Man würde sich an seiner Stelle wohl ausgelastet fühlen – selbst wenn man nicht 89 wäre. Aber vielleicht macht Erich Lessing gerade das so produktiv, denn zu erledigen gibt es offenbar noch viel. Derzeit, erzählt Lessing, beschäftige er sich mit der Aufarbeitung seines Archivs. Da, sagt er, könne man noch einiges herausfinden. „Was vor 20 Jahren wichtig war, ist es heute nicht mehr. Wenn ich mir heute die Kontaktbilder anschaue, denke ich mir, welcher Idiot hat dieses Bild ausgesucht? Wichtig ist doch das daneben!“
Der weltbekannte Fotograf, Österreichs derzeit einziges Mitglied der Fotoagentur Magnum, sitzt in der Galerie Lumas, die gerade aus dem Stilwerk weiter in die Innenstadt, in die Wollzeile, gerückt ist, und die das mit einer Verkaufsausstellung seiner Fotos feiert. Seine markant buschigen Augenbrauen heben und senken sich, wenn er erzählt – etwa von seiner eigenen Galerie, die er heuer im Frühjahr in einem ehemaligen Modegeschäft in der Weihburggasse gegründet hat. Die laufe „so schlecht wie erwartet“, sagt er. „Ich habe nicht erwartet, dass Wien eine Sammlerstadt ist. Vor allem nicht für so spezifische Sachen, die alle doch schon historische Bilder sind.“
Was ihn überrascht, ist, dass trotz der fünf internationalen Hotels im Umkreis weniger internationale als österreichische Besucher vorbeischauen, auch das Medieninteresse sei „unglaublich“. Wien sei ja immer eher eine musikalische Stadt gewesen. „Aber es kann sein, dass sich Wien jetzt ganz langsam zu einer visuellen Stadt entwickelt.“ Freilich bleibt Lessing vorsichtig. „Reden wir in einem Jahr weiter.“
Apropos in einem Jahr: Da wird Lessing 90 und hat sich vorgenommen, weniger zu reisen, um mehr Zeit für sein Archiv zu haben. Derzeit ist der Fotograf, der mit seinem Bild vom Staatsvertrag berühmt wurde, noch viel unterwegs: „Ich reise fast so viel wie früher.“ Die Digitalfotografie, die er „fast nicht“ nutzt, habe er etwa im Louvre ausprobiert. Und vorige Woche habe er „in Paris ein paar Sachen gesehen, die waren schon überzeugend. Digital hat seine Möglichkeiten noch nicht ausgeschöpft.“ In Paris ist er immer wieder, um „in meinem Büro“, bei Magnum, vorbeizuschauen und zu fragen, wie es geht.
„Nicht sehr gut“, fügt er die Antwort gleich hinzu, „weil es nicht mehr genug Zeitschriften gibt.“ Gerade eben sei er von der Eröffnung einer Ausstellung in der Kulturhauptstadt Marburg mit der Bahn heimgefahren. „Da sitzen alle mit ihrem iPad oder iPhone.“ Kulturpessimistischer Sermon folgt darauf freilich keiner – Lessing greift in die Tasche und zieht sein eigenes iPhone heraus. „Das bringt Neues, Verschwommenheit, Bewegung, das bringt eine neue Art der Fotografie.“ Die Zeit der Reportagefotografie sei eben vorbei. „Sie hat eh ein Jahrhundert gedauert. Jetzt ist die Zeit zu schnelllebig geworden.“
Weshalb er sich auch über die dicken Fotobände wundert, die bei Lumas auf den Tischen liegen. „Ich möchte gern wissen, wer diese Bücher kauft und wie die jungen Fotografen überleben.“ Lessing schaut zu seiner Tochter, die gerade gekommen ist. Seine drei eigenen Kinder seien ihm nicht in sein Metier gefolgt, nur die Schwiegertochter fotografiere sehr gut. Er selbst geht gern in Konzerte und Ausstellungen, „diesen Winter sind ununterbrochen welche. Ich bleibe aber auch gern zu Hause. Ich bin froh, wenn keiner anruft, und ich im Garten am Schafberg sitzen kann und schauen, ob die Platane schon braun wird.“
Erich Lessing wurde 1923 in eine jüdische Familie in Wien geboren, sein Vater war Zahnarzt, seine Mutter Pianistin. 1939 konnte er nach Palästina auswandern, seine Familie wurde ermordet. Seit 1951 ist Lessing Mitglied bei Magnum Photos. Im März eröffnete er in der Wiener Weihburggasse eine eigene Galerie. Bis 31. Oktober zeigt er „Girls of the 50s“, danach berühmte Politikerbilder. Die Galerie Lumas (Wollzeile 1–3) zeigt bis 21. Oktober die Ausstellung „Zeitreise“.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.10.2012)
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