennengelernt, der ihr die orientalische Kultur nahebrachte. Und dort, in Marrakesch, hatte sie die erlösende Idee, was sie mit dem riesigen feuchten Lager in der Rahlgasse, dessen Belebung sie sich als Immobilienmaklerin in den Kopf gesetzt hatte, anfangen könnte. Nach zehn nicht immer einfachen, nicht immer finanziell stabilen Jahren wird nun am 18. Oktober Jubiläum gefeiert. Mit Tänzern, Trommlern und einem Basar, der ab Dezember fixer Bestandteil werden soll.
„Ich wollte“, erklärt die Wienerin, „hier immer ein Auge in die weite Welt schaffen, wo sich die Kulturen mischen können.“ Arabische Minister feiern hier ebenso wie junge „Biber“-Redakteure. Zwischendurch sei ihr zwar beinahe die Energie ausgegangen. „Aber ich finde, so ein Ort ist wichtig für Wien. Ich bin froh, dass ich nicht aufgegeben habe.“ Insofern gilt wohl auch für das „Aux Gazelles“ das neue Life-Ball-Motto, nach einem arabischen Sprichwort: „Es braucht die Nacht, um die Sterne zu sehen.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.10.2012)
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