In Ihrer Arbeit tauchen oft weite, leere Landschaften auf, die an den Wilden Westen erinnern. Wären Sie gerne ein Cowboy?
Wim Wenders: Nicht mehr, das hatte ich einmal, als ich ein kleiner Junge war und alle Karl-May-Romane gelesen habe. Aber kaum bin ich das erste Mal auf einem Pferd gesessen, war es vorbei damit. Ich fahre lieber Auto.
Was war Ihr liebster Karl May?
„Schatz im Silbersee“. „Durchs wilde Kurdistan“ fand ich auch ziemlich gut, Hadschi Halef Omar war auch eine super Figur. Ich fand die beachtlich, vielleicht sogar noch beeindruckender.
Fehlt heute so etwas wie Karl May?
Ich glaube, die Zeit dafür ist vorbei. Heute gibt es Harry Potter, das ist eine ähnliche Fantasiewelt wie jene von Karl May. Das war ja nicht der Wilde Westen, sondern eine Imagination davon, vielleicht war es deswegen auch so ansteckend, weil es frei erfunden war. Damals war das ein Medienereignis. Heute kann man das mit Büchern nicht mehr. Vielleicht sind die Harry-Potter-Bücher das letzte große Medienereignis in der Buchwelt gewesen.
Das hat man schon sehr oft gesagt.
Ja gut, aber es kommt ja auch immer schon bebildert, als gigantisches Event. Das war ja früher das Tolle, dass man es selbst verfilmt hat im Kopf. Heute kommt alles schon kompakt als Rundum-Medienereignis.
Ihre Bilder sind so menschenleer.
Gott sei Dank, ich warte auch immer lang genug, bis alle weg sind.
Mögen Sie keine Menschen?
Schon, ich hab ja dauernd nur mit Menschen zu tun, wenn ich Filme mache. In den Bildern ist es so, wie ich aus leidvoller Erfahrung weiß: Kaum ist jemand im Bild, schaut alle Welt nur noch auf die Person, selbst wenn die klein im Hintergrund steht. Da geht es nur noch um den Menschen, nicht mehr um den Ort, was der erzählt, was man da alles lesen kann, was der alles zu berichten hat.
Menschenleere Landschaften sind entweder verkitscht, apokalyptisch oder nostalgisch. Letzteres würde ich bei Ihnen sehen. Was Apokalyptisches wollten Sie nicht?
Das interessiert mich a priori gar nicht, auch nicht das Nostalgische. Mich interessiert, dass es auf diesem Planeten Landschaften, Städte, Orte gibt, die man sich nicht vorstellen kann. Von denen man nicht glauben könnte, dass sie existieren, bis man sie sieht. Und an denen mich berührt, dass sie am Verschwinden begriffen sind und es Menschen gibt, die das nie sehen können.
Es geht Ihnen ums Archivieren.
Ja, deswegen fotografiere ich Landschaften, weil die mir so viel erzählen von uns, was wir da angerichtet haben, was wir erhofft haben, was wir für Träume hatten. Ich kann auch nur fotografieren, wenn ich allein bin. Angenommen, ich hätte einen Assistenten, das wäre ein anderer Dialogpartner. Ich kann doch nicht so tun, als ob er nicht da wäre. Ich schulde ihm, dass ich seine Anwesenheit honoriere, und in dem Moment bin ich als Gesprächspartner für diesen Ort verloren. Ich habe viele Fotos nicht gemacht, weil ich nicht allein war.
Das hieße ja, dass echte, höchste Konzentration nur allein möglich ist.
Es ist nicht Konzentration, es ist eher das Gegenteil. Es ist das Verlieren von Konzentration, ein Sich-Verlieren, im Sinne von sich auflösen, nur noch da zu sein. Das gilt auch für Leute, die schreiben. Ich kenne keinen Schriftsteller, der schreibt, wenn ihm einer zusieht.
Sie fotografieren analog. Ist das Inszenierung, oder wollen Sie keine technische Hilfe?
Ich habe keine Scheu vor digitalen Apparaten, ich mache meine Filme schon ewig nur noch digital. Aber fotografieren, was glauben Sie, wie viele digitale Apparate ich gekauft habe, ich könnte ein Museum einrichten. Ich habe sie alle benutzt und immer wieder gemerkt, ich kann die Arbeit, die ich machen will, damit nicht machen. Ich müsste einen Computer, einen Assistenten und ein Stativ dabei haben.
Liegt es also nur am Allein-Arbeiten?
Die Crux bei dem digitalen Vorgang ist: Sie müssen sich das Bild beim Machen ansehen. Das wirft mich aus meiner Arbeit so raus, dass ich sie nicht mehr machen kann. Ich kann den Dialog nicht führen, wenn ich mir das Produkt ansehen muss und ich zum Produzenten des Bildes werde, statt zum Gesprächspartner.
Sie nennen sich einen berufsmäßig Reisenden. Sind Sie niemals Tourist?
Ich bin in meinem Leben oft genug in die Touri-Falle getappt.
Die da wäre?
Dass man sich an Orten findet, wo andere Leute auch fotografieren und der Blick kein anderer ist. Und, das ist das Schlimmste, wo auch keine Zeit da ist, es anders zu tun. Der Reisende hat eine andere Anwesenheit als der Tourist, das Reisen, das Entdecken, die Neugierde sind der Zweck an sich. Der Tourist ist nicht ums Weiterreisen bemüht oder ums Irgendwo-Ankommen. Als Tourist kann ich immer nur kurz ankommen, mich selbst da hinstellen ins Bild, ein ganz verheerendes Phänomen, und dann bin ich schon wieder weg. Als Tourist bin ich ja nie von zu Hause weggekommen, ich bin so schnell wie ich kann wieder zu Hause, um endlich zu sehen, wo ich war.
Was war Ihr schönster Ort?
Einer der schönsten Orte ist für mich das Monument Valley an der Grenze zwischen Arizona und New Mexico, auch einer der traurigsten Orte. Das letzte Mal, als ich da war, bin ich nach drei Stunden panisch wieder abgereist, weil ich gemerkt habe, die Landschaft gibt es gar nicht mehr. Sie ist von den Leuten, die sie verwalten, nämlich leider den Indianern selbst, zugrunde gerichtet worden. Man kann nur noch mit Bussen in die Landschaft.
Es gibt Orte, die man sich besser nur vorstellt. Zum Beispiel Los Angeles, das in der Literatur viel schöner ist.
Los Angeles hat trotzdem seinen Reiz, auch zum Fotografieren, weil die Stadt überhaupt bloße Fassade ist. Es ist eine fantastische Kultivierung der Oberfläche mit einer aberwitzigen Vernachlässigung des Dahinters. Ich mag die Stadt sehr gern, auch wenn ich inzwischen nicht mehr da leben will. Da kann man in tiefe Depression fallen. Und dann kommt man nach Europa zurück, nach Wien oder Berlin, und merkt, wie voll das da ist. Da ist auch Oberfläche, aber dahinter ist immer was.
Zum Beispiel?
Die Hinterhöfe sind das, was sie sind. Hier kann man es gut aushalten, dahinter. Das Dahinter ist die Sache selbst. Ich habe in Wien noch nie fotografiert, aber ich könnte mir vorstellen, dass ich mich wunderbar verlieren könnte. Das ist so bei sich.
Meinen Sie damit die Deckungsgleichheit von dem, wie es scheint und wie es ist?
Richtig, es ist deckungsgleich, das ist eine seltene Qualität von Städten. Paris ist auch so. In Berlin geht es ein bisschen verloren. Es war einmal ganz deckungsgleich, Berlin war wunderbar.
Sie fotografieren zu Hause, in Berlin, sehr wenig. Fehlt da die Distanz?
Ich hab ein bisschen in Berlin fotografiert, erst in den vergangenen zehn Jahren. Ich habe nur eine Handvoll Bilder von der Mauer. Ich habe sie nie fotografiert, weil sie so nah war, ich habe da gelebt. Die Mauer zu fotografieren war irgendwie blöd für mich. Jetzt wünsche ich mir, ich hätte es ein bisschen mehr gemacht. Den Palast der Republik hab ich auch erst fotografiert, als ich wusste, in 14 Tagen ist nichts mehr da.
Die Arbeit ist also ein Kennenlernen der Fremde.
„Der Himmel über Berlin“ ist mir überhaupt erst in den Sinn gekommen, als ich fast zehn Jahre in Amerika gelebt habe und dann zurück nach Berlin gekommen bin. Das hat meinen Blickschon sehr verändert.
Hat das den Blick milder, inniger gemacht?
Ja. Der Blick des Fremden ist schon ein privilegierter Blick, und der ist mir a priori lieber. Jetzt in Berlin einen Film zu drehen käme mir nicht in den Sinn.
Ihre Arbeit dreht sich oft um die Frage „Wie soll man leben?“ Haben Sie eine Antwort?
Ich hab eigentlich keine Antwort, weil wenn ich sie hätte, mit dem definitiven Film, bräuchte ich keinen anderen mehr zu machen. Die Frage fluktuiert ja auch. Das Leben, das man heute führt, und die Konflikte, in die man gerät, davon hat man sich vor zehn Jahren nicht träumen lassen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.10.2012)
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