Lady Windermere, glücklich verheiratet mit ihrem Lord, jüngst Mutter geworden, feiert Geburtstag. Die Society erscheint. Doch böse Gerüchte machen die Runde. Der Lord besucht eine andere Frau, er hält sich stundenlang in ihrer Wohnung auf, gibt ihr gar Geld – und nicht zu knapp. Aber auch die Lady hat einen Verehrer: Lord Darlington – und der scheint es ernster zu meinen, als sein leichter Ton vermuten lässt. Oscar Wilde erlebt in den letzten Jahren eine Renaissance: In der Josefstadt wurde „Bunbury“ mit Helmuth Lohner und Otto Schenk in Frauenrollen gespielt: sehr witzig. Aber nicht so witzig und vor allem nicht so frech wie Elfriede Jelineks Überschreibung des gleichen Stücks im Akademietheater. Inzwischen hat Jelinek eine weitere Jongliernummer mit Wilde entwickelt, derzeit im Burgtheater zu erleben: In den „Idealen Gatten“, der hier süffisant „Der ideale Mann“ heißt, werden zwanglos aktuelle Skandale, Affären eingewoben. Wilde kann man aber auch einfach „in Ruhe lassen“, z. B. in „Vienna′s English Theatre“, wo man sich auf die Melodie der Sprache und den Esprit der Original-Bonmots verließ. In der Josefstadt inszeniert nun ein Traditionalist, Janusz Kica, der u. a. für Peter Stein tätig war, „Lady Windermeres Fächer“ – mit Pauline Knof, derzeit auch als Prinzessin Natalie in Kleists „Prinz von Homburg“ in der Regie von Andrea Breth im Burgtheater zu sehen.
Vom Faust zum Salonlöwen. Knof spielt Lady Windermere, ihr Lord ist Christian Nickel, der vor 13 Jahren als „Faust“ berühmt wurde – in Peter Steins ungestrichener Inszenierung beider Teile des Stückes, die in Hannover und Wien zu sehen war. Wie hat Nickel danach in den Alltag zurückgefunden? „Ich habe erst viel später begonnen, darüber nachzudenken“, sagt er. „Wahrscheinlich weiß ich bis heute nicht so recht, was da passiert ist. Als Bruno Ganz sich verletzt hat und ich in beiden Teilen die Hauptrolle gespielt habe, bin ich einfach reingesprungen. Das war eine sehr intensive Zeit. Später haben mich dann Journalisten gefragt: ,Was kann nach diesem Superlativ noch kommen?‘ Damals habe ich das von mir gewiesen, aber tatsächlich ist es so, dass es schwieriger wurde, mich ähnlich intensiv auf eine Arbeit einzulassen. Wie außergewöhnlich diese Begegnung mit Peter Stein war, das habe ich erst später kapiert. Langfristig habe ich aber sehr davon profitiert.“ Lord und Lady Windermere gehen bei Wilde durch die Hölle, es gibt ein Happy End, aber bleiben die beiden auch zusammen? Pauline Knof: „Lady Windermere liebt ihren Mann, so viel steht fest. Sie rennt aber trotzdem zu Lord Darlington, von dessen Komplimenten sie sich geschmeichelt fühlt. Ich glaube aber nicht, dass Darlington eine ernsthafte Gefahr für ihre Ehe darstellen würde, wenn sie nicht den massiven Verdacht hätte, dass ihr Mann mit Misses Erlynne fremdgeht. Für sie geht wirklich eine Welt krachen.“
„Irgendwann werden sich die beiden vielleicht einmal erinnern: Weißt du noch, wie wir damals fast an die Wand gefahren wären?“, sinniert Nickel. „Beide haben in den Abgrund geschaut und hernach beschlossen, dem Partner nicht alles zu sagen. Sie hätten sich fast getrennt und haben gesehen, was eine Krise auslösen kann. Am Ende des Stücks sind sie zusammengeblieben – aber in der Naivität, sie kennen die Abgründe des anderen noch nicht.“ Denn die wirklich gravierenden Geheimnisse bleiben am Ende des Stückes ungelüftet.
Von Wilde hat man so ein bestimmtes Bild: Zynisch, boshaft, schlagfertig karikiert der gebürtige Ire die britische Gesellschaft, speziell die Upperclass. Letztlich war die Rache am homosexuellen Wilde, der aber auch verheiratet war, Kinder hatte, fürchterlich. Er musste seinen guten Ruf wahren, klagte, wurde vom Kläger zum Angeklagten und zu Zwangsarbeit verurteilt. Die Haft hat ihn gebrochen. Er wurde nur 46 Jahre alt. Nickel: „Wilde war eine tragische Figur. Das Theater war eine Art Spielplatz für ihn. Er beobachtete die Menschen, aber auch sich selbst mit großer Sorgfalt und Empathie. Er war bis zur Gereiztheit verletzlich und immer auf der Suche nach Schönheit. Ich sehe ihn nicht als Zyniker. Im Gegenteil: Das Sentiment ist bei ihm sehr stark ausgeprägt. Als er in diesen für ihn fatalen Prozess verwickelt wurde, hätte er ins Ausland gehen können. Er tat es bewusst nicht. Seine Gegner nahmen Rache am Schönen. Das Schöne muss man zerstören – das ist ein gesellschaftliches Bedürfnis.“ Nickel hat die angesehene Ernst-Busch-Universität in Berlin absolviert. Knof kommt aus einer Theaterfamilie, Vater, Mutter und Großmutter sind Schauspieler.
Armes Mädchen Kate. Wenn man an Wilde denkt, kommt einem zwangsläufig das Brimborium um die Royals in den Sinn. Da hat sich seit den Lebzeiten des Dichters nicht viel geändert, oder? „Ich finde das aus der Distanz betrachtet sehr amüsant“, meint Knof. „Aber ich bin nicht traurig, dass wir keinen König von Preußen mehr haben. Ich gestehe, dass ich die Hochzeit von Kate und William im Fernsehen verfolgt habe – mit einer Freundin und mit Champagner. Wir haben uns die Lippen wund gelästert.“ Aber ist es nicht für jede Frau ein Traum, wie im gleichnamigen Film plötzlich Prinzessin zu sein? Knof schüttelt energisch den Kopf: „Das wäre für mich ein Albtraum, das Grauen schlechthin: eingesperrt sein, sich immer zurechtmachen müssen, auf Empfängen herumstehen, sich nie danebenbenehmen dürfen. Und jetzt noch diese Affäre mit den Oben-ohne-Fotos, das arme Mädchen, warum soll sie nicht mal nackt über den Strand laufen? Das ist doch lang her. Immer dieser Überwachungsdruck. Sie darf nicht arbeiten, alle Welt starrt ihr auf den Bauch, ob da schon ein Baby drin ist. Schrecklich!
„Niemals Prinzessin sein!“
11.10.2012 | 17:30 | Barbara Petsch (Die Presse - Schaufenster)
Christian Nickel und Pauline Knof spielen Lord und Lady Windermere in der Josefstadt. Ein Gespräch über Missverständnisse rund um den scharfzüngigen Oscar Wilde.
TIPP
Wilde-Vergleich, „Lady Windermeres Fächer“, ab 18. 10., Josefstadt; „Der ideale Mann“, Jelinek/Wilde, Burgtheater, 12., 22., 23. 10. Schaufenster.DiePresse.com
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